Noch vor wenigen Jahren benötigten Tonstudios eine riesige Grundfläche, um beeindruckend teure Mehrspurmaschinen, Mischpulte sowie meterhohe Stapel von Effektgeräten unterzubringen. Heutzutage passt all das in einen handelsüblichen PC. Besser, aber nicht größer, sind Rechner mit speziell auf die Anforderungen im Tonstudio angepasster Hard- und Software, so genannte Digitale Audio-Workstations.
Während proprietäre Lösungen meist eine ordentliche Stange Geld kosten und zudem in der Regel nur für Windows oder Mac OS verfügbar sind, hat sich die Linux-Gemeinde in den letzten Jahren enorm ins Zeug gelegt, um auch das freie Betriebssystem fit für professionelles Arbeiten im Audiobereich zu machen. Als eine der interessantesten Entwicklungen positioniert sich dabei die freie Software Ardour [1], die gerade in Version 2.0 erschienen ist.
Das von Paul Davis inzwischen hauptamtlich betreute Projekt hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, einen vollwertigen Ersatz für etablierte Werkzeuge wie ProTools, Steinbergs Cubase oder Nuendo zu liefern. Obwohl die Entwickler damit ein professionelles Umfeld im Blick haben, profitiert auch der semiprofessionelle Heimanwender von dem Programm: Vom Produzieren einer einfachen Demo der eigenen Garagenband bis zum Digitalisieren und Remastern der einzigartigen Schallplattensammlung öffnet sich dem Musikliebhaber unter Linux ein weites Feld von Möglichkeiten.
Geschichte
Der frühere Amazon-Chefentwickler Paul Davis begann das Ardour-Projekt 1999 parallel zum ebenfalls hauptsächlich von ihm stammenden Sound Server Jack [2]. Die zunächst auf GTK1 basierende Anwendung durchlief eine Vielzahl von Alpha- und Betastadien, bevor die Entwickler im Oktober 2005 bekannt gaben, dass sie auf eine offizielle Version 1.0 verzichteten und sich stattdessen der Portierung auf die Gtk2-Bibliothek widmen wollten. Das erklärt den Versionssprung von zuletzt 0.99.3 nun direkt auf Ardour 2.0.
Die aktuellen Linux-Distributionen bieten Ardour 2 noch nicht als Paket an, die Installation aus den Quellen geht aber dank des Build-Werkzeugs Scons recht leicht von der Hand.
Installation
Zunächst die gute Nachricht: In OpenSuse 10.2 können Sie Ardour aus dem Paketmanager heraus installieren – vorausgesetzt, Sie binden die Installationsquelle [3] in YaST ein. Dann geben Sie einfach Ardour in das Suchfenster für neu zu installierende Software ein und installieren das Programm in der gewünschten Version. Auf demselben Wege richten Sie auch das unten genannte QJackCtl ein, das die Verbindung von Ardour zu Jack hält. Die schlechte Nachricht: Für alle andere Distributionen bleibt nur der im folgende beschriebene, recht umständliche Weg der Einrichtung aus den Quellen.
Zunächst installieren Sie mit dem Paketmanager Ihrer Distribution folgende Pakete, deren genaue Bezeichnung sich von Distribution zu Distribution unterscheiden kann – nutzen Sie im Zweifel die Suchfunktion: Scons, Python, Gettext und Pkg-config. Außerdem benötigen Sie die Development-Versionen folgender Bibliotheken: Libjack, Libxml2, Libart_lgpl, Libsamplerate, Libraptor, Liblrdf, Libglib2, Libgtk2, Libgnomecanvas2, Liblo und Libboost. Üblicherweise erkennen Sie die Development-Pakete am angehängten -dev oder auch -devel im Namen.
Sollten Sie eins oder mehrere diese Files nicht in Ihrem Distribution finden, hilft der – allerdings mitunter umständliche – Weg über die Webseite von Ardour. Sie listet alle Abhängigkeiten mit zugehörigen Weblinks auf. Nutzen Sie zusätzlich Ihren Paketmanager, um Bibliotheken oder Pakete zu installieren.
Öffnen Sie über [F4] ein Terminal-Fenster und wechseln Sie mit cd Verzeichnis
in den Ordner, in dem das Ardour-Quelltextarchiv gespeichert ist. Entpacken Sie die Datei mit tar xjf ardour-2.0.2.tar.bz2 und wechseln Sie mit cd ardour-2.0.2 in das neue Verzeichnis. Den Übersetzungsvorgang starten Sie nun durch Aufruf des Kommandos scons. Sollten noch Bibliotheken fehlen, macht Sie die Routine darauf aufmerksam. War das Kompilieren erfolgreich, installieren Sie das Programm mit Root-Rechten durch scons install.
Da Ardour auf dem Jack Audio Connection Kit aufbaut, sollten Sie anschließend mit Ihrem Paketmanager das Programm QJackCtl installieren. Nach der Installation starten Sie diese Anwendung im Terminalfenster durch Eingabe von qjackctl &. Klicken Sie im Programm auf Setup, um die Programmoptionen zu ändern. Dort sollte insbesondere die Checkbox Realtime aktiviert sein.
Ergeben sich dadurch Probleme, so überprüfen Sie, ob Sie als Benutzer der audio-Gruppe angehören und die Datei /etc/security/limits.conf die Zeilen aus Listing 1 enthält. Fügen Sie diese Zeilen gegebenenfalls hinzu. Klicken Sie anschließend auf Start, um den Jack-Audioserver zu aktivieren. Starten Sie erst danach im Terminalfenster Ardour durch Eingabe von ardour2 &.
@audio - rtprio 99 @audio - nice -20 @audio - memlock 4000000
Aufgeräumte Oberfläche
Nach dem ersten Start öffnet sich ein Dialogfeld, in dem Sie ein neues Projekt anlegen oder ein vorhandenes laden (Abbildung 1). In den Vorversionen präsentierte Ardour dem Anwender sinnloserweise immer sofort den Editor, der bis zur Anwahl der Menüpunkte New oder Open aus dem Dateimenü aber unbenutzbar blieb.
Entscheiden Sie sich für ein neues, leeres Projekt, zeigt Ardour eine ordentliche und aufgeräumt wirkende Oberfläche (Abbildung 2). Obwohl diese nun auf Gtk2 basiert, lässt sie sich noch nicht über Themes im Aussehen verändern. Dennoch macht sie optisch einen wesentlich runderen Eindruck als die Gtk1-basierte Vorgängerversion.
Bei der ersten Version von Ardour liefen die ins Deutsche übersetzten Bildschirmtexte oft über die sichtbaren Bereiche der Schaltflächen hinaus; das gehört nun dank des Layout-Managements von Gtk2 der Vergangenheit an. Bei einem System, das für die Ausgabe von deutschen Texten konfiguriert ist, fällt zudem die vollständige und durchweg gelungene Übersetzung ins Auge – für ein Projekt, das sich mit einer solchen Schnelligkeit weiterentwickelt, keinesfalls selbstverständlich.
Wer im Audiobereich an komplexen Projekten arbeitet, benötigt eine hohe Bildschirmauflösung. In professionellen Studios sind daher zwei oder mehr miteinander verbundene Monitore Standard. Für das Heimstudio zu Hause ermöglicht Ardour aber auch die Arbeit mit kleinen Displays: Ragte bei früheren Versionen das Hauptfenster oft noch unverrückbar über den sichtbaren Teil hinaus, lassen sich in der aktuellen Version solche Ansichten anpassen.



