Für den Linspire-PC hat Medion in ein Desktop-Gehäuse von rund 15 cm Höhe und der Breite eines VHS-Recorders das Mainboard MS-6723 von MSI, eine 200-GByte-Festplatte von Seagate und einen Single-Layer-DVD-Brenner von Pioneer verbaut. Die Details listet die Tabelle "Technische Daten" auf.
Das Set verkauft sich dann unter dem Namen Multimedia Home Entertainment Design Center. Beim Linux-Rechner handelt es sich um das gleiche Modell, das es 2006 auch bei Real zu kaufen gab. Mangels Real-PC konnte die Redaktion den Unterschied zwischen der Marktkauf- und der Real-Variante allerdings nicht genau ermitteln. Der Real-PC besitzt die Medion-Typenbezeichnung "PC System 6211.02 MED MD Professional", während der von uns getestete Marktkauf-Rechner als "PC System 6295.05 MED MD Professional" fungiert. Bei beiden Varianten handelt es sich um umgebaute Digitainer[1], wie sich am Zusatz "Umbau Digit. DG 4008" unschwer erkennen lässt. Das erklärt auch, warum der Rechner zwar eine schwachbrüstige Celeron-CPU, jedoch eine üppige 200-GByte-Festplatte mitbringt.
Technische Daten
| Hersteller | Medion |
|---|---|
| Typ | PC System 6295.05 MD Professional |
| Mainboard | MSI MS-6723 |
| CPU | Intel Celeron, 850 MHz |
| RAM | 1 x 512 MByte |
| Festplatte | Seagate ST3200826ACE, 200 GByte |
| DVD-Brenner | Pioneer DVD RW DVR-106D (Single Layer) |
| Grafik | Via VT8623 (Apollo CLE266) onboard, 64 MByte max. |
| Anschlüsse | 4 x USB 2.0, 1 x Firewire 400, Scart-Out, S-Video-Out, Composite-Out, analoges Audio Out/In, digitales Audio-Out/In, 5.1-Audio-Out, serielle Schnittstelle |
| Besonderes | 5-in-1-Kartenleser |
| Preis | 200 Euro |
Das vorinstallierte Linspire 5.1.470 bootet mit Kernel 2.6.14 zwar recht gemächlich (rund 2 Minuten), danach steht aber ein voll funktionsfähiger Linux-Desktop bereit. KDE liegt in Version 3.3.4 vor, OpenOffice in Version 2.0.1. Linspire bring in puncto Multimedia klare Vorteile gegenüber der Konkurrenz: Es spielt nicht nur MP3-Dateien und verschlüsselte DVD-Scheiben ab, sondern mithilfe der von Microsoft lizenzierten Codecs auch Windows-Media- und DivX-Dateien. Einige WMA-Dateien zwangen das System in den Tests zwar in die Knie, MPEG4- und DivX-Dateien gab es hingegen absolut flüssig wieder. Möglich macht dies der X.org-Treiber via mit beschleunigter Grafikausgabe. Zur DVD-Wiedergabe benutzt Linspire LinDVD von Intervideo [2].
Für den 5-in-1-Kartenleser liegen auf dem Desktop Icons für die einzelnen Slots bereit. Schiebt der Benutzer eine Karte in das Lesegerät, ändert sich das Icon: Es erhält einen zusätzlichen grüner Punkt. Ein Popup-Fenster, wie es bei aktuellen KDE-Versionen üblich wäre, zeigt Linspire aber nicht an.
Die meisten Programme starten für einen KDE-Desktop verhältnismäßig flink. Lediglich die Internetsuite von Linspire, die noch auf der alten Mozilla-Engine basiert, lässt sich mehrere Minuten Zeit. Hier hätte der Distributor besser daran getan, Firefox als Standardbrowser zu installieren.
