Aufmacher

"Treiber für lau"

01.03.2007

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

zu den größten Schwachpunkten beim Einsatz von Linux auf dem Desktop zählt die immer noch recht dünne Unterstützung für Hardware. Wer von uns hätte sich nicht schon einmal über fehlenden Treibersupport für ein Device geärgert, sei es nun ein preiswerter Drucker, ein schicker USB-WLAN-Stick, eine Webcam für den Videochat oder der integrierte Cardreader im Notebook.

Auf fehlende Linux-Treiber angesprochen, reagieren die Hersteller stereotyp mit immer denselben Argumenten dafür, warum sie das freie Betriebssystem ignorieren. Der Aufwand für die Treiberentwicklung sei angesichts der kleinen Zielgruppe zu hoch, heißt es dann – oder als Variante: Zu hohe Kosten für den Support fielen an, wenn man auch noch für Linux geschultes Personal einstellen müsse. Open-Source-Treiber, so bekommt man darüber hinaus oft zu hören, kämen ohnehin nicht in Frage – zu viel "Intellectual Property" stecke in den Produkten, das sonst der Konkurrenz mit fatalen Folgen für die eigenen Wettbewerbsfähigkeit zur Verfügung stünde.

Seit dem 29. Januar allerdings können sich die Hersteller nicht mehr so leicht aus der Affäre ziehen. An diesem Tag hat Kernel-Entwickler Greg Kroah-Hartman, der Leiter eines der Kernel-Entwicklungsteams von Suse, auf der Linux Kernel Mailing List der Hardware-Industrie einen revolutionären Vorschlag unterbreitet: Unter der Überschrift ""Free Linux Driver Development!" bietet er im Namen der Kernel-Community allen Firmen an, für deren Produkte kostenlos Treiber zu entwickeln und zu supporten. Das Angebot gilt für jede Art Hardware von USB-Gadgets über Grafikkarten bis hin zu Netzwerkkarten.

Alles, was die Hersteller tun müssen, ist den Kernel-Entwicklern genaue Hardwarespezifikationen zu den fraglichen Geräten zu liefern, oder zumindest einen E-Mail-Kontakt zu einem der verantwortlichen Ingenieure herstellen. Die zusätzliche Überlassung einiger Geräte zu Test- und Debugging-Zwecken wäre hilfreich, so Kroah-Hartman, ist aber nicht unbedingt erforderlich.

Als Gegenleistung erhalten die Unternehmen für ihre Geräte von der rund 1500 Köpfe starken Kernel-Community entwickelte Linux-Treiber, die gleichzeitig in die Kernel-Sourcen einfließen und so in jeder einzelnen Linux-Distribution zur Verfügung stehen. Sogar den Support (per E-Mail) wollen die Kernel-Entwickler übernehmen, sofern ihn nicht für die kommerziellen Linux-Varianten nicht ohnehin deren Distributoren leisten.

Auch eventuelle Bedenken hinsichtlich des geistigen Eigentums deckt das Angebot der Kernel-Entwickler ab. Zusammen mit der vor kurzen aus dem Zusammenschluss der Open Source Development Labs (OSDL) mit der Free Standards Group (FSG) entstandenen Linux Foundation [2] haben sie die rechtlichen Rahmenbedingungen aufgesetzt, um im Zug so genannter NDAs ("Non-disclosure Agreement", Verschwiegenheitsvereinbarung) schützenswerte Unternehmensgeheimnisse zu bewahren.

Damit steht einer umfassenden Linux-Treiberunterstützung für Hardware jeglicher Couleur nicht mehr das geringste im Wege – den bislang so oft zu hörenden Ausreden der Hersteller jedenfalls entzieht das durchdachte Angebot der Kernel-Entwickler jeglichen Boden. Es bleibt zu hoffen, dass die Industrie zügig von der neuen Möglichkeit Gebrauch macht: Mit einer breiteren Auswahl an unterstützter Peripherie und Komponenten entfällt ein wesentlicher Hinderungsgrund für den breiten Einsatz von Linux.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

Infos

[1] "Free Linux Driver Development!": http://lkml.org/lkml/2007/1/29/345

[2] The Linux Foundation: http://www.linux-foundation.org

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