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Hauen und Stechen

Strategiespiel Glest

01.02.2007
Wenn sechs talentierte Spanier gemeinsam an einem Spiel werkeln, kommt am Ende so etwas wie Glest heraus: Das freie 3D-Echtzeitstrategiespiel bietet mittelalterliche Keilereien in stilvollem Grafikambiente.

Stilistisch und spielerisch orientiert sich Glest [1] sichtlich an der beliebten Warcraft-Reihe. Dennoch trumpft es mit vielen interessanten, eigenen Ideen auf. Lange Zeit war der Geheimtipp nur für Windows erhältlich, bis sich schließlich Matthias Braun erbarmte und die oft geforderte Linux-Umsetzung schuf.

Installation

Voraussetzung für den Betrieb von Glest ist eine 3D-Grafikkarte mit installiertem und möglichst aktuellem OpenGL-Treiber. Setzen Sie eine Nvidia- oder ATI-Karte ein, so bringen die Linux-Treiber auf der Hersteller-Homepage bereits alles Nötige mit.

Die Einrichtung des Strategiespiels erfolgt bequem über ein Installationsprogramm, genauer gesagt, den bekannten Loki-Installer. Den finden Sie auf den Seiten des Spieleportals Liflg.org [3]. Wählen Sie den Link, laden Sie die Version 2.0.0 des Spiels über einen Torrent-Client herunter, ein Klick auf [direct] holt das RUN-Archiv direkt von der Webseite. Geben Sie chmod u+x Glest ein, um die heruntergeladene Datei ausführbar zu machen. Dann starten Sie die Installation über ./Glest, wobei Sie Glest in beiden Fällen durch den vollständigen Archivnamen ersetzen. Daraufhin zeigt sich der Installer (Abbildung 1).

Abbildung 1: Der grafische Installer von Glest schlägt nicht nur ein Installationsverzeichnis vor, sondern zeigt auch den Speicherbedarf an.

Passen die angebotenen Pfade und reicht Ihr freier Speicherplatz aus, klicken Sie auf Begin install, um die Sache ins Rollen zu bringen. Das Paket enthält bereits einige der Abhängigkeiten, die Sie brauchen, um Glest zu spielen. Sie wechseln dann in das neu entstandene Installationsverzeichnis glest und geben ./glest ein, um das Spiel zu starten.

Unter Ubuntu Edgy Eft verlangt Glest nach dem Start das Devel-Paket der libopenal, dann läuft es. Unter Suse Linux 10.0 gibt es keine weiteren Probleme. Startet Glest dennoch nicht, brauchen Sie womöglich noch eines der folgenden (Entwicklungs-)Pakete: SDL 1.5.2 oder höher, Xerces-C, OpenAL und Ogg/Vorbis.

Um das Strategiespiel aus den Quellpaketen zu erstellen, greifen Sie zum Quellcode-Archiv auf der offiziellen Glest-Homepage [1]. Zusätzlich benötigen Sie noch das zur gewählten Glest-Version passende data-Archiv, das sämtliche Grafiken und Töne beherbergt. Weitere Voraussetzungen wären die (Entwicklungs-)Pakete zum GNU C++ Compiler, Perforce Jam 2.5 (als Ersatz für Make) sowie die oben erwähnten Programme. Bis auf Jam [4] sollten alle aktuellen Distributionen die genannten Komponenten mitbringen. Das Skript für das Übersetzen enthält in der Glest-Version 2.0.0 jedoch noch einen deftigen Fehler. Entgegen der Anleitung lauten die korrekten Befehle nach dem Entpacken des Archivs:

cd mk/linux
for i in $(find ./); do dos2unix $i; done
chmod a+x *.sh
./autogen.sh
./configure
jam

Anschließend kopieren Sie alle erstellten Dateien in das Verzeichnis mit den ausgepackten Spieledaten. Legen Sie Wert auf deutsche Bildschirmtexte, greifen Sie zur Datei deutsch_2.0.0.zip[2], entpacken sie und kopieren die LNG-Datei in das Unterverzeichnis data/lang der Glest-Installation. Allerdings bleiben die Übersetzungen lückenhaft, häufig stoßen Sie auf den englischen Text oder mehrere Fragezeichen.

Auf geht's!

Nach dem Start von Glest passen Sie über den Menüpunkt Config die Grundeinstellungen an. Dazu gehört unter Language die Sprache der Bildschirmtexte (Abbildung 2).

Abbildung 2: In den Einstellungen regeln Sie im oberen Bereich die Lautstärke, im unteren die Grafikdarstellung. Sofern Ihnen die Beschriftungen nichts sagen, sollten Sie diese auf ihren voreingestellten Werten belassen.

