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Wenn zwei sich streiten

Desktop-Alternative Xfce

01.07.2007
Noch streiten auf dem Desktop KDE und Gnome um die Vorherrschaft. Wo die zwei sich streiten, könnte bald schon ein anderer der lachende Dritte sein: Xfce 4.4.

Zu den Vorzügen von Linux zählt nicht zuletzt die Vielfalt seiner Software, stets gibt es mehr als nur einen Weg zum selben Ziel. Das gilt auch für die Arbeitsoberfläche: Umsteiger von anderen, grafisch orientierten Betriebssystemen, die viele Gimmicks und kleine, in die Oberfläche integrierte Anwendungen mögen, fühlen sich bei KDE schnell heimisch. Anwender, die mehr Wert auf Effizienz und Schnelligkeit legen, greifen gern zu Gnome.

Wem beide große Desktops zu opulent daherkommen und zu langsam arbeiten, wer zudem ältere Hardware mit begrenzten Ressourcen optimal nutzen möchte, ohne auf den Komfort einer grafischen Oberfläche zu verzichten, der sieht sich vor eine neue Wahl gestellt: Fluxbox oder Xfce?

Während Fluxbox seit vielen Jahren die Standardoberfläche des verdammt schlanken Damn Small Linux bildet, sonst jedoch wegen einiger funktioneller Schwächen relativ wenig Beachtung findet, hat sich Xfce [1] in letzter Zeit rasant entwickelt – nicht zuletzt deshalb, weil der Ubuntu-Gründer Mark Shuttleworth es zur Standardoberfläche des Ubuntu-Derivats Xubuntu auserkoren hat, das als abgespeckte Version schwächerer Hardware auf den Leib geschrieben ist.

Zu den Linux-Distributionen, die Xfce als Standardoberfläche nutzen, zählen daneben das Slackware-Derivat Zenwalk [2] und das Sachsen-Linux SAM 2007 [3]. Die wachsende Beliebtheit der schlanken Oberfläche übt auch auf neue Applikationen eine magische Anziehungskraft aus – und so verwundert es nicht, dass Xfce sich allmählich, aber dauerhaft als dritter populärer Desktop neben KDE und Gnome auf Linux-PCs etabliert.

Historisches

Dabei ist der jüngste Mitbewerber um den Platz auf dem Bildschirm gar nicht mehr so jung wie es scheint, im Gegenteil: Xfce zählt zu den Senioren der Windowmanager für Linux. Der Franzose Olivier Fourdan begann mit den erste Arbeiten daran bereits 1996, wobei es ihm zunächst nur um den komfortableren Umgang mit dem Fenster-Dinosaurier Fvwm ging. Von Beginn an basierte Xfce auf dem Gtk+-Toolkit, das seit Erscheinen von Xfce 4.0 im September 2004 in der Version 2.x vorliegt. Die aktuelle Xfce-Version 4.4, im Januar 2007 freigegeben, basiert in vielen Bereichen komplett auf neu geschriebenem Code und bietet dazu eine stattliche Anzahl ebenso neuer Features.

Über die verschiedenen Versionen von Xfce hinweg blieben aber drei Dinge stets gleich: Alle Varianten präsentieren sich sehr schlank und arbeiten daher äußerst schnell. Zudem orientieren sie sich streng an den offenen Standards des Freedesktop-Projekts [4]. Schließlich lassen sich durch den modularen Aufbau Erweiterungen jeglicher Art einfach realisieren.

Xfce einrichten

Dazu kommt, dass Xfce in vielen Sprachen verfügbar ist und bei den meisten Linux-Distributionen schon zu den Bordmitteln gehört; so lässt sich der Desktop bei Suse über YaST nachinstallieren, bei Fedora sowie den Red-Hat-Spielarten meldet er sich über die grafische RPM-Paketverwaltung zum Dienst. Mandriva bietet die Möglichkeit, Xfce über das distributionsspezifische grafische Installationstool Rpmdrake nachzuinstallieren, falls der Anwender die Oberfläche nicht schon bei der Installation des Betriebssystems mit ausgewählt hat.

Alternativ gibt es Xfce auch in der jeweils neusten Version auf der Homepage des Projekts [1]. Hier gilt es aber, vor der Installation zunächst diverse Abhängigkeiten aufzulösen, so dass es auf jeden Fall einfacher ist, eins der zahlreichen, distributionsspezifisch angepassten Pakete zu nutzen. Wer vor dem individuellen Erstellen von Xfce dennoch nicht zurückschreckt, findet den Quellcode samt komfortablen Installationsassistent [5] auf der Heft-CD. Die wichtigsten Abhängigkeiten fasst die Tabelle "Voraussetzungen" zusammen.

