Sprachrohr

Fünf VoIP-Clients für Linux im Vergleich

Haben Sie den VoIP-Grundlagenartikel in diesem Schwerpunkt schon gelesen, dann kennen Sie bereits den VoIP-Client Ekiga. Neben dem mit Gnome gelieferten Telefonieprogramm buhlen diverse andere Softphones um die Gunst des Anwenders. Dieser Test stellt die wichtigsten Programme im direkten Vergleich vor: Ekiga [1], KPhoneSI [2], Linphone [3], Skype [4] und Twinkle [5].

Gemeinsam haben die Programme, dass Sie Telefonate übers Internet ermöglichen und kostenlos sind. Bis auf das proprietäre Skype unterliegen alle der GPL und unterstützen das Protokoll-Gespann SIP und RTP. Die Tabelle "VoIP-Clients im Vergleich" gibt einen Überblick über die getesteten Programme. KPhoneSI ist hier nicht aufgeführt; den Grund erfahren Sie weiter unten.

VoIP-Clients im Vergleich

Ekiga

Linphone

Skype

Twinkle

Version 2.0.9 1.7.1 1.3.0.53 1.0
Lizenz GPL GPL kommerziell GPL
Protokolle H.323, SIP SIP Skype (proprietär) SIP
Deutschsprachige GUI ja unvollständig ja ja

Zusatzfunktionen

MFV RFC 2833 RFC 2833, SIP INFO n.a.1 RFC 2833, In-Band, SIP INFO
Chat ja ja ja nein
Videoübertragung ja ja nein nein
Dateitransfer nein nein ja nein
SIP-Proxy ja ja entfällt ja
Adressbuch ja ja ja ja
Online-Status der Kontakte nein ja ja nein
Einstellbare Signaltöne ja ja ja ja
Echo-Unterdrückung ja ja k.A. k.A.
Sprechpausenerkennung ja nein k.A. k.A.
Signalstatistik ja nein ja nein
Personalisierte Anrufbehandlung2 nein nein ja nein

Anruffunktionen

Automatisch annehmen ja nein nein ja
Automatisch abweisen ja ja ja ja
Weiterleiten ja nein nein ja
Wahlwiederholung nein ja nein ja
Konferenzschaltung nein nein bis 5 Pers.3 bis 3 Pers.2
Stummschaltung ja über Mikro-Lautstärke ja ja
Videoabschaltung ja ja entfällt entfällt

NAT-Einstellungen

STUN global nein4 n.a.1 ja
manuell ja nein4 n.a.1 ja
direkte Verbindung ja ja n.a.1 ja
SIP/RTP-Ports einstellbar nein ja n.a.1 ja

Sonstige Einstellungen

Audio-Schnittstelle ALSA, OSS ALSA, OSS ALSA, OSS ALSA, OSS
Video-Schnittstelle Video4Linux Video4Linux entfällt entfällt
Audio-Geräte nach Name ja ja ja ja
Video-Geräte nach Name ja automatisch entfällt entfällt
Bandbreitenbegrenzung nur Video ja nein nein

Protokollfunktionen5

Empfangene Anrufe ja ja ja ja
Getätigte Anrufe ja ja ja ja
Verpasste Anrufe ja k.A. ja ja
Gesprächsbeginn ja ja nach Anruf ja
Gesprächsende ja ja ja ja
Verwendete Codecs ja nein entfällt nein
STUN-Request ja nein entfällt ja
Registrierung ja nein nein ja
Deregistrierung nein nein nein ja

n.a.: nicht anwendbar, k.A.: keine Angabe / nicht ermittelbar

1 proprietäres Verfahren; siehe Text

2 beispielsweise Abweisen bestimmter Teilnehmer

3 einschließlich eigener Client

4 laut Einstellungsdialog ja, funktionierte im Test aber nicht

5 Aufzeichnen über das Ereignis hinaus

SIP gegen Skype

Das Programm Skype nimmt unter den getesteten Programmen eine Sonderrolle ein. Während die anderen vier Clients auf den offenen Standard SIP setzen, um Gespräche anzubahnen, nutzt Skype ein proprietäres Verfahren, das der Hersteller nur indirekt durch eine Closed-Source-API [6] offenlegt. Es schließt aber im Prinzip eine Kommunikation mit freien Clients aus.

Dennoch hat Skype einen großen Marktanteil errungen, weil es zum Markteintritt das mit Abstand einfachste Programm für Gespräche übers Internet war. In der Folge bildet das Netzwerk der Skype-Clients eine Insellösung, sofern Sie nicht auf kommerzielle Schnittstellen wie ChanSkype [7] oder PSGw [8] zurückgreifen.