Selbst wer noch nie mit Linux gearbeitet hat, wird keine Probleme haben, sich an Linspire zu gewöhnen. Sogar an die Möglichkeit, dass der Benutzer auf die Idee kommen könnte, Windows-CDs zu verwenden, haben die Entwickler gedacht (Abbildung 1). Dass es sich beim eingelegten Medium um eine Suse-DVD handelt, spielt dabei keine Rolle.
Dem Rechner liegt auch eine Registrierungskarte von Linspire für das Software-Angebot CNR (Click and Run) bei [3]. Da sich CNR bereits seit rund einem Jahr gratis nutzen lässt, benötigen Sie den Registrierungscode auf dieser Karte nicht. Sie müssen sich aber weiterhin ein Login auf der Linspire-Webseite anlegen, um Pakete über das Softwarewarenhaus einspielen zu können.
Positiv überraschte im Test, dass der Rechner auch Suspend-to-RAM beherrscht. Linspire bietet dafür zwar kein grafisches Tool an, aber über den Befehl
echo mem > /sys/power/state
versetzen Sie das System in Sekundenfrist in den Ruhezustand. Den erfolgreichen Suspend erkennen Sie daran, dass die LED des Einschaltknopfs rot leuchtet. Ein Druck auf den Power-Button, und das System erwacht innerhalb von drei bis vier Sekunden aus dem Tiefschlaf. Da Sie unter Linspire in der Grundeinstellung als root arbeiten, genügt es, per Rechtsklick auf dem KDE-Desktop eine Verknüpfung zu einem Skript anzulegen, das dann genau diesen Befehl ausführt. So funktioniert Suspend-to-RAM auch per Mausklick.
An der Vorderseite des Rechners befinden sich unter der schwarzen Frontblende zwei USB-Anschlüsse, ein Kartenleser für die Speichertypen SD/MMC, Smart Media, CF und Memory Stick, ein Firewire-400-Anschluss (wobei Sie wahlweise den großen oder kleinen Stecker nutzen können) sowie Audio-Ein- und Ausgänge für Kopfhörer, Mikrofon, Line-In und Aux-In (Abbildung 2).
Die Rückseite des Rechners hält 2 USB-Ports sowie je einen Scart-, S-Video- und Composite-Eingang bereit. Daneben stehen Audioausgänge für ein 5.1-System sowie ein digitaler Ein- und Ausgang für den Ton bereit (Abbildung 3). Außerdem verfügt der Rechner über eine serielle Schnittstelle, zum Beispiel für ein externes Modem.
Um einen der drei Videoausgänge zu nutzen, muss beim Hochfahren des Rechners bereits ein TV-Gerät oder Videorecorder angeschlossen sein. Linspire stellt dann das Bild auf dem Monitor und über den entsprechenden Videoausgang bereit, wobei der Fernseher die Qualität des Bildes festlegt. Auf unserem TFT-Display kam es im Zweimonitorbetrieb zu Darstellungsfehlern: So fehlte etwa links und rechts ein Teil des Desktops. Den primären Zweck, Filme am Fernseher anschauen zu können, erfüllen die drei Videoausgänge aber perfekt.
Die S-Video- und Composite-Eingänge an der Frontseite sind abgedeckt, das zugehörige Kabel für den Anschluss an eine TV-Karte liegt aber im Rechner bereit. Für einen Hardware-Ausbau bietet das Gehäuse zwar reichlich Platz; es bleiben jedoch nur zwei PCI-Steckplätze sowie ein Laufwerkseinschub frei. Da der Rechner keine PS/2-Anschlüsse mitbringt, belegen Tastatur und Maus (gehören zum Lieferumfang) bereits zwei der vier USB-Schnittstellen.
Da Linspire nicht nach jedermanns Geschmack funktioniert, testeten wir den Marktkauf-Rechner auch mit aktuellen Mainstream-Distros und dem für Videoaufnahmen optimierten LinVDR. Die getesteten Distributionen booten deutlich schneller als Linspire, haben aber Probleme mit 3D und Suspend-to-RAM.
