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Wörterbuch mit Schwächen

Der Brockhaus Multimedial Premium 2007

01.07.2007
Das multimediale Premium-Lexikon von Brockhaus verspricht viel, kann unter Linux aber wenig halten.

Linux etabliert sich immer mehr als Lernplattform – nicht zuletzt wegen der vielen speziellen Programme und Suiten, die sich vornehmlich an wissbegierige Computernutzer richten. Dazu zählt auch zunehmend kommerzielle Linux-Software zum Lernen und Nachschlagen. Allen voran hat sich im deutschsprachigen Raum die Bifab AG hervorgetan, ein Zusammenschluss des Bibliographischen Institutes AG und des F.A.-Brockhaus-Verlags. Bifab bringt seit einigen Jahren eine wachsende Zahl von Nachschlagewerken heraus, die auch für Linux verfügbar sind. Ein besonderes Merkmal vieler Bifab-Lexika stellt die gemeinsame Oberfläche dar, die den Namen Office-Bibliothek trägt.

Neben aktuellen Wörterbüchern von Duden, Langenscheidt, Brockhaus (Der Brockhaus in Text und Bild) und Meyer werden seit kurzem zunehmend auch historische Nachschlagewerke im Rahmen der Office-Bibliothek angeboten. Daneben vertreibt Bifab noch Korrekturprogramme wie die auch für Linux beworbene "Duden Korrektor Starterbox" [1] und – als Flaggschiff des Programms – den "Brockhaus Multimedial Premium", der in der Ausgabe 2007 vorliegt.

Das Produkt

Der "Brockhaus Multimedial Premium 2007" [2] kommt für 99,95 Euro (Österreich: 103,40 Euro, Schweiz: 166 Franken) in einem handlichen Karton, umfasst ein 28-seitiges Handbuch und zwei DVD-9-Medien. Neben den Symbolen für die Betriebssysteme Windows und Mac ziert wie selbstverständlich ein kleiner Linux-Pinguin den oberen Rand der Verpackung.

Ebenfalls auf den ersten Blick sichtbar ist die beeindruckenden Inhaltsangabe des Produktes: Über 255 000 Artikel mit 330 000 Stichwörtern, der komplette "Brockhaus" von 1906, ein topografischer Atlas mit zwei Millionen geographischen Einträgen, ein Planetarium mit 120 000 Objekten und rund 6500 Quellenangaben. Ebenso umfasst das digitale Lexikon 340 Videos und Animationen aus den Archiven der ARD, rund 20 000 Fotos, etwa hundert 360°-Panoramen sowie rund 20 Stunden Tondokumente. Ein Quiz, 90 Themenmappen und über 400 thematische Karten runden die Inhaltsangabe ab.

Obwohl auf allen vier Kartonseiten deutlich der kleine Pinguin mit Linux-Schriftzug prangt, erfährt der potenzielle Käufer in der Rubrik Systemvoraussetzungen, dass der Premium-Brockhaus offenbar exklusiv für Suse Linux 10.1 entwickelt wurde. Angesichts der Tatsache, dass sich Linux außerordentlich dynamisch entwickelt, erscheint eine solche Beschränkung auf ein veraltetes Betriebssystem realitätsfremd. Wir haben daher die Angaben auf dem Karton als Mindestvoraussetzung interpretiert und den Premium-Brockhaus zum Test erworben.

Installation

Das Handbuch enthält auf knapp zwei Seiten Angaben zur Installation unter Linux. Diese beziehen sich aber ausschließlich auf YaST als grafisches Installationswerkzeug und gehen zusätzlich auf die preiswertere Update-Version des Nachschlagewerks ein. Nicht mit einer Silbe weist die Beschreibung darauf hin, dass der volle Funktionsumfang der Software von zusätzlichen Paketen abhängt: Dazu gehören Java in der Version 1.5.0 und das Flash-Plugin für Firefox oder Opera. Immerhin erwähnt das Handbuch, dass die vollständige Installation des Programms inklusive Mediendaten annähernd 5 GByte freien Festplattenplatz voraussetzt.

Wir installieren daraufhin wie angegeben die Software unter SuSE 10.1 und dem Gnome-Desktop. Die Installation verläuft sauber, aber mit einem Wermutstropfen: Während das Aufspielen der Retrieval-Software (das Programm für die Oberfläche) zügig vorangeht, dauert allein das Kopieren von 685 MB geographischer Daten des Atlas eine gute halbe Stunde. Wer also den gesamten Datenbestand auf die Festplatte kopieren will, sollte dafür einen halben Tag einplanen. Nach der Einrichtung finden sich im Menü Anwendungen | Büro zwei Starter für das Lexikon und den Atlas.