Angesichts dessen drängt sich der Gedanke auf, es wäre das Beste, einfach auf Skype zu verzichten und auf offene Standards zu setzen. Viele VoIP-Teilnehmer telefonieren jedoch nur über Skype und nicht über SIP-Clients. Skype steht so als Synonym für Internettelefonie wie Windows für Arbeitsplatzrechner. Glücklicherweise fällt es leichter, SIP-Client und Skype nebeneinander zu betreiben als mehrere Betriebssysteme.

Skype

Skype (Abbildung 1) steht nativ nur für die x86-Plattform zur Verfügung. Mit den entsprechenden Emulationsbibliotheken lässt es sich aber auch unter einer 64-Bit-Distribution betreiben [9]. Unter Linux trägt die aktuelle Skype-Version die Nummer 1.3.0.53. Gegenüber der aktuellen Windows-Version 3.2.0.158 fehlen diverse Funktionen, zum Beispiel der Video-Support.

Abbildung 1: In Skype wählen Sie einen Gesprächspartner an, indem Sie die entsprechende Zeile markieren und das Hörersymbol links unten anklicken.

Schon daran ist zu erkennen, dass das Programm seine Wurzeln im Windows-Lager hat. Dies zeigt sich unter Linux auch noch an anderen Eigentümlichkeiten: So existiert zwar eine deutsche Lokalisierung, die Sie aber nicht über die üblichen Umgebungsvariablen $LANG und $LC_MESSAGES steuern, sondern über das Menü unter Tools | Change Language festlegen.

Da die Software spezifisch auf den Skype-Dienst zugeschnitten ist, entfällt das Einstellen eines bestimmten Providers. Die Verbindung via NAT gelingt ebenfalls ohne Benutzereingriff. Die persönlichen Kontakte speichert der Client bei der Firma Skype auf dem Server, so dass sie auf jedem Rechner zur Verfügung stehen, von dem Sie sich in Ihren Skype-Account einloggen.

Diese Einfachheit hat zur weiten Verbreitung von Skype beigetragen, zumal STUN und SIP (die heute andere Clients fast so gut benutzbar machen wie Skype) zu jener Zeit praktisch unbekannt waren. Zum Verbessern der Sprachqualität empfiehlt es sich, den unter Aktionen | Optionen | Erweitert eingestellten UDP-Port in einer gegebenenfalls vorhandenen Firewall zu öffnen.

Das macht einen sicherheitsbewussten Anwender natürlich nervös. Auch das Speichern des Adressbuchs auf einem Server, der nicht unter der eigenen Kontrolle steht, behagt nicht jedem. Daneben hat Skype noch ein paar andere Tücken [10]. Im Gegensatz zu den anderen Anwendungen im Test beherrscht jedoch die Skype-Version für Linux das Übertragen von Dateien.

Ungeachtet des größtenteils simplen Bedienkonzepts findet sich die Funktion zum Anzeigen der Verbindungsstatistik eher zufällig. Fahren Sie mit dem Mauszeiger auf das Symbol des Gesprächspartners und verharren dort einen Moment, erscheinen die Werte (Abbildung 2). Skype teilt mit den anderen im Test vorgestellten Programmen eine anscheinend nicht immer zuverlässige MFV-Unterstützung [11].

Abbildung 2: In Skype erscheint eine Verbindungsstatistik, wenn Sie den Mauszeiger auf das Symbol des Gesprächspartners bewegen.

Ekiga

Ekiga, früher GnomeMeeting genannt, hat eine lange Geschichte: Die erste Version erschien Anfang 2002, seit Gnome 2.14 gehört das Programm zum festen Umfang des GNU-Desktops. Unter den Open-Source-Programmen im Test glänzte Ekiga durch den größten Komfort. Das beginnt mit einem übersichtlichen Assistenten (den "Druiden"), der beim ersten Start bei der Konfiguration hilft. Er erkennt sogar automatisch, wie welche Netzwerkkonfiguration am besten zum Client passt. Gerade Anfängern bereitet dieser Punkt beim Einrichten von SIP-Accounts einiges Kopfzerbrechen (Abbildung 3).

Abbildung 3: Ekiga hilft beim ersten Start unter anderem beim Konfigurieren des Netzwerks. Sie erreichen den Assistent auch nach der ersten Konfiguration über das Menü.

Ekiga punktet nicht nur mit einfacher Konfiguration und stringentem Bedienkonzept, sondern glänzt auch bei den Funktionen: Es ermöglicht neben Linphone als einziges Programm im Testfeld Gespräche mit parallelem Videostream und unterstützt als einziges Programm der Runde den Standard H.323, der in Videokonferenzanlagen zum Einsatz kommt.

Viel Licht bedeutet viel Schatten, lautet eine alte Weisheit, und nicht anders verhält es sich im Fall Ekiga: Das Übertragen von MFV-Tönen – zum Beispiel zum Steuern von Menüsystemen – erlaubt die Software nur nach RFC 2833. Der Anrufbeantworter des Providers Sipgate spielt da beispielsweise nicht mit.