Wieder zurück auf dem Hauptbildschirm, landen Sie per Spielen beziehungsweise Play auf einem neuen Schirm, der alle Eckdaten der nun folgenden Partie abfragt (Abbildung 3). Leider bietet Glest derzeit nur einen Einzelspielermodus gegen den Computer. Dessen künstliche Intelligenz gibt es immerhin in den zwei Schwierigkeitsgraden: CPU und CPU (ULTRA). Unter Kontrolle (Control) aktivieren Sie die bis zu drei Gegenspieler. Eine Kampagne oder ein Mehrspielermodus fehlen hingegen gänzlich. Somit bleibt als einziges Ziel die Zerstörung der gegnerischen Basis.

Abbildung 3: Bevor eine Partie startet, gilt es deren wichtigste Eckpunkte festzulegen.

Unter Rasse (Faction) legen Sie für jeden Mitspieler fest, welcher Fraktion er angehört. Derer existieren in Glest genau zwei Stück, die sich in ihren Einheiten und Gebäuden jeweils drastisch unterscheiden (Abbildungen 4 und 5): Zaubern auf der einen Seite die Magier (Magicians) vor sich hin, basteln auf der anderen Seite die Menschen (Technicians) lieber an technischem Kriegsgerät. Während gestandene Fans von Echtzeitstrategien mit letzteren recht schnell warm werden, erfordern die interessanten Zauberkonzepte der Magier schon etwas mehr Einarbeitung. Selbstverständlich dürfen auch reine Menschen- oder Magier-Teams gegeneinander antreten.

Abbildung 4: Die Fraktion der Menschen startet mit drei Arbeitern, ein paar Kriegern, einer Kuh, einem Geschützturm (in der Mitte) und dem Schloss auf der rechten Seite.
Abbildung 5: Die gleiche Situation aus Abbildung 4 nun im Winter und auf Seiten der Magier: Neben den drei Initiates (einer ist grün markiert, also aktuell angewählt) gibt es in der Mitte eine Energiequelle und das Hauptgebäude. Alle anderen Wesen sind Krieger, unter denen sich links oben noch ein Summoner befindet.

Die Map (Karte) steht standardmäßig auf Four Rivers. Falls das Szenario Ihnen nicht zusagt, wählen Sie eine andere der insgesamt acht mitgelieferten Karten aus. Die Homepage der Glest-Entwickler hält noch weiteren, von Fans erstellten Nachschub bereit.

Abschließend legen Sie über Tileset (Kartentyp) noch fest, ob Sie im Sommer oder Winter siedeln möchten. Spielerische Auswirkungen haben diese Jahreszeiten jedoch nicht.

Fleißige Handwerker

Der eigentliche Spielablauf folgt dem bekannten Muster aller Echtzeitstrategiespiele: Von einer Basis ausgehend, errichten Sie weitere Hilfsgebäude, die wiederum möglichst schnell viele militärische Einheiten produzieren. Auf Seiten der Menschen stehen Ihnen ein Schloss und eine Hand voll Arbeiter zur Verfügung. Diese sind zwar nicht in der Lage, einen Gegner anzugreifen, bauen dafür aber Rohstoffe ab und errichten neue Gebäude. Zu letzteren zählen beispielsweise die Barracks, in denen Sie Ritter und Bogenschützen ausbilden, oder das Technodrome, in dem Techniker angriffslustige Roboter zusammenschweißen. Ein Schmied sorgt schließlich noch für eine Verbesserung von Rüstungen und Schwertern. Damit die stetig anwachsende Armee nicht verhungert, brauchen Sie eine Farm, in der Sie Schweine und Kühe züchten.

Nach einem ähnlichen Schema geht auch die Fraktion der Magier vor. Die Arbeiter heißen dort Initiates, die Basis bildet der Mage Tower. Damit die für die vielen Zaubersprüche benötigte Energie nicht ausgeht, errichten Sie zunächst Mana Sources. Die Summoner Guild bildet anschließend einen oder mehrere Summoner aus, die wiederum die eigentlichen Truppen herbei zaubern.

Im Gegensatz zu den Menschen können sich einige Figuren in Kämpfer verwandeln. So ist der Initiate bei einem Angriff vollkommen wehrlos, nach der Verwandlung in einen Battlemage oder sogar Archmage zieht er jedoch mit einem Feuerball bewaffnet in jeden Kampf. Allerdings verliert er bei diesem Ritual die Fähigkeit, Gebäude zu errichten und Rohstoffe abzubauen. Die Umwandlung will folglich gut überlegt sein.

