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Geheimsache Ulteo

So plant Mandrake-Entwickler Gael Duval die Revolution auf dem Desktop

01.02.2007
Mandrake-Gründer Gael Duval geht in diesen Tagen mit einer neuen Distribution an den Start: Das bislang streng geheim gehaltenen Ulteo soll alles besser machen. Wir zeigen, was die Alpha 1 auf Lager hat.

Beim Namen Gael Duval klingelt es vor allem bei Mandriva-Nutzern: Duval hat den Vorläufer Mandrake Linux mitgegründet und arbeitete lange Zeit als Chefentwickler für die Distribution. Vor Monaten stellte ihm das mittlerweile in Mandriva umbenannte Unternehmen den Stuhl vor die Türe.

Comeback

Kürzlich meldete Duval sich nun wieder zu Wort: Mit großem Tamtam vermeldete er die Verfügbarkeit der Alpha 1 seines neuen Distributionsprojekts Ulteo (siehe Kasten "Ulteo in Kürze"). Das hatte er zwar vor Monaten schon in Aussicht gestellt, doch bis zum Release eines vorzeigbaren Ergebnisses vergingen fast zwei Monate mehr, als Duval ursprünglich erwartet hatte.

Ulteo in Kürze

Das System basiert auf Kernel 2.6.15 und benutzt X.org 7.0. Als Desktop ist KDE 3.5.2 mit von der Partie, Firefox und Thunderbird sind in Version 1.5.0.8 dabei. Als erstes eigenes Programm enthält die Distribution mit dem Ulteo General Daemon einen Dienst, der automatisch nach Updates für installierte Programme sucht. Ulteo ist zur Zeit nur für x86-Systeme erhältlich. Duval plant für die Zukunft auch Varianten für x86-64. Zusätzlich zu KDE sollen auch Varianten mit Enlightenment und Gnome als Desktop erscheinen. (Frank Wieduwilt)

Was bringt Duval jetzt dazu, mit einer neuen Distribution auf die Linux-Bühne zurückzukehren? In einem Interview mit Bruce Byfield von Linux.com [1] erläuterte er die Motivation hinter Ulteo so: Linux-Anwender aber auch Mac-OS- und Windows-User litten laut Duval darunter, dass sie häufig mit den Aufgaben eines Systemadministrators konfrontiert würden. Weil sie jedoch oft nichts anderes tun müssten, als auf Weiter oder Abbrechen zu klicken, entstehe der falsche Eindruck, dass sie zum Administrieren eines Systems in der Lage seien.

Außerdem sei es oft kaum möglich, von einer Version des Betriebssystems auf eine neue zu aktualisieren. Dass die Anwender bei einer Neuinstallation praktisch ihre gesamte gewohnte Umgebung verlören und sich ihre Daten häufig mühsam aus Backups wieder zusammensuchen müssten, störte Duval so sehr, dass er Ulteo mit dem Gedanken schuf, die genannten Probleme zu lösen.

Das Ulteo-Prinzip

Wie das technisch funktioniert, war kurz bis zur Alpha 1 von Ulteo Gegenstand wilder Spekulationen – Duval trug selbst kräftig zu den Gerüchten um Ulteo bei, indem er sich öffentlich praktisch nicht äußerte. Fest steht mittlerweile allerdings soviel: Praktisch all die Administrationsaufgaben, die aktuelle Distributionen vom User verlangen, bei Ulteo nicht mehr beim Benutzer liegen, sondern beim System selbst. Weil zu Administrationsaufgaben auch die Pflege der Software im System gehört, bedeutet das freilich, dass das System sich selbst auf dem aktuellen Stand halten soll.

Zu diesem Zweck plant das Ulteo-Projekt neben dem Betriebssystem selbst einen relativ breit gefächerten Fundus an Grundprogrammen. Mit Blick auf den Begriff "Operating system" nennt Duval diesen Fundus "Application System". Anders als bei aktuellen Distributionen gelangt der Fundus an Grundprogrammen aber nicht in Form von Paketen in das System – de facto ist das Paketsystem nämlich für den Benutzer unsichtbar. Ulteo lädt beim Systemstart stattdessen ähnlich wie Knoppix oder andere CD-Distributionen eine Image-Datei und hängt diese so in das System ein, dass sie anschließend Basis bildet.

Nur die lokalen Daten des Benutzers speichert das System noch dynamisch auf der Festplatte. Das Kalkül ist simpel: Wenn jeder Nutzer auf seinem System die exakt gleiche Image-Datei hat, dann gelingt der Austausch dieses Images durch eine aktualisierte Version relativ leicht. Überdies ermöglicht dies – von Hardwarefragen abgesehen – fast die gesamte Konfiguration ebenfalls zentral zu verteilen, weil ja alle Ulteo-Benutzer die gleichen Voraussetzungen haben.

Durch diesen Trick erreicht Duval sein Ziel: Der Benutzer nimmt im Grunde keine Administrationsaufgaben mehr wahr und auch um die ungeliebten Updates kümmert sich das System selbst – und zwar so, dass es nach dem Einspielen von Updates noch immer reibungslos seine Arbeit tut.

Sirius – Alpha 1

Angesichts dieser gewichtigen Ankündigungen war das Interesse an der Version Alpha 1 von Ulteo so groß, dass die Mirror-Server in den ersten Tagen nach dem Release der Testversion teilweise kaum mehr zu erreichen waren. Mittlerweile existiert für Ulteo aber ein großes Mirrorsystem, so dass alle Interessierten die Distribution nun problemlos von einer der auf [2] genannten Seiten bekommen.