KPhoneSI

KPhoneSI bildet einen Bestandteil mancher KDE-Distributionen, etwa bei Knoppix [12]. Eine häufig verwendete Version ist 4.2. Mittlerweile hat das Projekt auf Sourceforge eine neue Heimat gefunden und teilt sich heute in zwei Teilprojekte auf. Dabei entspricht der SIP-Client KPhoneSI am ehesten dem ursprünglichen KPhone. Seltsamerweise lautet die aktuelle Versionsnummer von KPhoneSI nicht 4.2 oder höher, sondern 1.0.2. Eine deutschsprachige Lokalisierung lag zu Redaktionsschluss nicht vor.

Das Programm steht nicht in der Vergleichstabelle, da die Tests sehr enttäuschend verliefen – mit dem Fazit, dass sich das Programm kaum für den Einsatz im Alltag eignet. Füllen Sie den beim ersten Start erscheinenden Dialog (Abbildung 4) aus, folgt eine Fehlermeldung (Abbildung 5). Im konkreten Fall mag das daran liegen, dass zu diesem Zeitpunkt kein STUN-Server konfiguriert ist.

Abbildung 4: Der Zusatz optional beim Benutzernamen, der beim ersten Start im Dialog erscheint, führt leicht zu Missverständnissen. Aber selbst, wenn Sie das Feld ausfüllen, löst das einen Fehler aus.

Abbildung 5: KPhoneSI meldet eine fehlgeschlagene Registrierung nach dem Angabe der Benutzerdaten. Jetzt ist der Kampf gegen die Konfigurationsdialoge angesagt.

Nach langem Kampf durch die Einstellungsdialoge finden Sie die STUN-Optionen unter Preferences | SIP Preferences im Reiter Sockets. Wer jetzt noch die Audio-Geräte einstellen will, sieht sich mit dem Dialog in Abbildung 6 konfrontiert – an dieser Stelle dürften noch ein paar mehr potenzielle Nutzer aufgeben.

Abbildung 6: Die Audio-Einstellungen in KPhoneSI geben sich kryptisch. Kaum ein Benutzer weiß, was OSS Device Mode bedeutet oder hinter welcher Gerätedatei sich das Headset verbirgt.

Diese Art von Konfiguration lässt möglicherweise jemand über sich ergehen, der seinen Rechner und die Subsysteme des Betriebssystems sehr gut kennt und zudem in VoIP sattelfest ist. Weniger versierte Nutzer schrecken solch hohe Anforderungen jedoch mit Sicherheit ab. Ein vernünftiges Bedienen des Programms ist praktisch unmöglich, und selbst Experten nervt es, wenn die Software sie dazu zwingt, alle Dialoge durchzugehen. KPhoneSI erweist sich damit in Bezug auf die Benutzbarkeit als "Programm für Profis".

Im Test gelang schließlich ein Anruf beim Echo-Account von Ekiga (sip:500@ekiga.net). Der Ton hörte sich jedoch deutlich zerhackt an. Mag sein, dass sich im Programm noch Optimierungspotential verbirgt. Das unübersichtliche Interface lädt aber nicht dazu ein, dies voll auszuschöpfen. Alle anderen Programme erschienen leichter zu konfigurieren.

Linphone

Linphone liegt in der Version 1.7.1 mit einer nur teilweise lokalisierten Oberfläche vor. Abbildung 7 zeigt das Programm nach dem ersten Start. Die Software macht keine allzu verlässlichen Eindruck, da sie zahlreiche kleine und mindestens einen größeren Fehler aufweist. So erscheint zum Beispiel beim Aufruf des Einstellungsdialogs im Terminal die Nachricht WARNING: Invalid source! not yet implemented, die Schaltfläche Schließen im Infodialog bleibt ohne Wirkung.

Abbildung 7: Linphone präsentiert sich nach dem ersten Start mit einer übersichtlich gehaltenen Benutzerschnittstelle.

Der Eintrag eines neuen Registrars setzt voraus, dass Sie das Eingabefeld für den Proxy ausfüllen. Einen Hinweis auf diesen Umstand bleibt die Software jedoch schuldig. Der Klick auf die Schaltfläche OK entfernt zwar das Formular vom Bildschirm, der neue Eintrag erscheint jedoch nicht in der Liste der erfassten Registrare.

Fallen diese Probleme lediglich lästig, so verhinderte ein anderer Fehler weitere Tests: Stellen Sie in Linphone einen STUN-Server ein, dann fragt das Programm diesen beim Verbindungsaufbau ab. Für den ausgehenden Anruf verwendet es aber trotzdem die Adresse des privaten Netzes, wie eine Analyse des Netzwerkverkehrs mittels Tcpdump [13] und Wireshark [14] zeigte.

