Aufmacher

Formatfragen

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

so recht geklappt hat Microsofts Patentoffensive gegen Linux nicht: Nach dem Deal mit Novell konnte Redmond bislang an Distributoren nur noch Xandros und Linspire mit ins Boot holen – was zwar reichlich Staub aufgewirbelt hat, jedoch angesichts der eher untergeordneten Bedeutung der beiden Firmen im Linux-Ökosystem nicht allzu viel zu bedeuten hat. Wichtige Player wie Red Hat oder Ubuntu zeigen dagegen Microsoft die kalte Schulter – über Interoperabilität kann man reden, über Patente nicht, so der Tenor bei den Rothüten wie den Südafrikanern. Zudem erschien Ende Juni die lang erwartete GPLv3, die künftig Patentabkommen unterbinden soll – was Microsoft prompt zu einem wütenden Kommentar [1] provozierte.

Ungeachtet der marginalen Landgewinne an der Patentfront bröckelt das Redmondsche Imperium an der Peripherie, und zwar da, wo es weh tut: Die Entwickler kehren Microsoft zunehmend den Rücken, wie eine Umfrage [2] zeigt. Allein in Nordamerika ging im letzten Jahr die Anzahl der Programmierer, die an Produkten für Windows arbeiten, von 74 auf 64,8 Prozent zurück, weitere 2 Prozent werden wohl noch hinzu kommen. Dagegen stieg die Anzahl der Linux-Entwickler im selben Zeitraum um ein Drittel von 8,8 auf 11,8 Prozent. Zudem läuft der Verkauf des neuen Betriebssystems Windows Vista bei weitem nicht so gut, wie gedacht. Nach Einschätzung der Marktforscher von Gartner [3] konnte Vista bislang keine zusätzlichen PC-Käufer anlocken.

Zur Absicherung seiner Marktstellung hat Microsoft jedoch noch ein Pferd im Rennen, auf das es jetzt mit Macht setzt: Dokumentenformate. "Silverlight" soll Adobes Flash verdrängen, mit XPS will man PDF an den Kragen. Den lukrativen Markt für Büroanwendungen schließlich will Microsoft mit Office Open XML (OOXML) beherrschen. Es ist ganz sicher kein Zufall, dass die Vereinbarungen mit Novell, Xandros und Linspire alle drei auch ausdrücklich eine Kooperation bei diesem Format vorsehen.

Hier versucht Microsoft einmal mehr das bewährte Konzept "Embrace, extend, extinguish" (annehmen, erweitern, auslöschen [4]) zu nutzen: Man nehme ein XML-basiertes Dokumentenformat nach Muster des Open Document Format (ODF) und spicke es mit proprietären und plattformabhängigen Erweiterungen. Dann deklariere man es als "offenes Format", lasse es standardisieren und verbreite es im Markt. Die schiere Marktmacht, so Microsofts Kalkül, sorgt dann schon für den Untergang konkurrierender, wirklich offener Standards.

Dazu versucht Microsoft gerade, OOXML im Expressverfahren durch die International Organization for Standardization (ISO) normieren zu lassen – obwohl es mit ODF einen funktionsgleichen ISO-Dokumentenstandard bereits gibt. Wichtig ist der ISO-Ritterschlag vor allen Dingen deshalb, weil erst mit ihm Microsofts Lobbyisten die Chance haben, das Format auch bei Regierungen und Behörden durchzudrücken, die auf Zugriffsfreiheit für Jedermann achten müssen.

Dagegen wehrt sich jetzt die FFII [5] mit der Initiative NoOOXML. Auf deren Website [6] führen zahlreiche Dokumente haarklein die teilweise haarsträubenden technischen Mängel und proprietären Bestandteile des angeblich offenen Microsoft-Formats auf. Außerdem findet sich dort eine Petition gegen die ISO-Normierung von OOXML, unter die zu Redaktionsschluss bereits knapp 20 000 Unterzeichner aus aller Welt ihre Namen gesetzt hatten. Man kann nur hoffen, dass so viel Engagement nicht ungehört verpufft.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

Infos

[1] Microsoft-Stellungnahme zur GPLv3: http://www.microsoft.com/presspass/misc/07-05statement.mspx

[2] Entwickler-Studie: http://www.evansdata.com/n2/pr/releases/WindowsInDecline2007.shtml

[3] Vista im PC-Markt: http://www.gartner.com/it/page.jsp?id=508391

[4] Embrace, extend, extinguish: http://de.wikipedia.org/wiki/Embrace%2C_Extend_and_Extinguish

[5] Foundation for a Free Information Infrastructure: http://www.ffii.org/

[6] NoOOXML-Initiative: http://www.noooxml.org

LinuxCommunity kaufen

Einzelne Ausgabe
 
Abonnements
 
TABLET & SMARTPHONE APPS
Bald erhältlich
Get it on Google Play

Deutschland

Kommentare

Infos zur Publikation

LU 10/2016: Kryptographie

Digitale Ausgabe: Preis € 0,00
(inkl. 19% MwSt.)

LinuxUser erscheint monatlich und kostet 5,95 Euro (mit DVD 8,50 Euro). Weitere Infos zum Heft finden Sie auf der Homepage.

Das Jahresabo kostet ab 86,70 Euro. Details dazu finden Sie im Computec-Shop. Im Probeabo erhalten Sie zudem drei Ausgaben zum reduzierten Preis.

Bei Google Play finden Sie digitale Ausgaben für Tablet & Smartphone.

HINWEIS ZU PAYPAL: Die Zahlung ist ohne eigenes Paypal-Konto ganz einfach per Kreditkarte oder Lastschrift möglich!

Aktuelle Fragen

Probleme mit MPC/MPD
Matthias Göhlen, 27.09.2016 13:39, 0 Antworten
Habe gerade mein erstes Raspi Projekt angefangen, typisches Einsteigerding: Vom Raspi 3B zum Radi...
Soundkarte wird erkannt, aber kein Ton
H A, 25.09.2016 01:37, 6 Antworten
Hallo, Ich weiß, dass es zu diesem Thema sehr oft Fragen gestellt wurden. Aber da ich ein Linu...
Scannen nur schwarz-weiß möglich
Werner Hahn, 20.09.2016 13:21, 2 Antworten
Canon Pixma MG5450S, Dell Latitude E6510, Betriebssyteme Ubuntu 16.04 und Windows 7. Der Canon-D...
Meteorit NB-7 startet nicht
Thomas Helbig, 13.09.2016 02:03, 4 Antworten
Verehrte Community Ich habe vor Kurzem einen Netbook-Oldie geschenkt bekommen. Beim Start ersch...
windows bootloader bei instalation gelöscht
markus Schneider, 12.09.2016 23:03, 1 Antworten
Hallo alle zusammen, ich habe neben meinem Windows 10 ein SL 7.2 Linux installiert und musste...