Das französische Mandriva Linux – die einzige noch verbliebene große europäische Linux-Distribution – gilt seit Jahren als Synonym für Einsteiger- und Benutzerfreundlichkeit. Daneben bemühten sich die Entwickler stets, die neuesten und innovativsten Technologien in ihr Produkt zu integrieren. So tat sich die damals noch als Mandrake Linux firmierende Distribution als Pionier bei der Einführung des Udev-Dateisystems hervor, und auch die Galaxy-Oberfläche, die die äußerlichen Unterschiede zwischen KDE und Gnome minimierte, wurde von Mandrake entwickelt. Nachdem es 2005 und 2006 ruhiger um Mandriva geworden war, stellen die Franzosen jetzt mit dem neuen Metisse-Desktop eine interessante Studie vor, die zeigt, wie der Desktop der Zukunft aussehen könnte.

Mandriva Metisse basiert auf Mandriva One 2007.0, also der fehlerbereinigten Version für das Jahr 2007. Gegenüber der "offiziellen" Distribution gibt es einige wesentliche Unterschiede: So funktioniert der Metisse-Desktop nur in Verbindung mit Gnome, Mandrivas Standard-Arbeitsoberfläche KDE bleibt außen vor. Auch gibt es (noch) keine 64-Bit-Version von Metisse, und schließlich gibt es Mandriva Metisse auch (noch) nicht zu kaufen, es steht zum kostenlosen Download ausschließlich als Live-CD [1] bereit. Mandriva wehrt sich in den öffentlichen Verlautbarungen vehement dagegen, mit Metisse einen neuen 3D-Desktop einführen zu wollen, und warnt vor dem Einsatz von Metisse in Produktivumgebungen – bei der Software handelt es sich nach offizieller Lesart um eine frühe Studie [2].

Installation

Das System startet zügig, die übliche Abfrage der länderspezifischen Einstellungen und auch der Aufbau des Desktops sehen genauso aus wie beim "offiziellen" Pendant. Wie bei Mandriva üblich fällt auch bei dieser Version die hocheffiziente Hardware-Erkennung positiv auf: Selbst bei etwas exotischer Hardware stellt die Distribution die Bildschirmauflösung und somit Horizontal- und Vertikalfrequenz des X-Servers automatisch korrekt ein. Sie erkennt auch viele Winmodems, verweist jedoch meist zum Download entsprechender Treiber auf eine kostenpflichtige Site.

Mandriva Metisse startet sodann in den Gnome-Desktop der Version 2.16. Nach Abschluss des Systemstarts offenbart der Desktop zunächst lediglich einen einzigen signifikanten Unterschied zum bekannten Mandriva One 2007.0: Statt der verkleinerten vier Arbeitsoberflächen rechts in der unteren Panelleiste präsentieren sich gleich neun Arbeitsoberflächen unten rechts im Hauptfenster.

Beim anschließenden Durchblättern der Gnome-Menüs Anwendungen, Orte und System fällt auf, dass gegenüber der bekannten One-Version einige weniger wichtige Applikationen fehlen. Diese Verminderung der Softwareauswahl dürfte dem Platzmangel durch die Integration von Metisse auf der CD-ROM geschuldet sein. Die für Linux typische Standardsoftware wie OpenOffice, Firefox, Gimp sowie die gängigen Multimedia-Anwendungen finden sich jedoch komplett. Auch proprietäre Software wie der Real Player ist integriert.

Zudem fällt ins Auge, dass sich die Mandriva-typische grafische Verwaltungssoftware zur Installation und Konfiguration des Systems vollständig inklusive der Software- und Paketverwaltung auf der CD-ROM befindet – für Live-Distributionen eher eine Ausnahme. Wer sich mit Mandriva schon länger beschäftigt und die Verwaltungstools beherrscht, stellt schnell fest, dass sich diese Live-CD auch auf der heimischen Festplatte installieren lässt. Der Befehl draklive-install in einem Terminalfenster packt Mandriva Metisse für einen ausgiebigeren Test unter realen Bedingungen auf die Festplatte. Noch einfacher gelingt die Installation, meldet man sich als Administrator root an: In diesem Fall lädt Gnome mit rotem Bildschirmhintergrund und einem Installations-Icon auf der Arbeitsoberfläche, sodass sich Mandriva Metisse per Mausklick auf die Festplatte befördern lässt.

