Aufmacher

Märchenstunde

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

ich liebe Märchen. Einer meiner Favoriten ist "Des Kaisers neue Kleider" [1], in dem zwei Betrüger dem Herrscher ein außergewöhnliches neues Outfit versprechen, das aber angeblich nur besonders kompetente Menschen sehen können. Geschäftig weben die beiden Halunken eine wahre Luftnummer – doch aus Angst, für dumm gehalten zu werden, gibt jedermann vor, die gar nicht existierenden Gewänder zu sehen. Kommt Ihnen das irgendwie tagesaktuell vor?

Genau: Microsoft und die 235 Patente [2], die Linux und freie Software angeblich verletzen. Keiner hat sie je gesehen, Microsoft verweigert jede konkrete Nennung – aber Firmen wie Fuji-Xerox, JBoss, Samsung, Xensource oder Zend stehen in Redmond Schlange, um sich oder ihre Kunden vor den vermeintlichen Ansprüchen zu schützen. Ausgewachsene Distributoren wie Novell und neuerdings Xandros [3] spielen gar die Rolle der Kammerherrn und tragen Steve Ballmer die imaginäre Patentschleppe.

"Aber er hat doch gar nichts an!", wundert sich im Märchen ein Kind lautstark über die Ignoranz der Erwachsenen und klärt so die Lage. In der Realität hat Linus Torvalds diese Rolle übernommen und fordert Microsoft zu einer gerichtlichen Klärung der Patentansprüche auf [4]. Die Community mag nicht nachstehen und fordert auf einer Unterschriftenliste [5]: "Verklag mich zuerst!" Da bin ich dabei – was ist mit Ihnen?

Zu den Helden meiner frühen Jugend zählt noch eine weitere Märchengestalt, der Freiherr von Münchhausen [6]. Besonders fasziniert hat mich stets sein legendärer Ritt auf der Kanonenkugel. Ähnliches versucht ja derzeit Novell in seinem Pakt mit Microsoft – und verbiegt in bestem Lügenbaron-Stil die Tatsachen derart, dass der Freiherr vor Neid erblassen müsste. Nur dem Schutz von Kunden und Community diene das Patentabkommen, versichert Novell, und überhaupt sehe man Softwarepatente kritisch und engagiere sich deshalb jetzt mit der EFF dagegen [7].

Wer aber Novells SEC-Filing von Ende Mai [8] aufmerksam liest, wo angesichts der hochnotpeinlichen Börsenaufsicht Flunkereien nicht ziehen, der stößt auf die erschütternden Tatsachen: Novells Microsoft-Pakt ist ausdrücklich dazu gedacht, beiden Seiten sogar zusätzliche Patente zu bescheren. Der vorgebliche Patentschutz, in dessen Genuss ohnehin nur Suse-Kunden und -Entwickler kämen, schützt in Wahrheit niemanden: Ausdrücklich ausgenommen sind OpenXchange, Wine, jegliche Art von Office-Programmen, Spiele, E-Mail-Server, Kommunikationsanwendungen sowie jede Form von Software für den Unternehmenseinsatz. Gleichfalls durchs Raster fallen "Clone Products". Als solche definiert der Pakt – man traut seinen Augen kaum – alles, was irgendwie einem Programm aus Redmond ähnlich sieht oder vergleichbar funktioniert.

Falls die FSF ihren letzten GPLv3-Entwurf [9] nicht noch einmal ändert und daraus die "Großvater-Klausel" entfernt, die den Microsoft-Novell-Pakt von der vorgesehenen Sanktionierung diskriminierender Patentabkommen ausklammert, dann kann sich Novell sogar wie weiland der gute Freiherr an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen. Bitte, liebe FSF: Haltet Novell vom Goldesel fern und lasst Microsoft nicht ans Tischlein-deck-dich [10] der Community – zieht den Knüppel aus dem GPLv3-Sack!

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur LinuxUser

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