Damit wären die grundlegenden Gebäudetypen auf beiden Seiten bereits angesprochen. Unter dem Strich erweist sich der Technologiebaum als nicht ganz so umfangreich, wie bei der kommerziellen Konkurrenz, kennt dafür aber die pfiffigen Verwandlungselemente und wurde von den Entwicklern sehr gut ausbalanciert.

Hilfe bieten die übersichtlichen und ausführlichen Diagramme auf der Projekt-Homepage im Bereich Gallery, die sich Anfänger insbesondere für die Magierfraktion ausdrucken und neben den Schirm legen sollten. Alternativ empfiehlt sich eine erste Baurunde ohne den Computer auf einer leeren Karte. Die Online-Hilfe beschränkt sich leider nur auf das Nötigste: Neben einer README-Datei existiert nur noch eine recht lieblose Auflistung aller Einheiten und Bauwerke mit ihren jeweiligen Werten und Abhängigkeiten.

Bedienung!

Die Bedienung bereitet hingegen kaum Mühen: Ein linker Mausklick wählt ein Gebäude oder eine Einheit an. Am rechten Bildschirmrand erscheinen dann mehrere Symbole, die jeweils die verfügbaren Aktionen repräsentieren. Per Rechtsklick weisen Sie einer Spielfigur automatisch eine Aufgabe zu. Liegt beispielsweise ein Baum unter dem Mauszeiger, beginnt der Arbeiter selbständig Holz zu hacken und in seine Basis zu schleppen. Allerdings verhaspelt sich diese Zuweisungsmethode ab und an, so dass der Arbeiter nach einem Marsch mitunter allein im Wald steht und Däumchen dreht. Zudem stehen sich bei recht hektischen Szenen die Spielfiguren teilweise selbst im Weg.

Technik zum Anfassen

Die Grafik ist für ein Hobbyprojekt extrem detailliert und liebevoll gestaltet. Das sehen Sie beispielsweise an den Wasserflächen oder den schönen Partikeleffekten beim Angriff der Magier. Darüber hinaus lösen sich verschiedene Wetterlagen sowie Tag und Nacht ab. Diese Wechsel beeinflussen sogar das Spielgeschehen, indem sie die Sichtweite einschränken. Ebenfalls qualitativ hochwertig sind Musik und Sprachausgabe. So geben die Spielfiguren glaubwürdige und zur Figur passende Kommentare ab.

Auf Wunsch modifizieren Sie Glest in allen Einzelheiten. Hierzu genügt es meist, eine der vielen XML-Dateien anzupassen oder eines der speziellen Softwarewerkzeuge zu verwenden, von denen die meisten jedoch nur für Windows existieren. Zwar wurde in Vergangenheit eine Portierung in Angriff genommen, das daraus resultierende Tool ist jedoch mittlerweile veraltet und läuft nur dank eines inoffiziellen Patches mehr recht als schlecht. Neue 3D-Modelle greifen zudem auf 3D Studio Max zurück, was die Modifikationsmöglichkeiten unter Linux derzeit noch arg einschränkt.

Fazit

Leider agiert der Computergegner immer nach der gleichen Strategie: Hat er eine bestimmte Armeegröße erreicht, greift er an. Das wiederholt er so lange, bis der Gegner oder er selbst besiegt wurde. Diese Angriffsintervalle erzwingen auf der Gegenseite eine offensive Taktik. Als Spieler können Sie folglich nicht erst brav vor sich hin siedeln und dabei in Ruhe eine Armee aufbauen. Nach spätestens fünf Partien haben Sie aber den Dreh raus und kommen mit den herbeiströmenden Computergegnern zurecht.

Mangels Abwechslung in Form von Kampagnen oder Mehrspielerpartien über ein Netzwerk eignet sich Glest somit unter dem Strich ideal für ein schnelles Strategiespiel zwischendurch. Konzeptionell und technisch hält es sogar mit kommerziellen Konkurrenten seines Genres mit. Die interessanten Ideen – insbesondere auf Seiten der Magier – wirken erfrischend innovativ. Freunde der Echtzeitstrategie dürfen also beherzt zum Installationsprogramm greifen.

Infos

[1] Glest Homepage: http://www.glest.org

[2] Deutsche Sprachdateien: http://www.glest.org/files/contrib/translations/

[3] Loki-Installer für Glest: http://liflg.org/?catid=6&gameid=58

[4] Jam, eine Alternative zum Werkzeug Make: ftp://ftp.perforce.com/pub/jam

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