Aufmacher

Tanzfieber

Partyspaß mit Tanzmatten

01.08.2007
Durch Deutschland geht ein Ruck. Schuld daran sind Tanzspiele. Unter Linux animiert das kostenlose Stepmania seine Besitzer zu merkwürdigen Bewegungen auf einer Plastikmatte.

Ende der 90er Jahre veröffentlichte Konami sein Spiel Dance Dance Revolution (kurz DDR) und löste damit unter Videospielkonsolen-Besitzern einen regelrechten Tanzboom aus. Der besondere Clou war das extrem ungewöhnliche Eingabegerät: Statt den Spieler passiv auf die Couch zu verbannen, zerrte ihn DDR auf eine so genannte Tanzmatte (Abbildung 1). Ein solcher Plastikteppich besteht aus mehreren Feldern, in denen Sensoren die Schrittstellung des Tänzers registrieren. Das Spiel zeigt auf dem Bildschirm eine Schrittfolge an, die der Tänzer auf der Matte möglichst schnell nachhüpfen muss. Mehr oder weniger aktuelle Musikstücke aus den Charts untermalen die durchaus schweißtreibende Angelegenheit. Wer eine zweite Tanzmatte erwirbt, darf sogar mit einem Gegenspieler um die Wette springen.

Abbildung 1: Die Matte von 2-Tech bietet am oberen Rand vier zusätzliche Schaltflächen, dünstet dafür aber nach dem Auspacken einige Zeit unangenehme Gerüche aus.

Tanzender Pinguin

Wer bisher ein Tänzchen wagen wollte, musste tief in die Tasche greifen. Neben einer aktuellen Spielekonsole fielen auch noch Kosten für das Tanzspiel und besagte Matten an. Ein paar begeisterte Hobbytänzer wollten sich damit nicht abfinden und entwickelten kurzerhand Stepmania [1](Abbildung 2). Dieser Dance-Dance-Revolution-Klon verwandelt Ihren Linux-PC in eine kostengünstige Tanzmaschine. Zusätzlich benötigen Sie eine Tanzmatte für rund 10 Euro. Die stöpseln Sie in Ihren PC, starten Stepmania und tanzen los – aber es gibt ein paar kleinere Fallstricke.

Abbildung 2: Der Startbildschirm von Stepmania. Insgesamt kommt das Spiel in sehr knalligen Farben daher.

Materialwahl

Tanzmatten gibt es in der Regel ausschließlich für Konsolen mit ihren proprietären Steckern. Lediglich der Hersteller 2-Tech lieferte kurzzeitig eine Matte mit USB-Anschluss. Die gibt es zwar noch auf den Seiten der Firma [2], der Handel listet sie aber als ausverkauft. Mit viel Glück stoßen Sie noch irgendwo auf Restbestände. Doch damit muss der Traum von der eigenen Tanzparty nicht gleich platzen.

Adapter

Die Lösung liefern herkömmliche Gamepad-Adapter. Sie ermöglichen den Anschluss von Tanzmatten, die eigentlich für die Playstation gedacht sind. Die Adapter fungieren dabei als Übersetzer zwischen Matte und USB-Anschluss. Neue Tanzmatten finden Sie nebst passenden Adaptern im gut sortierten Zubehörhandel für Videospiele, beides je nach Verarbeitungsqualität ab 5 Euro. Doch Vorsicht: Nicht jede Tanzmatte funktioniert mit jedem Adapter. Die Stepmania-Entwickler führen auf ihrer Homepage eine Liste [3] mit allen bislang getesteten Tanzmatten und eine für die Adapter [4]. Finger weg heißt es vor allem für Produkte der Firma Logic3. Leider sieht man den Matten nur selten an, von welchem Hersteller sie stammen.

Bei den Adaptern klappt das eher, seien Sie dennoch vorsichtig. Probleme bereitet etwa der im Einzelhandel äußert weit verbreitete Adapter der Firma Speedlink (Abbildung 3). Er funktioniert definitiv nicht mit Tanzmatten, was neben den Stepmania-Spielern auch unsere eigenen Tests bestätigen.

Abbildung 3: Der Gamepad-Adapter von Speedlink ist zwar billig und weit verbreitet, verweigert jedoch die Zusammenarbeit mit Tanzmatten.

Viele Adapter verlangen nach einem speziellen Windows-Treiber und sind somit unter Linux nutzlos. Achten Sie deshalb darauf, dass die Artikelbeschreibung explizit auf einen treiberlosen Betrieb hinweist. Zu allem Überfluss scheinen einige Adapter auf den ersten Blick zu funktionieren, sind jedoch blind gegenüber einem Sprung auf zwei Felder. Da die meisten Lieder solche Sprünge erfordern, taugen solche Adapter auch nichts.