3D völlig anders

Bei jeder sich bietenden Gelegenheit weisen die Entwickler darauf hin, dass es sich bei Mandriva Metisse nicht um einen herkömmlichen 3D-Desktop handelt. Anwender, die den von XGL/Compiz oder AIGLX/Beryl bekannten 3D-Desktop mit rotierendem Cube und schwabbelnden Fenstern erwarten, steht eine Enttäuschung bevor: Mandriva Metisse bietet keine solchen Gimmicks, sondern fokussiert auf zukünftige Desktop-Konzepte, die die Bedienbarkeit und damit die Effizienz beim PC-Einsatz erhöhen sollen.

Die neun über die Arbeitsoberfläche zu erreichenden Desktops stellen dabei quasi einen einzigen großen Desktop aus der Vogelperspektive dar – Fenster weichen in alle Richtungen aus und machen einem neuen, leeren Bereich Platz, sobald man mit [Strg]+[Alt]+[Pfeiltaste] die Oberfläche wechselt. In der gleichen Weise lassen sich bereits "besetzte" Desktop-Oberflächen ansteuern.

Beim Verschieben von Fenstern fällt auf, dass diese sofort transparent werden, also der Hintergrund während des Bewegens durchscheint. Auch klappen sie fast wie ein Blatt Papier zu und auf, sobald sich zwei Fenster überlagern und der Anwender im unten liegenden Fenster navigiert oder Text markiert (Abbildung 1).

Abbildung 1: Oben liegende Fenster klappen bei Metisse auf und zu.

Die auf und zu blätternden Fenster stellen für den Anwender eine völlig neue Form der Arbeitsvereinfachung dar, speziell wenn er Text mittels Copy & Paste von einem Fenster ins andere transferiert. Es ist nun nicht mehr nötig, das jeweilig gewünschte Fenster erst nach vorn zu holen.

Eine weitere innovative Lösung stellt die Möglichkeit dar, Fenster in 10-Prozent-Schritten zu vergrößern oder zu verkleinern: Wie die meisten anderen Metisse-Funktionen auch erreicht man die so genannte Scale-Option über das Steuerungsmenü in der Titelleiste das Fensters. Das wahlfreie Skalieren des jeweils aktiven Fensters ohne Beeinflussung des restlichen Bildschirminhalts ermöglicht, die Inhalte inklusive Anti-Aliasing des Textes zu vergrößern, was insbesondere Anwendern mit Sehschwächen Freude bereiten dürfte (Abbildung 2).

Abbildung 2: Durch vergrößerte Fenster erleichtert Metisse auch Sehbehinderten den Umgang mit dem Rechner, ohne teuere teure Zusatzhardware zu erfordern.

Allerdings konnten sich die Entwickler nicht vollständig der 3D-Faszination entziehen: So lassen sich Fenster dreidimensional um alle Achsen rotieren, per Mausklick – auch im 180-Grad-Winkel – "klonen", und kreisende Fenster sorgen beim Betrachter für ein Schmunzeln.

Fazit

Mandriva bietet mit der Integration von Metisse eine Fülle neuer, interessanter Ideen für den Desktop. Es ist unverkennbar, dass Metisse dabei den Schwerpunkt nicht auf optisch reizvolle, aber nutzlose Sonderfunktionen legt, sondern einen echten Fortschritt bei der Bedienung des Desktops erzielten will. Für eine "frühe Studie" klappt das bereits bemerkenswert gut: Deutlich lassen sich innovative Ansätze erkennen, die bei kontinuierlicher Weiterentwicklung die Anwendbarkeit grafischer Bedienoberflächen drastisch verbessern könnten. Allerdings muss dazu auch eine entsprechende Weiterentwicklung der Hardware stattfinden: Die Maus als 2D-Zeigerinstrument eignet sich nur bedingt für den Einsatz auf 3D-Oberflächen. Wesentlich besser eignen sich Eingabeinstrumente aus der CAD-Welt, um mit Konzepten wie Metisse zu harmonieren.

Für den produktiven Einsatz eignet sich Mandriva Metisse noch nicht. Zwar arbeitet das Betriebssystem stabil, jedoch stürzen einzelner Anwendungen häufig ab. Zudem gerät der Einsatz der Live-CD auf Rechnern mit der von Mandriva empfohlenen Mindestausstattung (450-MHz-CPU, TNT2-Grafikkarte, 256 MByte RAM) zur Geduldsprobe – hier darf es ruhig etwas mehr sein. Trotzdem darf sich Metisse durchaus als ressourcenschonend bezeichnen – speziell im Vergleich zu gewissen kommerziellen Betriebssystemen, die zwar nicht die bereits unter Linux erreichten 3D-Funktionen bieten, dafür aber eine stattliche Summe Geld kosten und obendrein nicht weniger stattliche Hardware zum Betrieb erfordern.

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