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Bananenrepublik

01.10.2007

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

am 4. September hat die ISO die Anerkennung von Microsofts Dokumentenformat "Office Open XML" (OOXML) als internationalen Standard fürs erste abgelehnt [1]. Nur 53 Prozent der qualifizierten Mitglieder stimmten für die Standardisierung, notwendig wäre jedoch eine Zwei-Drittel-Mehrheit gewesen. Zum Vergleich: Das Open Document Format ODF passierte die ISO-Normung ohne jede Gegenstimme.

Ist es erstaunlich, dass Microsofts Format nicht die erforderliche Mehrheit erzielt hat? Nein – eigentlich ist es eher ein Wunder, dass so viele nationale Gremien dem Vorschlag der Standardisierung zugestimmt haben. Zu unausgereift und wackelig kommt das Format daher: Schon die Spezifikation umfasst stolze 6000 Seiten – gegenüber nur 600 beim Open Document Format ODF. Angesichts dieser kaum noch handhabbaren, trotzdem aber an vielen Stellen unpräzisen Festlegung bezweifeln Kritiker, dass überhaupt jemand außer Microsoft selbst eine Implementation zustande brächte [2]. Der monströse Umfang von OOXML rührt nicht zuletzt daher, dass es unzählige Funktionen enthält, die lediglich dazu dienen, die Features und sogar die Bugs von Microsoft-Produkten bis zurück zu Word 6.0 (von 1993) zu imitieren ([3],[4]). Dazu gehören beispielsweise sachlich fehlerhafte Datums- und Zeitberechnungen oder Layout- und Umbruchfehler von lange verflossenen Office-Versionen. Ein Versuch in der Praxis zeigt, dass noch nicht einmal die von Microsoft Office 2007 erzeugten DOCX-Dokumente der hauseigenen Spezifikation entsprechen – zumindest akzeptiert die Suite keine Dokumente, die zwar wohlgeformtes OOXML enthalten, aber nicht von Office selbst erstellt wurden [5].

Offensichtlich ist aber die Marktmacht Redmonds so groß, dass man zumindest die Normungsgremien kleinerer Staaten trotzdem problemlos "auf Linie" bringen kann. Dass aber neben den Standardisierern etwa aus Barbados, dem Kongo, Syrien und Fiji ausgerechnet das Deutsche Institut für Normung (DIN) Microsofts Machwerk zum internationalen Maßstab machen will, überrascht dann doch etwas – um so mehr, als Industriestaaten wie Frankreich und Großbritannien OOXML eine klare Abfuhr erteilt haben [6].

Aber offiziöse wie offizielle Stellen in Deutschland sind wohl inzwischen schon so fest in der Hand der Redmond-Lobby, dass sich keiner mehr die Frage nach dem Sinngehalt von Aktionen und Standards stellt, die nur einem nützen: Microsoft. Das macht auch vor der Bundesregierung nicht halt, wie die unsägliche Initiative "IT-Fitness" [7] glasklar demonstriert. Sie entstand in Zusammenarbeit von Microsoft mit Partnern wie der Bundesanstalt für Arbeit und soll angeblich Menschen fit für den Umgang mit Computern im Berufsalltag machen. Der "IT-Fitness-Test" der Initiative ist aber nur für Anwender von Microsoft-Produkten zu bestehen, da sich die gestellten Fragen fast ausschließlich auf diese beziehen. Auf die Tatsache angesprochen, dass der Test Linux- und Mac-Anwender vollkommen ausgrenze, ließ die Intiative wissen, wer "alternative Programme" verwende sei "leider zwangsläufig im Nachteil" [8]. Wer Linux nutzt, ist also zwangsläufig im Nachteil – das zeigt, woher der Wind hier weht: Microsoft-Produktwerbung mit staatlicher Unterstützung. "Es ist beängstigend und skandalös, wie wie deutsche Politik und Teile der US-amerikanischen IT-Industrie hier schon fast selbstverständlich Hand in Hand arbeiten.", findet Elmar Geese vom Linux-Verband e.V. [9]. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen – willkommen in der Bananenrepublik Deutschland.

Herzliche Grüße

Jörg Luther

Chefredakteur

Infos

[1] OOXML abgelehnt: http://www.iso.org/iso/newsandmedia/pressrelease.htm?refid=Ref1070

[2] "Can Other Vendors Implement Microsoft's Office Open XML?": http://holloway.co.nz/can-other-vendors-implement-ooxml.html

[3] "The formula for Failure": http://www.robweir.com/blog/2007/07/formula-for-failure.html

[4] "How to hire Guillaume Portes": http://www.robweir.com/blog/2006/01/how-to-hire-guillaume-portes.html

[5] "OOXML is defective by design": http://ooxmlisdefectivebydesign.blogspot.com/2007/08/microsoft-office-xml-formats-defective.html

[6] Liste der Abstimmungsergebnisse: http://www.groklaw.net/article.php?story=20070904082606181

[7] Initiative "IT-Fitness": http://www.it-fitness.de/

[8] Live e.V., "Microsoft-Produktwerbung mit staatlicher Unterstützung": http://tinyurl.com/2jdjts

[9] Linux-Verband e.V.: http://www.linux-verband.de

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Jörg Luther

Jörg Luther

Jörg Luther arbeitet seit 1995 als IT-Journalist. Seine Vorliebe für das freie Betriebssystem lebt er privat in der LUG Erding und beruflich seit 2004 als Chefredakteur des LinuxUser aus.

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