Wer die Download-Zeit investiert, sieht nach den Einlegen der CD allerdings zunächst nur wenig Innovatives (Abbildung 1). Ulteo basiert auf Ubuntu und entsprechend startet von der CD ein Livesystem, das dem Original an vielen Stellen ähnelt. Offenbar sollen Nutzer die Möglichkeit haben, das System vor der Installation zu testen. Zum Starten der Installation findet sich am Desktop ein Icon namens Installation. Dahinter verbirgt sich ein Installer, der dem Ubuntu-Installer wiederum verdächtig gleicht.

Abbildung 1: Der Ulteo-Desktop gibt sich auf den ersten Blick sehr aufgeräumt.

Die Installation verläuft erfreulich einfach: Die Routine fragt nach der gewünschten Sprache, dem gewünschten Keyboard-Layout und dem gewünschten Login-Namen. Bei der Festplattenpartitionierung übernimmt der Ubuntu-Partitionierer das Kommando. Damit weiß Ulteo bereits genug, um den Installationsprozess zu starten.

Der erste Login

Rund 1,6 GByte an Daten schaufelt Ulteo auf die Festplatte. Weitere Konfigurationsschritte sind nicht mehr notwendig, und nach einem Reboot landen Sie im neuen System. Obwohl im Test ausdrücklich die Option Deutsch bei der Installation ausgewählt war, erschien das System nach dem ersten Setup jedoch durchgehend in Englisch. KDE auf Deutsch umzustellen scheiterte daran, dass das entsprechende KDE-Paket mit den deutschen Sprachdateien gar nicht vorlag.

Der Desktop ist in vielen Eigenschaften offensichtlich Windows nachempfunden: Der Button für das KDE-Menü trägt den Schriftzug "Start", daneben findet sich eine Schnellstartleiste im typischen Windows-Stil, über die Sie Programme wie Kopete, Thunderbird oder Firefox aufrufen. Im K-Menü finden sich praktisch sämtliche von Kubuntu bekannten Helferlein für die Aufgaben eines Admins, die nicht zentral steuerbar sind. Dazu zählt beispielsweise das Einrichten lokaler Drahtlosnetzwerke.

Spurensuche

Spuren des von Gael Duval vorgestellten Prinzips finden sich beispielsweise im Ordner /boot/yuch – dort liegt eine Datei namens filesystem.squashfs-2.6.15-27-268, die das komplette Root-Dateisystem in komprimierter Form enthält. Die genauen Tricks und Kniffe rund um diese Technik sind weder auf der Ulteo-Website noch im System hinreichend dokumentiert. So ließ sich die Distribution nicht wirklich unter die Haube schauen.

Dass es in /initrd einen Ordner namens rofs gibt, der noch einmal das komplette Wurzelverzeichnis enthält, legt nahe, dass hier die vormals genannte SquashFS-Datei eingehangen ist. In der Übersicht der gemounteten Dateisysteme taucht der Ordner aber nicht auf (Abbildung 2).

Abbildung 2: In der Mount-Tabelle erscheint das gemountete SquashFS-Image nicht.

In Anbetracht dieser Alpha 1 offenbart sich schnell, dass Gael Duval diese Release eher als eine Art Proof of Concept verstanden wissen möchte. All zu viel unterscheidet sich von Ubuntus gediegenem Erpel nämlich nicht: Ein Blick in die Kernel-Meldungen mittels dmesg zeigt sogar, dass Ulteo Sirius Alpha 1 den Ubuntu-Standardkernel verwendet und diesen lediglich um Unterstützung für SquashFS erweitert hat.

Jene Erweiterung produzierte im Test im Minutentakt sogenannte Kernel Panics, was erklärt, wieso manches KDE-Tool mitten im Betrieb einfach abstürzte. Derartige Fehler finden sich bei Ubuntu ja eher selten.

Fazit

Dass Gael Duval um viele Komponenten von Ulteo solch ein großes Geheimnis macht, dürfte sich zum Teil auch durch seine schlechten Erfahrungen bei Mandrake erklären. Als Bruce Byfield ihn fragte, welche Lehre er aus dem Rauswurf bei Mandrake gezogen habe, antwortete Duval, dass er bei Ulteo so lange wie möglich alle Fäden selbst in der Hand halten möchte. Offenbar befürchtet er, dass sich das Projekt zu schnell verselbstständigen könnte, wenn er jetzt schon der ganzen Welt die Möglichkeit zur Mitarbeit einräumt.

Die Kehrseite ist freilich, dass Ulteo die verschiedenen FOSS-typischen Synergie-Effekte nicht nutzen kann, so dass alle Arbeit an Duval und einem kleinen Entwickleteam hängen bleibt. Das Fazit für die Alpha 1 fällt deshalb eher zurückhaltend aus: Im Moment ist das System nichts anderes als eine weitere KDE-basierte Distribution, die spezielle Update-Mechanismen verspricht. Da bei Redaktionsschluss noch keine Updates bereitstanden, ließ sich diese Technik aber leider nicht gebührend testen.

Wegen der schon erwähnten Instabilität eignet Ulteo sich zudem noch nicht für den Produktiveinsatz. Wenn aber die folgenden Alpha-, Beta- und Final-Releases genau so lange dauern, wie die Alpha 1, läuft Duvals Projekt Gefahr, sich im Sande zu verlaufen.

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