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KMail, Evolution, Thunderbird, Claws Mail

Die Mail-Kralle

Zwar wirkt er noch immer etwas exotisch, holt aber stetig zu seinen Konkurrenten auf: Der E-Mail-Client Sylpheed [6] des Japaners Hiroyuki Yamamoto findet immer mehr Anhänger. Das Ziel des Entwicklers lautet, einen schlanken und stabilen Mailclient zu schaffen, der trotzdem ausreichend Funktionalität mitbringt. Einen weiteren Entwicklungszweig für neue Features und Plugins nannten die Programmierer Sylpheed Claws. Er nabelte sich aber bald vom eigentlichen Projekt ab und entwickelte sich selbstständig weiter.

Abbildung 10: Claws Mail stellt eine schlanke Alternative zu den drei Platzhirschen unter den Linux-Mailprogrammen dar.

Im November letzten Jahres tauften die Entwickler die Software in Claws Mail [7], um letztlich weiteren Verwechslungsgefahren entgegen zu treten. Claws Mail basiert wie Evolution auf dem Gtk-Toolkit und läuft nicht nur unter Linux und anderen Unix-Derivaten, sondern versieht seinen Dienst auch auf Windows- und Mac-OS-X-Systemen.

Auf den ersten Blick bringt Claws Mail nicht viel Neues. Dem klassischen dreiteiligen Aufbau des Programmfensters bleibt auch dieser Client in der Standardansicht treu. Ähnlich wie KMail erlaubt die Software aber auch ein dreispaltiges Layout unter Ansicht | Anordnung | 3 Spalten. Dies bietet sich vor allem auf den neueren Notebook-Generationen an.

Ein Blick in die Konfigurationmöglichkeiten des Programms offenbart eine wahre Flut an Optionen für eine so schlanke Software. Neben den üblichen und bei allen vier Kandidaten vorbildlichen Einstellmöglichkeiten für mehrere Mailaccounts (mit separaten Optionen für die einzelnen Konten) bietet Claws unter Konfiguration | Einstellungen allerhand Möglichkeiten zum Umgang mit den Mails beim Verfassen, Senden und Empfangen.

Zahlreiche Optionen für die Nachrichtenansichten und allgemein eine bessere Übersicht bei vielen Konten mit vielen Mails erlauben den Zuschnitt der Software auf die individuellen Bedürfnisse. Besonders ins Auge fällt die mächtige Filterfunktion, die aber etwas umständlich zu bedienen ist (Abbildung 11). Der Menüpunkt Konfiguration | Filterung führt Sie zum Dialog. Geben Sie einen Namen für die Filterregel ein und bearbeiten die gewünschte Aktion jeweils im folgenden Dialog.

Abbildung 11: Das mächtige Filterwerkzeug von Claws Mail erlaubt Regeln nach vielen vordefinierten Vorgaben zu erstellen.

Das Kontextmenü eines Nachrichteneintrags erlaubt wie bei KMail das schnelle Filtern aufgrund der Daten in der Nachricht. Worin der Unterschied zwischen den Kontextmenüeinträgen Filterregel erstellen und Verarbeitungsregel erstellen im Einzelnen liegt, bleibt dem Anwender verschlossen. Beide münden in den selben Dialog. Was Claws Mail nicht von Hause aus mitbringt, integrieren die Entwickler über Plugins und Tools (Perl-Skripte), die beispielsweise einen Importfilter für KAdressbuch oder einen PDF-Viewer für Anhänge bereitstellen.

Solche Plugins laden Sie über Konfiguration | Plugins, wo Sie auf Plugin laden klicken. Der grüne Link weitere holen öffnet den Browser mit dem Online-Repository [8]. Leider verfügt Claws Mail über eine schlechte Systemintegration, was nicht zuletzt sicher den vielen unterstützten Plattformen geschuldet ist. Einige fehlende Funktionen, wie ein Tray-Icon, steht aber in Form eines Plugins bereit. Auch zum Einbinden des Spamassassin und zum Verwalten von GPG-Schlüsseln stehen Plugins bereit. Nach dem Laden finden sich die Optionen in den allgemeinen Einstellungen unter dem Punkt Plugins.

Völlig rudimentär kommt das integrierte Adressbuch daher (Abbildung 12). Außer dem Namen, einen Spitznamen und der Mailadresse gibt es keine Felder. Weitere Informationen tragen Sie höchsten über die zwei Felder Name und Wert recht zusammenhanglos ein.

Abbildung 12: Nachholbedarf hat das Adressbuch von Claws Mail: In der aktuellen Ausführung bietet es nur rudimentäre Funktionen.

