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Linux für alle?

01.11.2007

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

ins Grübeln gebracht hat mich dieser Tage ein Leserbrief, dessen Verfasser sich über die Unzulänglichkeiten von Cedega ärgerte. Er benötigt die Windows-Emulation, so lässt sich aus der Zuschrift herauslesen, um die gesamte Familie von den Kindern bis zum Großvater auf Linux umzustellen – ob sie wollen oder nicht. Und nun läuft ausgerechnet das Spiel "Meine Tierpension", das Lieblingsprogramm der der zehnjährigen Tochter, nicht in Cedega. "Ich werde einen schweren Stand haben, weiter Linux auf des Tochters Rechner laufen zu lassen – und das ist insbesondere schade, weil ich mich schon mit der halben Familie verkracht habe, ohne die Windows-Befürwortung brechen zu können. Immer gibt es ein Beispiel irgendeiner blöden Software, die so nicht unter Linux zu haben ist. Leider zieht das Argument nicht, was unter Windows alles nicht geht, da ja keiner umsteigen will und dann das halt nicht benötigt." ärgert sich der Familienvater.

Soll jeder Linux benutzen? Muss man gar jeden zwingen, Linux zu benutzen? Meine Antwort auf beide Fragen lautet: Nein! Linux ist mehr als nur ein Betriebssystem und freie Software nicht nur ein Haufen kostenloser Programme. Beide haben einen starken nichttechnischen, gesellschaftlichen Kontext: Sie demonstrieren uns, was Einzelne auch ohne Kontrolle, Überwachung und gängelnde Vorschriften erreichen und aufbauen können, indem sie zusammen ihre Interessen wahrnehmen und an deren Verwirklichung arbeiten. Sie zeigen, dass nichtkommerzieller Gemeinsinn ebensoviel – und mehr! – bewirken kann, als Geiz-ist-geil und Shareholder Value. Sie demonstrieren den praktischen Sinn, Wert und Nutzen von Freiheit, facettiert in den "vier Freiheiten" [1]. Freiheit kann man nicht verordnen, sondern muss von ihr überzeugen – denn die grundlegenste aller Freiheiten ist die Wahl, zu sagen: Ich will nicht!

Mich hat von jeher dieser gesellschaftspolitische Aspekt von Linux überzeugt – ich persönlich würde es auch verwenden, wäre es das technisch schlechteste Betriebssystem der Welt. Das ist es freilich nicht, es ist aber auch kein Ersatz für Windows, sondern eine Alternative: Es erledigt viele Dinge anders – bei genauerem Hinsehen oft besser, aber eben doch anders. Es gibt dem Benutzer die volle Kontrolle über sein System an die Hand, verlangt aber andererseits vom Umsteiger den Willen zum Umdenken und selbst vom erfahrenen Benutzer noch die Bereitschaft, ständig dazuzulernen. Das mag nicht jeder leisten – für jemand, dem es nur auf einfache Bedienung ankommt, ist Linux auf den ersten Blick nur ein schlechtes Windows-Imitat mit weniger offensichtlicher Funktionalität, weniger Integration und mehr Komplexität [2].

Auch hier lautet die Devise: Überzeugen, nicht erzwingen. Demonstrieren Sie Windows-Anwendern doch erst einmal freie Software für die Microsoft-Plattform: Die Mozilla-Suite, OpenOffice, Gimp und vieles andere gibt's auch für Windows – demnächst sogar KDE. Machen Sie im Gespräch klar, dass und warum das "frei" zuerst und vor allem für Freiheit steht, nicht für Freibier – selbst wenn die Software trotzdem kostenlos ist. Zeigen, argumentieren, unterstützen Sie. Aber gestehen Sie ihrem Gegenüber auch die Option zu, Gewohnheit und Bequemlichkeit der Freiheit vorzuziehen – gerade dann, wenn's weh tut. Schließlich steht Linux nicht zuletzt für die Freiheit der Wahl.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

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