Voraussetzungen

Bibliotheken Gtk+ 2.6 oder höher, LibICE, LibSM, LibXpm, ICEauth
Perl-Module URI::Escape, URI::file, URI::URL, XML::Parser

Basisprogramm

Mit der Version 4.4 hat sich der Code von Xfce in weiten Teilen komplett verändert. Das betrifft auch einzelne Komponenten wie Leiste, Fenster- und Sitzungsverwaltung, Desktop- und Setting-Manager, Druckerverwaltung und Hilfsprogramme sowie eine ganze Reihe von Bibliotheken für Xfce-spezifische Anwendungen.

Xfce unterstützt in der aktuellen Version mehrere Panelleisten, die der Anwender weitgehend selbst konfigurieren kann. Neu ist die Möglichkeit, Anwendungen per Drag & Drop auf die Leisten zu schieben. Zudem arbeiten in die Leiste eingebettete Plugins neuerdings als eigene Anwendungen, so dass der Absturz einer einzelnen Erweiterung nicht mehr gleich die gesamte Leiste mit in den Orkus zieht.

Als interne Erweiterungen liefert Xfce bereits einige Helferlein mit: Eine Uhr, den Arbeitsflächenwechsler, die Taskleiste, den Programmstarter sowie die Funktionen zum Abmelden und Sperren des Rechners. Daneben bietet zahlreiche externe Plugins ihre Dienste an, die ihren Code für die Version 4.4 zum größten Teil ebenfalls komplett verändern mussten. Wer sich für solche Erweiterungen interessiert, der findet mehrere Dutzend davon auf einer speziellen Webseite [6]. Dort präsentieren sich zum Beispiel nützliche Helfer für den Betrieb von Notebooks, die über wichtige Systemzustände wie den Energievorrat Auskunft erteilen. Außerdem im Angebot: Grafische Kontrollmonitore für verschiedene Systemkomponenten (etwa für die Auslastung des Arbeitsspeichers, der Festplatte und der CPU), aber auch Anzeigen für den Datenverkehr im Netz. Eher bequemes Arbeiten versprechen Erweiterungen wie Notizzettel oder eine kleine Kommandozeile.

Kernkomponenten

Zu den Kernkomponenten von Xfce gehören die Fenster- und die Sitzungsverwaltung. Dazu gesellt sich nun unter anderem die Option des Mehrbildschirm-Betriebs. Außerdem ist es nun möglich, einzelne Fenster auf der Arbeitsoberfläche festzukleben, was bei Xfce Docking heißt.

Die jeweilige Position der Anwendungsfenster auf der Oberfläche steuert die Fensterverwaltung, die nebenbei auch für die verschiedenen optischen Effekte verantwortlich zeichnet. Das Werkzeug beherrscht zudem die Anzeige verschiedener Bildformate, darunter XPM, PNG, JPG, GIF und BMP. Zudem bietet die Fensterverwaltung die Option, Tastenkürzel individuell festzulegen und den Desktop somit exakt an die eigenen Bedürfnisse anzupassen.

Zum Repertoire der Sitzungsverwaltung dagegen gehören mehrere gleichzeitige Sitzungen ebenso wie die Aufsicht über entfernt gestartete Anwendungen. Eine weitere wichtige Komponente von Xfce bildet die Druckerverwaltung mit einer grafischen Oberfläche zur Konfiguration angeschlossener Drucker. Allerdings setzt Xfce nicht wie vielen andere Desktops automatisch auf CUPS, sondern lässt dem Anwender die Wahl zwischen diesem und dem BSD-LPR-Daemon.

Einstellungssache

Eine von der Community eingeforderte Erweiterung erlaubt es in der neuen Version endlich, Verknüpfungen von Programmen und Dateien direkt auf dem Desktop abzulegen. Bislang war dies nur über das umständliche Abarbeiten von Skripten möglich. Auch der Aufruf von Programmen fällt dank eines über die rechte Maustaste erreichbaren Kontextmenüs leichter: Mit einem Rechtsklick auf die Arbeitsoberfläche öffnet sich das Programmmenü, aus dem Sie Anwendungen direkt starten, ohne zuvor ein Menü in einer der Panelleisten öffnen zu müssen. Last not least ist mit Version 4.4 nun auch ein Papierkorb auf dem Desktop angekommen.

Sofort ins Auge sticht eine Erweiterung für den Xfce-Einstellungsmanager, der die Funktion des früheren Settingsmanagers übernimmt (Abbildung 1). Das Verwaltungstool erlaubt es einerseits, über eine grafische Oberfläche diverse Hardwareeinstellungen vorzunehmen, zum Beispiel für Tastatur- und Maussteuerung oder für die Bildschirmauflösung.

Abbildung 1: Eine Sache der Einstellung: Hier konfigurieren Sie die Komponenten von Xfce.

Andererseits bietet er verschiedene Menüs zur Konfiguration der Xfce-Komponenten. Neben vielen neuen Themes, Bildschirmschonern und anderem Artwork hat das Entwicklerteam dem Windowmanager auch Compositing-Effekte beigebracht, die sich im laufenden Betrieb zu- oder abschalten lassen (Abbildung 2).

Abbildung 2: Die Compositing-Effekte von Xfce lassen sich im laufenden Betrieb ein- und ausschalten.

