Aufmacher

Auf neuen Pfaden

Preview auf die kommende Ubuntu 7.10

01.10.2007
In wenigen Wochen tritt Ubuntu 7.10 "Gutsy Gibbon" den Weg auf die Download-Server an. Die jetzt erhältliche fünfte Alpha-Version lüftet schon vorab einige Geheimnisse.

Ubuntu-Gründer und Mäzen Mark Shuttleworth hatte in den vergangenen Monaten bereits mehrfach angekündigt, dass die kommende Version andere Schwerpunkte setzt, als die beiden vorangegangenen Releases. Während bei Ubuntu 6.10 und 7.04 [1] die Stabilität und Fehlerkorrektur im Vordergrund der Entwicklungsarbeiten standen, enthält Ubuntu 7.10 wieder mehrere Neuerungen, die den Anwender beim Umgang mit dem System unterstützen.

Die Alpha-Version Tribe 5 kommt wie gewohnt unspektakulär auf einer CD-ROM daher, die sowohl als Live-System als auch zur Installation auf der heimischen Festplatte funktioniert. An der Startgeschwindigkeit des Systems hat sich kaum etwas geändert, auch nach dem Booten der Live-CD präsentiert sich Ubuntu 7.10 Tribe 5 in gewohntem Outfit mit erdbraunem Desktop.

Unter der Haube werkelt jetzt jedoch der Kernel 2.6.22, und auch den Gnome-Desktop aktualisierten die Entwickler auf die Version 2.19.6. Der Webbrowser Firefox liegt in Version 2.0.0.6 vor, und die OpenOffice-Suite meldet sich beim Start mit dem aktuellen Developer Snapshot 2.3.0. Bildbearbeiter kommen mit dem Gimp-Release 2.3.18 in den Genuss einer brandneuen Software. Die in Gnome integrierten Programme sind natürlich ebenfalls auf den neuesten Stand gebracht.

Nichtsdestotrotz treten bei der Vorversion noch einige Probleme auf: So gestaltet sich der Bootvorgang sehr holperig, wenn im Rechner bestimmte Grafiksysteme von Intel ihren Dienst versehen. Bei einem der Testsysteme mit Intel-i810-Grafikkarte und Shared Memory ließ sich das Betriebssystem erst durch manuelles Aktivieren des Framebuffer-Modus mithilfe der Eingabe fb1024x768 am Bootprompt zur Kooperation bewegen.

Im Live-Modus fehlt die Druckfunktion, so dass sich eine sehr interessante Innovation – die des PDF-Exports aus jeder Applikation heraus – im Test nicht begutachten ließ. Daher empfiehlt sich für jene Nutzer, die das System eingehend kennenlernen möchten, die Installation auf die Festplatte. Beachten Sie, dass die vorliegende Version von der Heft-DVD nur das Installieren aus dem Live-System unterstützt. Ein Update einer älteren Tribe-Version ist damit nicht möglich.

Installation

Falls Sie die Alpha-Version also auf der Festplatte installieren möchten, wählen Sie am Startbildschirm der Heft-DVD den Eintrag Ubuntu 7.10 Gutsy - live aus. Nach dem Booten finden Sie wie üblich das Installations-Icon auf dem Desktop. Mit einem Klick starten Sie den grafischen Installer, der in acht Schritten Gutsy Gibbon auf die Festplatte hebt. Zunächst sticht hier jedoch ein unübersehbarer Warnhinweis ins Auge, der daran erinnert, dass es sich beim Installer um eine Pre-Release handelt, also um ein noch in der Entwicklung befindliches Programm. Der dringende Ratschlag lautet daher, vor der Installation von bereits auf der Festplatte vorhandenen Daten ein Backup anzufertigen, und die Software nicht auf einem Produktivsystem einzusetzen.

Der Installer führt auf den Folgeseiten mit wenigen Mausklicks durch die grundlegende Konfiguration des Systems. Angenehm fällt hierbei auf, dass der in Version 7.04 eingeführte Migrationsassistent offensichtlich dazugelernt hat: Auf dem Testsystem erkannte er drei bereits zuvor installierte weitere Linux-Distributionen korrekt und schlug die Übernahme der darin enthaltenen Daten vor (Abbildung 1).

