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01.08.2007

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

so recht geklappt hat Microsofts Patentoffensive gegen Linux nicht: Nach dem Deal mit Novell konnte Redmond bislang an Distributoren nur noch Xandros und Linspire mit ins Boot holen – was zwar reichlich Staub aufgewirbelt hat, jedoch angesichts der eher untergeordneten Bedeutung der beiden Firmen im Linux-Ökosystem nicht allzu viel zu bedeuten hat. Wichtige Player wie Red Hat oder Ubuntu zeigen dagegen Microsoft die kalte Schulter – über Interoperabilität kann man reden, über Patente nicht, so der Tenor bei den Rothüten wie den Südafrikanern. Zudem erschien Ende Juni die lang erwartete GPLv3, die künftig Patentabkommen unterbinden soll – was Microsoft prompt zu einem wütenden Kommentar [1] provozierte.

Ungeachtet der marginalen Landgewinne an der Patentfront bröckelt das Redmondsche Imperium an der Peripherie, und zwar da, wo es weh tut: Die Entwickler kehren Microsoft zunehmend den Rücken, wie eine Umfrage [2] zeigt. Allein in Nordamerika ging im letzten Jahr die Anzahl der Programmierer, die an Produkten für Windows arbeiten, von 74 auf 64,8 Prozent zurück, weitere 2 Prozent werden wohl noch hinzu kommen. Dagegen stieg die Anzahl der Linux-Entwickler im selben Zeitraum um ein Drittel von 8,8 auf 11,8 Prozent. Zudem läuft der Verkauf des neuen Betriebssystems Windows Vista bei weitem nicht so gut, wie gedacht. Nach Einschätzung der Marktforscher von Gartner [3] konnte Vista bislang keine zusätzlichen PC-Käufer anlocken.

Zur Absicherung seiner Marktstellung hat Microsoft jedoch noch ein Pferd im Rennen, auf das es jetzt mit Macht setzt: Dokumentenformate. "Silverlight" soll Adobes Flash verdrängen, mit XPS will man PDF an den Kragen. Den lukrativen Markt für Büroanwendungen schließlich will Microsoft mit Office Open XML (OOXML) beherrschen. Es ist ganz sicher kein Zufall, dass die Vereinbarungen mit Novell, Xandros und Linspire alle drei auch ausdrücklich eine Kooperation bei diesem Format vorsehen.

Hier versucht Microsoft einmal mehr das bewährte Konzept "Embrace, extend, extinguish" (annehmen, erweitern, auslöschen [4]) zu nutzen: Man nehme ein XML-basiertes Dokumentenformat nach Muster des Open Document Format (ODF) und spicke es mit proprietären und plattformabhängigen Erweiterungen. Dann deklariere man es als "offenes Format", lasse es standardisieren und verbreite es im Markt. Die schiere Marktmacht, so Microsofts Kalkül, sorgt dann schon für den Untergang konkurrierender, wirklich offener Standards.

Dazu versucht Microsoft gerade, OOXML im Expressverfahren durch die International Organization for Standardization (ISO) normieren zu lassen – obwohl es mit ODF einen funktionsgleichen ISO-Dokumentenstandard bereits gibt. Wichtig ist der ISO-Ritterschlag vor allen Dingen deshalb, weil erst mit ihm Microsofts Lobbyisten die Chance haben, das Format auch bei Regierungen und Behörden durchzudrücken, die auf Zugriffsfreiheit für Jedermann achten müssen.

Dagegen wehrt sich jetzt die FFII [5] mit der Initiative NoOOXML. Auf deren Website [6] führen zahlreiche Dokumente haarklein die teilweise haarsträubenden technischen Mängel und proprietären Bestandteile des angeblich offenen Microsoft-Formats auf. Außerdem findet sich dort eine Petition gegen die ISO-Normierung von OOXML, unter die zu Redaktionsschluss bereits knapp 20 000 Unterzeichner aus aller Welt ihre Namen gesetzt hatten. Man kann nur hoffen, dass so viel Engagement nicht ungehört verpufft.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

Infos

[1] Microsoft-Stellungnahme zur GPLv3: http://www.microsoft.com/presspass/misc/07-05statement.mspx

[2] Entwickler-Studie: http://www.evansdata.com/n2/pr/releases/WindowsInDecline2007.shtml

[3] Vista im PC-Markt: http://www.gartner.com/it/page.jsp?id=508391

[4] Embrace, extend, extinguish: http://de.wikipedia.org/wiki/Embrace%2C_Extend_and_Extinguish

[5] Foundation for a Free Information Infrastructure: http://www.ffii.org/

[6] NoOOXML-Initiative: http://www.noooxml.org

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Jörg Luther

Jörg Luther

Jörg Luther arbeitet seit 1995 als IT-Journalist. Seine Vorliebe für das freie Betriebssystem lebt er privat in der LUG Erding und beruflich seit 2004 als Chefredakteur des LinuxUser aus.

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