Claws Mail im Überblick

Usability/Systemintegration +++
Konfigurierbarkeit ++++
Filterleistung ++++
POP-Accountverwaltung ++++
Sicherheit GPG/HTML ++
Spamfilter +++
Mailinglisten +++
Adressbuch/Kontakte +

Fazit

Im Grunde entsprechen alle vier Kandidaten im Testfeld den Anforderungen an ein modernes Mailprogramm. Nachholbedarf zeigt hier am ehesten Claws Mail – so fehlt neben einem vernünftigen Adressbuch auch eine unkomplizierte Integration von GPG und ein Spamfilter. Dabei darf man jedoch nicht übersehen, dass Claws als einziges der vier Projekte keine massive Unterstützung durch Unternehmen genießt.

Bei den anderen drei Mitstreitern dürften persönliche Vorlieben und Bedürfnisse die Wahl auf den geeigneten Client lenken. Vor allem aber die Systemnähe von KMail und Evolution zu KDE beziehungsweise Gnome bringt beiden Programmen noch einmal zusätzliche Vorteile. Ein eingefleischter Gnome-Nutzer greift kaum zu KMail und umgekehrt – obwohl das grundsätzlich durchaus möglich wäre. Thunderbird punktet mit Erweiterbarkeit, Themes und Plattformunabhängigkeit.

Installationen und Versionen

Für alle getesteten Programme liegen Distributionspakete vor. KMail als fester Bestandteil von KDE dürfte bei den meisten KDE-basierten Distributionen ohnehin bereits installiert sein, das gleiche gilt für Evolution unter Gnome. Die PIM-Anwendung fungiert beispielsweise unter Ubuntu als Standard-Mailclient. Die Version beider Programme hängt jeweils von der Aktualität des Desktops ab. KDE führt derzeit die Versionsnummer 3.5.7, die von Gnome lautet 2.20. Als stabile Evolution-Release gilt Version 2.10.3.

Bei der Suche nach Claws-Mail-Paketen müssen Sie aufpassen, diese nicht mit Sylpheed-Päckchen zu verwechseln: Für die großen Distributoren existieren aktuelle Pakete für beide Entwicklungszweige. Unter Suse beispielsweise fühlt sich Packman [9] für den Paketbau zuständig. Neben dem Paket claws-mail sollten Sie auch claws-mail-extra-plugins installieren. Aktuell bieten die Entwickler die Version 3.0.1 an. Die Pakete einiger Distributionen weisen aber noch niedrigere Versionsnummern auf.

Thunderbird laden Sie entweder als gepackte Binärdatei von der Projektseite [5] herunter oder nutzen das Paketsystem Ihrer Distribution. Aktuelle Linuxe dürften wohl kaum auf Thunderbird- und Firefox-Pakete verzichten. Thunderbird liegt derzeit in Version 2.0.0.3 vor. Zusätzlich zum Paket "Mozilla Thunderbird" (der Name variiert unter den Distributionen) benötigen Sie ein weiteres Paket für die deutsche Lokalisierung. Benutzer der Desktopsuche Beagle richten zusätzlich beagle-thunderbird ein, um mit dem beliebten Schnüffler in den Mails zu wühlen. (agr)

Glossar

POP

Post Office Protocol (RFC1939). Übertragungsprotokoll, über das ein Client Nachrichten von einem E-Mail-Server abholen kann. Aktuell ist die Version POP3. Eine ständige Verbindung zum Mailserver ist bei POP3 nicht notwendig, die Mails werden auf dem Client gespeichert.

IMAP

Internet Message Access Protocol (RFC3501). Im Gegensatz zu POP3 verbleiben die Nachrichten bei IMAP auf dem Mailserver, weswegen zum Lesen und Verwalten der E-Mails eine dauerhaft Serververbindung notwendig ist. Manche IMAP-Clients arbeiten daher im Offline-Modus mit einer lokalen Kopie der Nachrichten.

PIM

Personal Information Manager. Software, die persönliche Daten und Dokumente wie Kontakte, Termine, Aufgaben, Notizen, E-Mails und ähnliches verwaltet.

Mbox

Ablageformat für E-Mails, bei der alle Nachrichten in einer großen Datei abgespeichert werden.

Maildir

Verzeichnisstruktur zur Ablage von E-Mails, bei der jede Nachricht in einer eigenen Datei gespeichert wird.

SMTP-after-POP

Auch: POP-before-SMTP. Sicherheitsmechanismus beim Mailversand, bei der sich der Absender mit seinen POP3-Anmeldedaten beim Mailserver ausweist. Anschließend verbleibt ihm ein definiertes Zeitfenster, in dem er Nachrichten per SMTP versenden darf.

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Infos zum Autor

Mirko Albrecht

Mirko Albrecht schreibt seit Ende 2004 regelmäßig Beiträge für die Zeitschriften LinuxUser und EasyLinux. Wenn er nicht gerade eine neue Distribution ausprobiert, spielt er gern Schach oder fotografiert die Welt.
Seine Rechner werden meist von Xubuntu oder Opensuse bevölkert.


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LinuxUser 06/2012

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