Träten diese Fehler nicht auf, wäre das Programm durchaus in Sachen Funktionalität mit Ekiga (dem einzigen anderen Programm mit Video-Support im Test) auf gleicher Höhe. Pluspunkte sammelt die Software unter anderem, weil sie als einziges Softphone im Test eine Terminalversion mitbringt, die Sie über linphonec in einer Konsole aufrufen.

Twinkle

Twinkle startet, wie die meisten Kandidaten im Testfeld, beim ersten Start einen Assistenten, hier "Wizard" genannt (Abbildungen 8 und 9). Diese Hilfe ist bei Twinkle wesentlich wichtiger als bei Ekiga, da Twinkle zahlreiche Einstellungen kennt, die aber es immerhin deutlich übersichtlicher gruppiert als KPhoneSI.

Abbildung 8: Beim ersten Start von Twinkle bietet dieser Dialog den Aufruf eines Assistenten (Wizard) an.

Abbildung 9: Der Wizard von Twinkle fragt gegenüber dem von KPhoneSI auch alle Daten fürs Passieren eines Routers ab.

Eine Besonderheit von Twinkle liegt in den kontenspezifischen Parametern. Während andere SIP-Clients nur die nötigsten Daten für einen Registrar abfragen, bietet Twinkle wesentlich mehr Einstellungen. Dieser Aufbau der Benutzerschnittstelle bedeutet aber auch Mehrarbeit für Sie, da Sie für jedes Benutzerprofil Daten eingeben müssen, die normalerweise ohnehin identisch sind.

Abbildung 10 zeigt ein typisches Beispiel, denn es ist nur ein STUN-Server nötig, um die öffentliche IP-Adresse zu ermitteln. Andererseits ermöglicht dieses Vorgehen Anwendern, die die technischen Hintergründe nicht kennen, einfach den vom jeweiligen Provider angegebenen STUN-Server einzusetzen.

Abbildung 10: Twinkle bietet in jedem Benutzerprofil viele Einstellungen an, die bei vielen Anwendern nur einmal für das ganze Programm nötig sein dürften.

Wegen der zahlreichen Einstellungen geht beim Konfigurieren unter Umständen durchaus mal etwas schief. Wer nicht für alle Einstellungen sinnvolle Werte kennt, der wäre sicher über eine hilfreiche Schaltfläche Auf Standardwerte zurücksetzen dankbar. Unglücklicherweise existiert auch keine Möglichkeit, den Wizard nachträglich noch einmal aufzurufen.

Twinkle besitzt bisher keine Videoübertragung und keine Chatfunktion, eignet sich aber umso besser für reine Telefongespräche. Von den besprochenen SIP-Clients erlaubt es als einziges zwei Sprachkanäle und damit Makeln und Dreierkonferenzen. Eine weitere Besonderheit von Twinkle liegt in der Integration mit der Kontaktverwaltung KAddressbook. Obwohl das Programm durch die vielen Optionen auf den ersten Blick überladen wirkt, macht es bei längerem Einsatz einen professionellen Eindruck.

Fazit

Von den fünf getesteten Programmen sind nur drei wirklich empfehlenswert. Bei den SIP-Anwendungen zeigt sich Twinkle als gute Wahl für Poweruser, die keine Chat- und Videofunktion benötigen. Ekiga besticht durch die einfachste Konfiguration und ermöglicht auch Videoübertragung parallel zum Gespräch. Das Programm ist daher die erste Wahl für VoIP-Einsteiger, eignet sich aber auch gut für versierte Anwender. Benötigen Sie H.323-Unterstützung, gibt es zu Ekiga keine Alternative.

Skype bietet sich logischerweise an, wenn Sie mit anderen Nutzern des Skype-Netzwerks kommunizieren möchten (und es nicht schaffen, diese vom Einsatz offener Standards zu überzeugen). Zwar existieren inzwischen Möglichkeiten, Skype und SIP zu verknüpfen [7],[8]. Das Einrichten erscheint aber für Otto Normalanwender komplizierter, als einfach den Skype-Client zusätzlich zu starten.

Skype erlaubt als einziger Client im Test das Verschicken von Dateien. Das braucht aber kein zwingendes Kriterium für dessen Einsatz zu sein: Sofern der Mailverkehr zwischen den Gesprächsteilnehmern zügig läuft, tut es auch eine E-Mail mit Anhang.

Glossar

MFV

Mehrfrequenzwahlverfahren. Dabei erzeugen die Tasten dissonante Töne aus zwei unterschiedlichen Frequenzen. Im englischsprachigen Raum heißt das Verfahren Dual Tone Multiple Frequency (DTMF) oder einfach Touch Tone.

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