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Adieu, DRM

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

was darf ich als Verbraucher mit digital erworbenen Gütern tun – und wie weit darf mich der Anbieter bei deren Gebrauch einschränken? Zwei Antworten auf diese Frage kommen dieser Tage aus ganz unterschiedlichen Richtungen: Eine aus der Praxis, die demonstriert, dass Konsumenten die Industrie durchaus durch ihr Verhalten mit beeinflussen können, und eine aus der Theorie, die ihren letztlichen Wert erst noch erweisen muss.

Am 2. April haben der Musikgigant EMI [1] und Apple auf einer gemeinsamen Pressekonferenz das Ende von DRM eingeläutet. EMI will alle digitalen Musikangebote künftig auch ohne jeden Kopierschutz verfügbar machen, und das auch noch in besserer Qualität als die DRM-behafteten Stücke. Als Format kommt neben MP3, WMA und AAC auch jede andere Kodierung in Frage, ließ EMI wissen. Erhältlich sind die Stücke als erstes über Apples iTunes, doch auch der deutsche Online-Musikanbieter Musicload [2] verhandelt bereits mit EMI.

Warum die bisher so starre DRM-Front der Industrie jetzt plötzlich bröckelt, zeigen deren eigene Statistiken [3]: Zwar präferieren die Kunden digitale Musikangebote gegenüber dem klassischen Tonträger immer mehr; so sank in Deutschland der Verkauf physikalischer Alben und Songs im letzten Jahr um 1,4 Prozent, während entsprechende digitale Angebote um rund ein Drittel mehr nachgefragt wurden. Noch deutlicher fällt der Trend in USA, Großbritannien oder Frankreich aus.

Andererseits akzeptieren immer weniger Anwender die digitalen Restriktionen und nutzen lieber DRM-freie Alternativen, zur Not auch aus halbseidenen Quellen wie AllofMP3. So wurden laut Bundesverband der phonografischen Wirtschaft 2006 insgesamt 401 Millionen Musiktitel aus dem Web geladen – doch nur noch 27 Millionen "legal" [4]. Einer solchen "Abstimmung mit den Füßen" gegen hinderliches DRM haben die Anbieter nichts mehr entgegen zu setzen und lenken ein. Linux-Anwender profitieren davon noch mehr als andere, sind doch viele der existierenden DRM-Systeme an bestimmte Plattformen gebunden und verhindern dadurch unter dem freien Betriebsystem selbst legalen Musikgenuss.

Für Linux selbst war DRM bislang ein Fremdwort – und bleibt es auch, sofern sich die GPL-Version 3 durchsetzt, deren jüngsten Entwurf die Free Software Foundation Ende März veröffentlicht hat [5]. Auch nach dem aktuellen Draft soll es GPL-lizenzierte DRM-Software grundsätzlich nicht geben – gut so. Neu eingeführte Passagen des GPL-Entwurfs beschäftigen sich daneben auch mit der so genannten Microsoft/Novell-Problematik: Darf ein Anbieter selektiv Nutzer bestimmter Programmversionen oder Distributionen von Patentansprüchen freistellen, andere aber nicht? Die Antwort heißt ganz klar: Nein, er muss einen solchen Schutz auf alle Nutzer ausdehnen. Deals wie der zwischen Microsoft und Novell verstoßen gegen die GPLv3, der Zuwiderhandelnde verliert alle Rechte zur Nutzung und Verbreitung der Software.

Da kann man nur hoffen, dass die GPLv3 wie geplant zur Jahresmitte verabschiedet auf dem Tisch liegt und umgehend Einzug in möglichst viele Projekte hält. Dazu könnte durchaus auch der Kernel zählen, denn Linus Torvalds ist von dem aktuellen GPL-Entwurf "sehr angetan" [6] und kann sich eine Übernahme für den Kernel durchaus vorstellen. In dem Fall müsste Novell seinen Vertragspartner Microsoft dazu bewegen, seine im Rahmen des Deals getroffene Patenthaftungsfreistellung für Suse-Programmierer und Novell-Kunden auf alle Linux-Entwickler und -Anwender auszudehnen. Steve Ballmers penetrantes Patent-Genörgel und Klagen à la SCO wären damit ein für allemal Geschichte – ein schöner Gedanke.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

Infos

[1] EMI: http://www.emigroup.com

[2] Musicload: http://www.musicload.de

[3] IFPI-Marktzahlen: http://www.linuxelectrons.com/news/general/9945/music-market-data-2006

[4] "Entwicklung illegaler Downloads": http://www.ifpi.de/news/news-863.htm

[5] GPLv3-Website: http://gplv3.fsf.org

[6] Torvalds "pretty pleased": http://news.com.com/2061-10795_3-6171300.html

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