Unter Druck

Neben den erwähnten USB-Adaptern treffen Sie mitunter auf Gamepad-Adapter, die den Parallelport bevorzugen. Der Weg über die mittlerweile ausgemusterte Drucker-Schnittstelle führt zu einer extrem komplizierten Konfigurationsorgie [5], die nicht selten in einer kompletten Neuerstellung des Linux-Kernels endet. Bleiben Sie besser bei einem Adapter für die USB-Schnittstelle.

Wenn Ihnen nun der Kopf brummt, greifen Sie einfach zum so genannten EMS2-Adapter [6],[7]. Er kostet mit über 20 Euro etwas mehr als die Konkurrenz, funktioniert aber auch ohne zu Murren – sogar mit zickigen Matten. Nicht umsonst empfehlen ihn sowohl wir, als auch die Stepmania-Entwickler (Abbildung 4).

Abbildung 4: Der EMS2-Adapter bietet nicht nur ein extrem langes Kabel, er ist zudem auch noch robust und schluckt fast jedes Tanzmatten-Fabrikat.

In jedem Fall sollten Sie sich vom Händler die Zusammenarbeit des Adapters sowohl mit Linux, als auch mit Tanzmatten bestätigen lassen. Ein erster Hinweis darauf bietet die Angabe "Stepmania kompatibel" in der Produktbeschreibung. Relativ sicher fahren Sie mit einem Komplettpaket aus Adapter und Matte. Beharren Sie dennoch auf einer Rückgabe- oder Austauschmöglichkeit.

TIPP

Fast alle Matten stammen von Billig-Herstellern aus Fernost, was man nach dem Auspacken deutlich zu riechen bekommt. Diese Ausdünstungen des Plastikmaterials verursachen im günstigsten Fall Kopfschmerzen. Sie sollten die Matten daher für einige Zeit im Keller oder auf dem Dachboden auslüften.

Ministeck

Ist die Matte einsatzfähig, stöpseln Sie sie an. Stecken Sie immer erst die Tanzmatte in den Adapter und diesen dann seinerseits in den PC. Achten Sie beim EMS2-Adapter darauf, dass ein eventuell vorhandener Schiebeschalter auf PC steht und die Matte im Anschluss Game Controller steckt. Die Strippe mit dem gelben Stecker brauchen Sie nicht.

Ihr Linux-System sollte den Adapter samt Matte als normalen USB-Joystick erkennen. Den Erfolg prüfen Sie mit einem Aufruf von dmesg in einem Terminalfenster. Die letzten Ausgaben sollten ähnlich wie in Abbildung 5 aussehen und sich auf den Joystick am USB-Port beziehen.

Abbildung 5: Die letzten Zeilen der Ausgabe von Dmesg beziehen sich auf das angestöpselte Gespann aus Adapter und Tanzmatte.

Mit Root-Rechten tippen Sie nun den Befehl modprobe joydev ein. Damit weist Ihr Linux-System der Matte einen Namen in Form einer Gerätedatei zu – gewöhnlich /dev/input/js0 oder /dev/js0.

Anschließend prüfen Sie in den Joystick-Einstellungen Ihrer Distribution die korrekte Funktionsweise der Matte. Die erreichen Sie unter KDE, indem Sie [Alt]+[F2] drücken, kcontrol eingeben und im KDE-Kontrollzentrum den Punkt Angeschlossene Geräte | Joystick auswählen.

Gnome-Anwender, etwa alle Ubuntu-Nutzer, müssen etwas mehr Aufwand betreiben und zunächst das Paket joystick einspielen. Das darin enthaltene Testprogramm Jstest starten Sie in einem Terminalfenster mit dem Befehl

$ jstest --normal Gerätedatei

wobei Sie als Gerätedatei die für den Joystick gültige Gerätedatei angeben, also /dev/input/js0 oder /dev/js0.

Leuchtfeuer

Sobald Sie ein Feld auf der Matte betreten, sollte in KDEs Joystick-Einstellungen eine entsprechende Information erscheinen. Zwei Probleme können das verhindern: Einige Adapter müssen Sie zunächst in einen so genannten Tanzmattenmodus versetzen. Dazu belegen Sie während des Einstöpselns drei Felder auf der Matte für einige Sekunden gleichzeitig – in der Regel Select, Start und den Pfeil nach oben. Für gewöhnlich kostet das eine kleine Verrenkung.

Ein weiteres Problem entsteht, wenn Ihre Linux-Distribution für den Adapter eine Gerätedatei erstellt, deren Name nicht den gängigen Gepflogenheiten entspricht. In diesem Fall werfen Sie einen Blick in die Ausgabe von Dmesg oder suchen im Unterverzeichnis /dev/input nach der passenden Gerätedatei. Mit ihr erzeugen Sie als Benutzer root im Verzeichnis /dev einen Link auf den Joystick: ln -s Gerätename /dev/js0.

