Seit der Hersteller von Mulberry im Oktober 2005 Konkurs anmelden musste, stand der E-Mail-Client nicht mehr zum Kauf auf der Website. Cyrus Daboo, der Schöpfer des Mailers, entwickelt das Programm jedoch als Freeware für die Betriebssysteme Linux, Mac OS und Windows weiter. Den Quellcode legt er allerdings nicht offen, um die Rechte Dritter nicht zu verletzen, wie es in den Pressemeldungen heißt. Lohnt sich trotzdem der Umstieg angesichts der Tatsache, dass es quelloffene Mailer in Hülle und Fülle gibt, von Mutt über Pine bis Thunderbird und KMail? Unser Test fühlt dem Programm auf den Zahn.
Erste Überraschung
Sie finden das Programm Mulberry auf der Heft-CD oder in der Download-Sektion der Projektseite. Dort liegt neben der Windows- und der Mac-Version auch ein Tarball mit der aktuellen Linux-Variante 4.0.7 [1]. Schon die Dateigröße bereitet eine Überraschung: Statt der auf der Website angekündigten Größe von 10 MByte, die beim Windows-Executable durchaus stimmt, beträgt die Größe des Tar-Archivs lediglich knapp über 6 MByte. Ein möglicher Grund dafür findet sich nach einigem Suchen auf den Wiki-Seiten [2] des Projektes: Die umfangreiche englischsprachige Dokumentation ist nur in den Mac- und Windows-Paketen enthalten – die Linux-Variante ging leer aus.
Die Installation ist schnell erledigt, da der Mailer nur in binärer Form vorliegt und dem Benutzer so die Arbeit des Kompilierens im Vorfeld abnimmt. Für den reinen Anwender oder Windows-Umsteiger bedeutet das natürlich einen Komfortgewinn. Echten Freunden der Open-Source-Philosophie läuft beim Gedanken, ein Programm zu installieren, das sich nicht in die Karten schauen lässt, eher ein Schauer über den Rücken. Im Test lief die Software lediglich im Home-Verzeichnis und nicht systemweit.
Nach dem Entpacken des Tarballs ins Heimatverzeichnis mit dem Kommando tar xvzf Mulberry.tgz entsteht dort ein verstecktes Verzeichnis namens .mulberry sowie die Datei mulberry. Das Verzeichnis enthält die Konfiguration, die Mailboxen und anderen Programminterna; bei der Datei handelt es sich um den eigentlichen Mailclient. Sie verschieben ihn am besten in ein lokales Verzeichnis wie ~/bin und fügen dieses der Shellvariablen $PATH hinzu [3], sofern noch nicht geschehen. Nun ist die Software fertig für den Einsatz.
Los geht's
Gleich nach dem Aufruf von Mulberry in der Shell bestätigt ein Splashscreen den Start. Anschließend fordert das Programm Sie auf, die Sprache der Rechtschreibprüfung festzulegen. Wo sich unter Windows eine Vielfalt an Sprachen bis hin zu Deutsch erstreckt, bekommen Sie bei der Linux-Version buchstäblich nichts angezeigt: Mulberry präsentiert ein Auswahlmenü, das lediglich ein Sternchen enthält (Abbildung 1). Trotzdem nutzt das Programm ein auf dem System vorhandenes Ispell zur Rechtschreibprüfung, kennt als Sprache jedoch nur Englisch.
Nach dem Klick auf OK zum Bestätigen der Rechtschreibprüfung poppt ein weiteres Fenster auf: Es trägt den Titel Preferences und wartet auf Angaben zur E-Mail-Adresse, dem Namen des Benutzers sowie den Servern zum Abholen und Versenden der Nachrichten. Die Beschriftungen der Eingabemasken und Knöpfe erscheinen allerdings samt und sonders auf Englisch. Ein echtes Manko, bedenkt man, dass inzwischen sogar ein Urgestein wie Mutt, ein Mailer für die Textkonsole, über eine deutsche Oberfläche verfügt.
Unterhalb der Angaben zum SMTP-Server, an den der Client die Mails übermittelt, findet sich das Kästchen Check for New Mails. Über die Auswahlschalter Never und Every ... mins. erhält das Programm die Anweisung, ob und in welchem Intervall es nach Post für den Anwender schauen soll.
Gut und reibungslos – wenn auch nicht überragend schnell – gelingt dem Client der Umgang mit IMAP-Mailboxen. Das Durchsuchen von Nachrichten auf dem Server dauert zwar eine Weile, dafür wirkt die Suchmaske übersichtlich und lässt sich auch von Einsteigern leicht bedienen. Als kleines Schmankerl funktioniert die Suche sogar quer über Mailboxen auf verschiedenen Servern, die Sie dazu in so genannte Cabinets zusammenfassen.