Die stabil arbeitenden Transparenz- und Schatteneffekte verbergen sich hinter der Schaltfläche Fenstermanager-Tweaks. Wer mit diesen Effekten arbeiten will, benötigt allerdings leistungsfähige Hardware, da die optischen Leckerbissen viel Rechenpower fordern.

Software an Bord

Xfce setzt auf die weit verbreiteten Gtk-Bibliotheken und erlaubt so die Arbeit mit ursprünglich für Gnome entwickelten Applikationen. Aber der Desktop bringt zusätzlich auch eigene Anwendungen mit: Neben dem Terminal und dem kleinen Kalender Orage zählen dazu der XArchiver, ein Programm für das Packen und Entpacken von Softwarearchiven, und XfMedia, ein auf die Xine-Engine aufsetzender einfacher Multimedia-Player. Ebenfalls mit an Bord ist Xfburn, ein auf die Cdrecord-Programmsammlung aufsetzendes Brennprogramm für CDs und DVDs.

Der bislang in Xfce integrierte Editor Leafpad musste in der neuen Version dem schlanken Programm Mousepad weichen, das sich hervorragend zum Bearbeiten kleinerer Dateien eignet. Aus den verschiedenen Entwicklungswerkzeugen ragt die neue, in der Programmiersprache Python geschriebene Anwendung Installit mit dem Ansatz hervor, künftig die Softwareverwaltung unter Linux zu vereinheitlichen. Hier geht es darum, mit einer einheitlichen Installationsroutine das Einrichten von Programmen nachhaltig zu erleichtern.

Als leistungsfähigen Standard-Dateimanager integriert Xfce Thunar. Das sehr schnelle arbeitende Programm bleibt in Sachen Funktionsumfang seinem Gnome-Pendant Nautilus nichts schuldig (Abbildung 3). Thunar bietet eine einfache Navigation auch zwischen verschiedenen Verzeichnisebenen sowie vielfältige Einstellungs- und Ansichtsmöglichkeiten. Im Vergleich zum Nautilus (von Konqueror ganz zu schweigen) glänzt er durch geradezu atemberaubende Geschwindigkeit.

Abbildung 3: Schnell und leistungsfähig: Der Xfce-Dateimanager Thunar im Einsatz.

Fazit

Mit der Version 4.4 von Xfce ist Altmeister Olivier Fourdan mit seinem Team erneut ein großer Wurf gelungen. Xfce arbeitet sehr stabil, rasend schnell, und geht – trotz eines beträchtlich gewachsenen Funktionsumfangs der neuen Release – immer noch deutlich sparsamer mit den vorhandenen Hardwareressourcen um als die Konkurrenz.

Durch das Rechtsklick-Konzept und den zentralisierten, übersichtlich gehaltenen Xfce-Einstellungsmanager lässt sich Xfce 4.4 deutlich eingängiger bedienen als Gnome oder KDE. Zudem lehrt es in Sachen Gestaltungsmöglichkeiten die Konkurrenz das Fürchten: Kein anderer Fenstermanager beherrscht von Haus aus derart vielfältige Compositing-Möglichkeiten, die auch noch auf älteren Rechnersystemen optisch etwas hermachen, ohne den Betrieb lahm zu legen. Zudem harmoniert Xfce bestens mit den beiden großen 3D-Lösungen [7] AIGLX/Beryl und XGL/Compiz, wie das erste Projekt zeigt, das diese Konzepte und Xfce zusammenführt: SAM-Linux 2007 [3].

Auch für Umsteiger von anderen Betriebssystemen präsentiert sich Xfce 4.4 als guter Willkommensgruß: Die Bedienung erfordert kein zeit- und arbeitsintensives Umgewöhnen. Daher bietet Xfce die besten Voraussetzungen, sich mindestens als dritte populäre Desktopumgebung neben KDE und Gnome zu etablieren – wenn es nicht sogar letztlich als lachender Dritter aus dem Rennen hervorgeht.

Infos

[1] Xfce: http://www.xfce.org

[2] Zenwalk: T. Leichtenstern, "Auf den Spuren Buddhas", LinuxUser 07/2006, S. 12, http://www.linux-user.de/ausgabe/2006/07/012-zenwalk

[3] SAM-Linux 2007: Erik Bärwaldt, "Die Nussknacker-Suite", LinuxUser 05/2007, S. DVD-II, http://www.linux-user.de/ausgabe/2007/05/902-dvd-sam

[4] Detaillierte Infos zum Freedesktop-Projekt: http://www.freedesktop.org

[5] Readme zum Installer: http://www.xfce.org/documentation/installers/xfce/

[6] Liste mit vielen externen Xfce-Plugins: http://goodies.xfce.org/projects/panel-plugins/start

[7] 3D-Desktops: Vincze-Aron Szabo, "Von Fenstern und Farben", LinuxUser 02/2007, S. 28, http://www.linux-user.de/ausgabe/2007/02/028-x-basics

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