Schrittverrückter

Sobald das Gespann aus Tanzmatte und Adapter korrekt reagiert, laden Sie sich Stepmania unter [8] herunter. Greifen Sie dabei zum Binärpaket, das mit allen halbwegs aktuellen Distributionen funktioniert. Entpacken Sie es anschließend in ein Verzeichnis Ihrer Wahl. Über den Paketmanager Ihrer Distribution installieren Sie die SDL-Bibliothek und dessen Kompagnon SDL-Image (unter Ubuntu im Paket libsdl_image, unter OpenSuse SDL_image). Als Dritter im Bunde fehlt noch das Paket mad.

Am einfachsten haben es Ubuntu-Nutzer, die via Paketmanager nach libmad0 suchen und es einspielen. Unter OpenSuse fallen deutlich mehr Handgriffe an: Binden Sie zunächst Packman als zusätzliche Paketquelle ein (ftp://packman.iu-bremen.de/suse/10.X, wobei Sie X durch 1 oder 2 ersetzen). Dann starten Sie wie gewohnt den Paketmanager und installieren mad.

Verwenden Sie eine der vielen anderen Distributionen, deren Paketmanager kein libmad mitbringt, laden Sie die gleichnamige Bibliothek unter [9] oder von der Heft-CD herunter und übersetzen sie per Hand.

Abschließend verlangt Stepmania noch eine aktivierte und funktionierende 3D-Beschleunigung. Nvidia- und ATI-Nutzer verwenden gewöhnlich die proprietären Treiber der Hersteller, Hilfe bietet unter anderem ein Artikel unserer Schwesterzeitschrift EasyLinux [10].

Almdudler

Kein Stepmania ohne Tanzmusik: Eigene Musik-CDs oder MP3-Dateien reichen hier nicht aus, da sie keinerlei Informationen über passende Schrittfolgen enthalten. Auf der Stepmania-Homepage finden Sie glücklicherweise bereits eine recht breite Musikauswahl [11]. Für den Anfang empfiehlt sich eines der vier Plague-Mix-Archive. Die Dateien besitzen die Endung smzip, hinter der sich ein gewöhnliches ZIP-Archiv verbirgt. Mindestens eine solche Datei entpacken Sie nun über unzip. Der Inhalt aus dem Verzeichnis Songs gehört in das gleichnamige Verzeichnis im Stepmania-Ordner.

Vorbereitungen

Derart mit Musik bestückt, starten Sie Stepmania in einem Terminalfenster per ./stepmania. Den Eingangsbildschirm überspringen Sie mit [Eingabe]. Wechseln Sie nun in das Options-Menü und dort zum Punkt Test Input. Sobald Sie nun eines der Felder auf der Matte aktivieren, erscheint eine mehr oder weniger kryptische Meldung auf dem Schirm. Das heißt, auch Stepmania erkennt die Tanzmatte (Abbildung 6).

Abbildung 6: Der Testbildschirm von Stepmania. Auch wenn hier drei Werte erscheinen, wurde auf der Matte nur ein Feld aktiviert. Die zwei zusätzlichen Einträge weisen auf eine falsche Tastenbelegung hin.

Per [Esc] geht es wieder zurück ins Options-Menü, wo Sie zum Punkt Config Key | Joy Mappings wechseln. Der neue Bildschirm teilt sich in drei Bereiche: In der Mitte stehen alle möglichen Aktionen. Jeder dieser Aktionen können Sie nun auf der linken und rechten Seite jeweils bis zu drei verschiedene Tasten oder Tanzmattenfelder zuordnen. Die Einträge auf der linken Seite beziehen sich dabei auf die Felder der ersten Matte, die auf der rechten Seite auf eine zweite Matte. Ein waagerechter Strich zeigt an, dass weder Feld noch Taste zugeordnet wurden.

Sofern nur eine Matte an Ihrem PC hängt, interessiert nur die linke Seite. Sie steuern mit der Tastatur dort eine der bisherigen Belegungen in der äußerst linken Spalte an, drücken [Eingabe] und aktivieren dann das passende Feld auf der Matte. Weisen Sie mindestens den sechs verschiedenen Richtungen, sowie Start und Back ein entsprechendes Feld zu, dann drücken Sie [Esc]. Ab sofort steuern Sie Stepmania vollständig über die Tanzmatte.

Wieder im Options-Menü, geht es zu den Graphic Options. Hier stellen Sie in der obersten Reihe mit den Pfeiltasten eine höhere Auflösung ein. Alle restlichen Parameter belassen Sie zunächst auf ihren Standardwerten.

