Aufmacher

Hosen runter, Steve!

01.04.2007

Liebe Leserinnen und Leser,

es tobt mal wieder ein Glaubenskrieg in der Welt der freien Software: Ausgelöst hat ihn eine Mail [1] des Kernel-Entwicklers Greg Kroah-Hartman, in der er Hardware-Herstellern anbietet, Linux-Treiber zu programmieren, wenn diese die Spezifikationen zur Verfügung stellen. Dass er ebenfalls anbot, auch ein Geheimhaltungsabkommen (NDA) zu unterzeichnen, erbost die BSD-Gemeinde (siehe Leserbriefe).

Gegen den Vertrag zwischen Microsoft und Novell nimmt sich das Zugeständnis von Greg KH allerdings wie ein Bagatelldelikt aus, denn immerhin verspricht er ja, dass aus seiner Arbeit nur GPL-Code resultiert. Novell dagegen bezahlt in einem Abkommen mit dem Konzern aus Redmond für dessen geistiges Eigentum, das sich angeblich im Linux-Kernel befinde [2].

Seit gut einem Vierteljahr treibt der Microsoft-CEO diese Sau nun schon durchs Dorf. Jeder, der Linux in seinem Rechenzentrum betreibe, habe ein nicht genau beziffertes Minus auf seinem Konto, es sei denn, er setze auf Novell/Suse. Erst jüngst wiederholte er die Behauptung in einem Meeting mit Finanzanalysten [3]. Interessanterweise unterließ er es damals wie heute, Klartext zu reden, sprich genau aufzuzeigen, welcher Code im Linux-Kernel betroffen ist.

Diese Art der Informationspolitik hat bei Microsoft schon Tradition, wie jetzt aufgetauchte E-Mail-Korrespondenz in einem anderen Fall zeigt [4]. So versuchten Mitglieder der Konzernführung im Jahr 2002, Einfluss auf das Marktforschunginstitut IDC zu nehemn, das eine Studie über die Kosten beim Einsatz von Windows und Linux erstellt hatte.

Das Ergebnis der Studie lautete, dass Windows 2000 in den meisten Fällen günstiger im Unternehmenseinsatz sei als Linux. Wen wundert's, hatte doch Microsoft die Studie finanziert. Das Firmenlogo wollten dessen Chefs aber nun doch nicht auf dem Deckblatt sehen, weil sie zu recht fürchteten, dass das der Open-Source-Gemeinde Munition liefere. Es wurde doch bekannt, und die passenden Reaktionen blieben nicht aus.

Das kürzlich abgehaltene Meeting mit den Finanzanalysten könnte einen Hinweis auf den Grund für die aktuelle Kampagne gegen Linux liefern: Der Absatz des neuen Windows Vista verläuft etwas schleppend. Es klauen nämlich alle bei Microsoft: wenn nicht das ganze Betriebssystem, so doch den patentierten Code.

Die passende Antwort auf Produktpiraterie muss Microsoft selber finden. Die richtige Retourkutsche auf die angebliche Patentverletzung bekommt das Unternehmen von der Community: "Show us the code", lautet die Forderung [5]. Ballmer soll endlich sagen, welcher Code betroffen sei. Die Entwickler seien nicht daran interessiert, patentierte Algorithmen zu verwenden, und würden diese dann austauschen. Ein Reaktion von Microsoft blieb bislang aus.

Das liegt vermutlich daran, dass sich in der Community bislang wenig Unterstützung für die Kampagne findet. Ähnlich mau sieht es aktuell beim Computer-Hersteller Dell in Sachen Linux aus: Als Reaktion auf eine Umfrage unter Kunden [6] verkündete das Unternehmen vollmundig, Rechner mit Linux anzubieten – nur um im gleichen Atemzug wieder zurück zu rudern [7]: Derzeit plant die Firma nur die Zertifizierung von Novell/Suse für ausgesuchte Enterprise-Produkte.

Statt sich also gegenseitig das Leben schwer zu machen, sollten sich die Advokaten für freie Software lieber gemeinsam gegen den neuen FUD von Microsoft stemmen und dafür sorgen, dass Steve Ballmer endlich die Hosen runterlässt. Nur so entsteht Gewissheit. Klare Verhältnisse machen es wiederum den Dells der Welt einfacher, sich zu Linux zu bekennen.

Herzliche Grüße,

Andreas Bohle

Stellv. Chefredakteur

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