Open Suse 10.2 lässt sich problemlos auf den PC aufspielen: Über YaST verkleinern Sie die 200 GByte große Ext3-Partition von Linspire und legen dann die gewünschten Partitionen an. Videos und DVDs abzuspielen funktioniert auch unter Suse ohne Schwierigkeiten. Die X.org-Version der Distribution scheint aber Probleme mit dem aktuellen via-Grafiktreiber zu haben: der X-Server stürzt bereits beim Aufruf von glxinfo reproduzierbar ab.
Sämtliche 3D-Anwendungen, die wir testeten, führten zu einem Neustart des KDE-Desktops. Auch Suspend-to-RAM verweigerte den Dienst. Der Rechner ließ sich zwar problemlos in den Ruhezustand versetzen; beim Aufwachen blieb der Monitor aber schwarz und auch das Keyboard reagierte nicht mehr, so dass sich der Rechner nur noch zurücksetzen ließ.
Probleme macht auch der Bootloader: Linspire startet über den von Open Suse installierten Grub nicht. Abhilfe schaffen Sie, indem Sie von der Linspire-CD booten, das Expertenmenü öffnen und hier den Menüpunkt Boot hda1 aufrufen. Danach starten Sie die Grub-Shell in einer Konsole über den Befehl grub und geben folgende Befehle ein:
root (hd0,0) setup hd0
Mit [Strg]+[D] verlassen Sie die Grub-Shell. Nach einem Reboot startet wieder der Bootmanager von Linspire.
Auch Fedora Core 6 und Ubuntu 6.10 ließen sich problemlos auf dem Medion-PC installieren. 3D und Suspend-to-RAM lassen sich jedoch auch unter Fedora nicht nutzen. Bei 3D-Spielen stürzte der X-Server zwar nicht ab, aber Tuxracer oder glxgears ruckelten deutlich. Nach dem Suspend gelang es Fedora nicht, das Display wieder zu aktivieren.
Anders Ubuntu: Hier begeistern die 3D-Spiele genauso gut wie unter Linspire, auch Suspend-to-RAM funktioniert wie erwartet. Ein rundum zufriedenstellendes System bieten somit nur die Debian-Abkömmlinge Linspire und Ubuntu.
Nach den erfolgreichen Versuchen mit Fedora, Suse und Ubuntu versuchten wir auch die Videorecorder-Distro LinVDR [4] auf den Rechner aufzuspielen. Mit der aktuellen Version 0.7 kam es allerdings beim ersten Reboot zu einem Kernelabsturz. Auch die manuelle Installation hängte sich beim ersten Neustart auf. Für ein LinVDR-basiertes Mediacenter eignet sich der Rechner somit nicht.
Zum Preis von 200 Euro kann man den Marktkauf-PC zu Recht als Schnäppchen bezeichnen. Das mitgelieferte Linspire-System erfüllt die Ansprüche eines durchschnittlichen Internet- und Multimediabenutzers zu vollsten Zufriedenheit. Zudem lässt sich bei Bedarf auch jede halbwegs aktuelle Linux-Distribution auf dem Rechner betreiben. Als Spiele-PC oder zum Rippen von DVDs eignet sich der Rechner weniger; bei diesem Preis ist das aber auch nicht zu erwarten.
Glossar
Digitainer
Medion-Rechner mit einer Mediacenter-ähnlichen Oberfläche (kein Linux) und einer TV-Karte, ursprünglich als Wohnzimmer-PC gedacht.
[1] Bedienungsanleitung Digitainer: http://download2.medion.de/downloads/anleitungen/bdasys4008digitainerde.pdf
[2] LinDVD: Kristian Kißling, "Gesetzestreu", LinuxUser 01/2007, S. 72, http://www.linux-user.de/ausgabe/2007/01/072-lindvd/
[3] Linspire-Registrierung: http://www.linspire.com/go
[4] LinVDR: http://linvdr.org/