Saturday Night Fever

Wieder zurück im Hauptmenü wählen Sie Game Start, dann einen Spielmodus (ohne eine zweite Matte in der Regel Single) und einen Schwierigkeitsgrad. Es folgt das Menü zur Auswahl der Musikpakete. Per [Eingabe] übernehmen Sie einfach alle vorhandenen Musikstücke in die anschließend erscheinende Liste. Nun landen Sie auf einer kurzen Spielanleitung, die Sie ebenfalls per [Eingabe] beiseite schieben.

Endlich erscheint die Musikauswahl (Abbildung 7). Obwohl die Liste am rechten Rand von unten nach oben rollt, durchsuchen Sie diese mit [Pfeil links] und [Pfeil rechts]. Achten Sie auch auf die Informationen links unten am Bildschirmrand. Das Diagramm verdeutlicht, welchen körperlichen Einsatz das gerade gewählte Musikstück erfordert, der Balken mit den Füßen gibt den Schwierigkeitsgrad an. Sofern Sie zum ersten Mal auf einer Matte stehen, beginnen Sie am Besten mit einem Lied, das dort nur einen leuchtenden Fuß zeigt. Lassen Sie sich für Ihre Wahl jedoch nicht zu lange Zeit: Die Uhr rechts oben am Bildschirmrand tickt unerbittlich.

Abbildung 7: Die Auswahl der Tanzmusik erfolgt über die rechte und linke Pfeiltaste, wählen Sie zu Beginn einen Titel mit geringem Schwierigkeitsgrad.

Wählen Sie das passende Stück aus und drücken Sie [Eingabe]. Für einen kurzen Augenblick erscheint jetzt die Aufforderung, erneut [Eingabe] zu drücken. Gehen Sie darauf ein, klappt ein Menü mit speziellen Einstellungen auf. Unter anderem können Einsteiger hier die Ablaufgeschwindigkeit der Schritte drosseln (oberster Punkt in der Liste) oder Profis diese beschleunigen.

Hüpfburg

Nach dem eigentlichen Spielstart laufen von unten nach oben Pfeile durchs Bild. Sobald diese die eingerahmten Pfeile am oberen Rand berühren, springen Sie auf der Tanzmatte auf genau dieses Feld (Abbildung 8). Erscheinen mehrere Pfeile, müssen Sie die passenden Felder zugleich aktivieren. Verpassen Sie den genauen Zeitpunkt oder springen Sie auf ein falsches Feld, gibt es weniger oder gar keine Punkte.

Abbildung 8: Hier stellt sich der Tänzer ganz ordentlich an, auf dem Bildschirm erscheint ein Good.

Fazit

Wer einmal auf einer Party Blut geleckt hat, will so schnell nicht wieder von der Tanzmatte herunter. Stepmania schürt das Tanzfieber durch zahlreiche Spielmodi und stetigen Musik-Nachschub. Sollten die Stücke von der Stepmania-Homepage nicht ausreichen, finden Sie dort auch ausführliche Informationen, wie Sie für eigene Stücke passende Schrittfolgen erstellen und in Stepmania einbinden.

Einige Nutzer berichteten, durch regelmäßiges Training habe sich ihre Fitness erhöht und ihr Gewicht reduziert, angeblich seien bis zu 20 Kilo Hüftspeck geschmolzen [12]. Bei so viel körperlichem Einsatz leidet allerdings recht schnell die Tanzmatte. Profitänzer schwören deshalb auf etwas teurere Metallpads, die wesentlich mehr aushalten und länger leben.

Infos

[1] Stepmania: http://www.stepmania.com

[2] 2-Tech, Hersteller einer Tanzmatte mit USB-Anschluss: http://www.2-tech.de

[3] Kompatibilitätsliste für Tanzmatten: http://www.stepmania.com/wiki/Dance_Pads

[4] Kompatibilitätsliste für Adapter: http://www.stepmania.com/wiki/USB_Adapters

[5] Betrieb eines Adapters für den Parallelport: http://www.vierpfeile.de/vp/modules.php?name=Forums&file=viewtopic&p=19036

[6] Hersteller des EMS-USB2-Adapters (EMS PC): http://www.hkems.com

[7] Sintech-Shop, Anbieter des EMS2-Adapters: http://www.sintech-shop.de

[8] Linux-Version von Stepmania: http://www.stepmania.com/wiki/Downloads

[9] Mad-Bibliothek: http://www.underbit.com/products/mad/

[10] Nvidia- und ATI-Treiber: Marcel Hilzinger, "Schön rund", EasyLinux 02/2006, S. 16, http://www.easylinux.de/Artikel/ausgabe/2006/02/016-3D-Treiber/index.html

[11] Archiv mit Musikstücken: http://www.stepmania.com/wiki/Download_Songs

[12] Video-Game-Workout-Blog: http://www.videogameworkout.com

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