Abbildung 1: Der Migrationsassistent erleichtert die Übernahme von Konfigurationsdaten aus anderen Linux-Distributionen.

Nachdem Sie die nötigen Angaben gemacht haben, schaufelt der Installer – je nach Rechnergeschwindigkeit – innerhalb von etwa 20 bis 30 Minuten das Betriebssystem und die Applikationen mit einem Gesamtumfang von etwa 2 GByte auf die Festplatte. Die bereits bei früheren Ubuntu-Versionen bemängelte, sehr eingeschränkte Möglichkeit, den Grub-Bootloader manuell zu konfigurieren, haben die Entwickler auch im neuen Release des grafischen Installers nicht geändert.

Nach Abschluss der Installation starten Sie den Rechner neu, um mit dem gerade installierten System zu arbeiten. Im Test passierte dabei zunächst in einigen Fällen gar nichts. Wie sich herausstellte, macht die Konfiguration des Bootloaders noch einige Probleme: So installiert sich Grub bei manchen Systemen unerklärlicherweise nicht im MBR der Festplatte, sondern im Bootsektor der Ubuntu-Partition.

Auf den Testrechnern waren weitere Betriebssysteme mit einem Grub-Bootloader installiert, so hier zunächst ein manuelles Anpassen der Konfiguration nötig war, um die Ubuntu 7.10 Tribe 5 überhaupt zu starten (siehe Kasten "Grub startklar machen").

Grub startklar machen

Um den Bootmanager Grub in den MBR der Festplatte zu installieren, gehen Sie wie folgt vor: Booten Sie das System von einer Live-CD (Ubuntu selbst oder beispielsweise Knoppix). Danach öffnen Sie ein Terminal und mounten mit dem Befehl sudo mount -o dev,rw /mnt/hdaPartitionsnummer (bei Knoppix) oder sudo mount -o dev,rw /dev/sdaPartitionsnummer (bei Ubuntu) die gewünschte Partition.

Danach starten Sie Grub mit dem Befehl grub. Mit dem nun folgenden Befehl root (hd0,x) weisen Sie Grub an, beim Systemstart alle weiteren Dateien aus dieser Partition zu lesen. Das x in der Partitionsangabe ersetzen Sie dabei gegen die gewünschte Zielpartitionsnummer. Beachten Sie dabei bitte, dass bei Grub die Partitionsnummern nicht bei 1, sondern bei 0 beginnen. Die Partition hda2 (zweite Partition auf der ersten IDE-Festplatte) spricht Grub als (hd0,1) an. Anschließend sorgen Sie mit setup (hd0) dafür, dass Grub in den Bootsektor der ersten Festplatte installiert. Schließlich verlassen Sie das Programm mit quit.

Diese Ungereimtheiten sind wohl auf den Alpha-Status des Betriebssystems zurückzuführen, die Entwicklern werden sie bis zur Final Release wohl noch beheben. Nach dem Anpassen der Grub-Konfiguration startet Ubuntu 7.10 in gewohnter Manier.

Nach dem Einloggen stechen zunächst drei neue Icons in der oberen Gnome-Panelleiste ins Auge. Eine kleine stilisierte Platine weist auf "Restricted Drivers" hin, die beim korrekten Ansteuern der Hardware dienlich wären. Im Gegensatz zu den offenen Hardware-Treibern von freien Entwicklern handelt es sich bei diesen um proprietäre Software von Hardwareherstellern, die eigene Linux-Treiber für ihre Komponenten entwickelt haben, meistens Treiber, für die Grafikhardware (Abbildung 2).

Abbildung 2: Proprietäre Treiber zeigt Ubuntu 7.10 an.