Ein Mausklick auf den Atlas führt zur ersten Enttäuschung: Statt der erwarteten topographischen Karten zeigt das Programm einen undefinierbaren Fehler. Nach dem Wegklicken der entsprechenden Meldung bricht der Programmstart ab (Abbildung 1).

Abbildung 1: Ein dubioser Fehler verhindert den Start des Atlas.

Bei weiteren Tests unter OpenSuse 10.2, CentOS 5 und Edubuntu 7.04 tritt der gleiche Effekt auf, so dass sich der Atlas als unbrauchbar erweist. Auch das Planetarium, das unser Interesse geweckt hat, lässt sich nicht aufrufen: Trotz korrekt installierter Java-Version enttäuschen uns die Programme bei jedem Start mit einer Fehlermeldung (Abbildung 2).

Abbildung 2: Auch das Planetarium funktioniert unter Linux nicht.

Daraufhin begeben wir uns auf die Fehlersuche, indem wir zunächst verschiedene Textdateien auf der DVD öffnen, um hier relevante Informationen zu erhalten. Doch weitere Überraschungen folgen: Es stellt sich heraus, dass sich zusätzlich zu den offiziell aufgeführten und vom Verlag beworbenen Lexika auch noch ein Englisch-Wörterbuch auf der DVD zusammen mit der dazugehörigen neuesten Version der Office-Bibliothek befindet.

Dieses Duden-Oxford-Kompaktwörterbuch offeriert der Online-Shop der Bifab AG auch einzeln zum Preis vom 16,95 Euro. Es umfasst 76 000 Stichwörter mit knapp 100 000 Übersetzungen [3]. Doch bei diesem Lexikon scheint die Dokumentation mit der Programmentwicklung im Hause Bifab AG nicht Schritt zu halten: Die Anleitung beschreibt die Installation für die Office-Bibliothek in Version 3 (aktuell ist Version 4.1) unter Red Hat und – für andere Distributionen – aus einem Tarball heraus (Abbildung 3).

Abbildung 3: Unbrauchbar: Veraltete Liesmich-Dateien ohne vernünftige Hilfestellung.

Doch der befindet sich gar nicht auf der DVD. Zudem findet man im Unterverzeichnis Office-Bibliothek auf der DVD drei vorgefertigte Paketarchive für Fedora, Suse Linux und Debian/Ubuntu – und zwar für die aktuelle Version der Office-Bibliothek. Dieses Dokumentations- und Versionschaos lädt nicht gerade dazu ein, die Installation des Premium-Brockhaus auch unter anderen Linux-Distributionen zu wagen, wir testen das aber trotzdem.

Unter CentOS in der neuen Version 5 lässt sich das Programm wegen diverser Unzulänglichkeiten in den Startskripten nicht installieren. Unter Ubuntu gelingt es nach großen Mühen, zumindest das eigentliche Lexikon mitsamt der Multimedia-Elemente zur Mitarbeit zu bewegen. Dazu ist folgende Vorgehensweise notwendig: Installieren Sie zunächst via Synaptic den Red Hat Package Manager rpm. Anschließend führen Sie den Befehl rpm -ivh ---nodeps bmm-9.0.0-8-intel-linux.rpm aus. Der Paketmanager installiert den Brockhaus auf Ihr System. Achten Sie auf die Angabe des Parameters ---nodeps, da ansonsten die Installation wegen angeblich nicht erfüllter Abhängigkeiten abbricht.

Vervollständigen Sie die Installation, indem Sie sämtliche Dateien und Unterverzeichnisse, die sich auf der DVD im Pfad /bmm_data befinden, in das Verzeichnis /opt/bmm/data/ der Festplatte kopieren. Dazu geben Sie im Terminal den Befehl cp -R DVD-Laufwerk/bmm_data/* /opt/bmm/data/ ein. In einem letzten Schritt ändern Sie die Zugriffrechte der kopierten Dateien mit dem Befehl chmod 755 *. Nach dieser umständlichen Prozedur starten Sie den Brockhaus multimedial premium 2007 mit einem Klick auf den entsprechenden Eintrag im Menü AnwendungenBüro.

Erfahrene Linux-Anwender mögen bei dieser Installationsprozedur einwenden, dass es doch einfacher wäre, das RPM-Archiv mithilfe des Programms alien in ein DEB-Paket umzuwandeln. Die Umwandlung funktioniert auch ohne Fehler, doch schlägt anschließend die Installation des Pakets fehl.

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