Links daneben befindet sich eine kleine gelbe Lupe mit einem Blitzsymbol, die das Gnome-Applet Deskbar symbolisiert. Deskbar erlaubt es, schnell und ohne aufwändigen Programmstart Suchbegriffe in vordefinierten Quellen nachzuschlagen. Als Quellen sind bereits acht verschiedene Websites hinterlegt, die Sie jedoch noch um zusätzliche lokale Quellen ergänzen dürfen. Bei Eingabe eines Suchbegriffes und einem Klick auf die entsprechende Suchquelle in der Auswahlliste startet Firefox mit der dazugehörigen URL, um den gewünschte Begriff nachzuschlagen (Abbildung 3).

Abbildung 3: Wer suchet, der findet – bei Ubuntu noch einfacher als bisher.

Zusätzlich findet sich links daneben ein weiteres Applet zum schnellen Wechsel des Benutzers. Hier bearbeiten Sie außerdem neben den individuellen Nutzereinstellungen, wie der Zugehörigkeit zu Gruppen, auch die persönlichen Daten und das Erscheinungsbild des Login-Bildschirms für jeden Anwender.

Weitere hochinteressante Innovationen finden sich nicht mehr auf der Arbeitsoberfläche, sondern in den Menüs. Ein neues Alleinstellungsmerkmal von Ubuntu gegenüber anderen Betriebssystemen bildet der von Red Hat stammende, neu in das System aufgenommene Druckermanager, der auf dem System-Config-Printer aufbaut. Dieser löst mitsamt der entsprechenden grafischen Oberfläche den alten, bereits seit Jahren nicht mehr gepflegten Gnome-Druckermanager ab.

Das Bedienkonzept des grafischen Tools ist einfach und intuitiv. Doch die Ubuntu-Entwickler haben sich noch ein weiteres Highlight überlegt: einen fest vordefinierten, lokalen Drucker namens PDF_file_generator. Dieser Drucker ermöglicht es Ihnen, aus jedem Programm heraus Dateien als PDF-Dokument abzuspeichern. Dabei legt der virtuelle Drucker einen Unterordner PDF im persönlichen Verzeichnis an, in dem die PDF-Dokumente landen.

Im Hintergrund werkelt hier die Pre-Release 8.61 von Ghostscript. Die Dokumente legt Ubuntu im PDF-Format 1.4 ab, so dass sie faktisch mit allen Readern kompatibel sind. Bei unseren Tests hat sich die Funktion trotz Einsatz der Pre-Release-Version von Ghostscript als sehr stabil erwiesen. Zudem lagen die so generierten PDF-Dokumente in einwandfreier Qualität vor.

Allerdings erlaubt der Treiber nicht das Abspeichern so detaillierter Informationen zum Dokument, wie dies beim PDF-Export aus OpenOffice heraus der Fall ist. Für Dokumente, die Sie entweder rasch im Internet publizieren oder einem breiteren Kreis von Anwendern zugänglich machen möchten, erweist sich die Ubuntu-Variante als bequem, schnell und sehr elegant.

Auch Firefox hat eine interessante Produktpflege erfahren und bietet jetzt die Option, über den Addon-Manager Extensions bequem per Mausklick zu installieren. Durch einen zusätzlich integrierten Plugin-Finder erledigen Sie zudem das bisher oft lästige und wegen verschiedener Installationsroutinen auch umständliche Setup von Plugins in Firefox zukünftig mit wenigen Mausklicks.

Ein weiterer nützlicher Beitrag zur Bedienerfreundlichkeit stellt der grafische Assistent für die Konfiguration des X-Servers dar. Bislang war es für manchen Anwender mit erheblichem Aufwand verbunden, mehrere Bildschirme – und diese womöglich noch mit verschiedenen Auflösungen – an einem Rechner zu betreiben. In diesem Fall war stets die Datei /etc/X11/xorg.conf händisch zu bearbeiten.

Ab Version 7.10 finden Sie nun im Menü System | Systemverwaltung den Eintrag Bildschirme und Grafik, der die Konfiguration des X-Servers mit wenigen Mausklicks ermöglicht. Hier definieren Sie nicht nur mehrere Bildschirme mitsamt ihrer Auflösung und Bildwiederholfrequenz, sondern erledigen auch den Wechsel der Grafikkarte auf elegant einfache Weise. Bei Premium-Bildschirmen sieht das System dabei Auflösungen bis zu 2048x1536 Bildpunkten vor; im Notebook-Bereich unterstützt das Frontend selbst neueste Displays nach dem WUXGA-Standard mit 1920x1200 Bildpunkten (Abbildung 4).

Abbildung 4: Monitoreinstellungen nehmen Sie unter Ubuntu 7.10 bequem grafisch vor.

In die drei Hauptmenüs von Gnome – Anwendungen, Orte und System – haben die Ubuntu-Entwickler ebenfalls einige Neuerungen aufgenommen. So findet sich jetzt im Menü Anwendungen | Büro auch das von Hewlett-Packard stammende HPLIP Fax Utility und das dazugehörige Fax Address Book. Diese beiden Applikationen ebenso wie die HPLIP Toolbox im Verzeichnis System | Einstellungen sind jedoch nach einer Standardinstallation der Live-CD nicht funktionsfähig, da Sie zunächst das Paket python-qt3 nachinstallieren müssen. Das Paket befindet sich nicht auf der CD-ROM, so dass Sie zu seiner Installation ein Internet-Zugang benötigen. Zusätzlich findet sich im Menü Anwendungen ein neues Untermenü Systemwerkzeuge, in dem sich bislang allerdings nur zwei Shells befinden.

Beim Konfigurieren des Desktops profitiert Ubuntu von einer zusätzliche Neuheit in Gnome (siehe dazu Artikel zu den Neuheiten von Gnome 2.20 in dieser Ausgabe). Der neue Themenmanager im Menü System | Einstellungen heißt auch bei Tribe 5 Appearance. Unter dem Menüpunkt nehmen Sie nun – sauber getrennt und in horizontalen Reitern zusammengefasst – alle Einstellungen für den Desktop vor. Hier aktivieren Sie, sofern Ihre Grafikkarte 3D-Effekte unterstützt, diese unter dem Reiter Desktop Effects. Bei Grafikkarten, die nicht 3D-fähig sind, quittierte das System das zwangsweise Aktivieren der Effekte im Test nicht wie bei manchen älteren Linux-Varianten mit einem Absturz des X-Servers, sondern lediglich durch eine entsprechende Fehlermeldung (Abbildung 5).

Abbildung 5: Durch den neuen Thememanager Appearence stellen Sie ein modisches Outfit unter Ubuntu 7.10 jetzt noch übersichtlicher ein.

Fazit

Der mutige Affe von Mark Shuttleworth präsentiert sich bereits als fünfte Alpha-Version höchst interessant und mit einer ganzen Reihe innovativer und anwenderfreundlicher Tools. Besonders hervorzuheben ist die neue Druckerkonfiguration mit der Möglichkeit, aus jedem Programm heraus PDF-Dokumente zu generieren.

Auch der grafische Konfigurationsassistent für den X-Server dürfte manchem Anwender das lästige und nicht mehr zeitgemäße manuelle Bearbeiten der Datei /etc/X11/xorg.conf ersparen. Die Innovationen beim Webbrowser Firefox machen zukünftig das Einbinden von Extensions oder Plugins zum Kinderspiel. Und nicht zuletzt die Applets in der Panelleiste sind echte Arbeitserleichterungen.

Verzeihlich erscheint dagegen für eine Alpha-Version die bislang nur ansatzweise vollzogene Lokalisation, die derzeit noch einen sprachlichen Wirrwarr von englischen und deutschen Begriffen und Menübezeichnungen mit sich bringt sowie die Probleme mit bestimmten Intel-Grafikkarten und dem Bootmanager Grub. Es ist aufgrund der zahlreichen Verbesserungen anzunehmen, dass der mutige Affe in der Final-Release einen ähnlich kraftvollen Eindruck hinterlässt, wie die bisherigen Ubuntu-Versionen [2].

Infos

[1] Ubuntu: http://www.ubuntulinux.com

[2] Ubuntu-Releases: https://wiki.ubuntu.com

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