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Quo vadis, Novell?

01.01.2007

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

Taxifahrer sind ja oft die reinsten Unterhaltungskünstler – ein gekonnter Blick auf den Fahrgast, und das Gespräch um ein vermeintlich geeignetes Tagesthema rollt an. Der Pinguin am Revers meines Anzugs ließ den Taxler, der mich auf dem Weg zur LinuxWorld Expo zum Münchner Flughafen bringen sollte, messerscharf folgern: Ah – Linux! Da habe Microsoft doch gerade so ein Abkommen mit irgendwem getroffen, stieg er daraufhin ins Gespräch ein, und zahle viel Geld für Linux – oder sei es gar so, dass Microsoft jetzt Linux kaufen wolle?

Mit dieser Frage steht er nicht allein. Das Bündel von Abkommen zwischen Novell und Microsoft, das im allgemeinen Sprachgebrauch inzwischen gern als "der Pakt" apostrophiert wird, hat seit seinem Bekanntwerden Anfang November in der und rund um die Open-Source-Community einigen Wirbel verursacht.

Die Fakten

Zu den für eine Laufzeit von fünf Jahren bis zum 1.1.2012 getroffenen Vereinbarungen zählt, dass:

  • Microsoft und Novell zusammen an Virtualisierungskonzepten arbeiten und diese auch gemeinsam vermarkten,
  • beide Firmen an der Interoperabilität von ODF und Microsofts Office-Format Open XML feilen,
  • Microsoft seine Patentrechte nicht gerichtlich gegen die Entwickler und Kunden von Novells Suse-Produkten sowie Open-Suse-Entwickler durchsetzt,
  • Novell umgekehrt Microsoft-Kunden nicht wegen Patentverletzungen belangt,
  • die beiden Unternehmen sich nicht für die Nutzung des "geistigen Eigentums" des anderen verklagen, und
  • Microsoft von Novell jährlich rund 70 000 Coupons für Suse-Linux-Enterprise-Support kauft, die es an seine Kunden verteilt.

Im Zuge des gegenseitigen Haftungsausschlusses für die Nutzung von Patenten verpflichtet sich Novell zu Zahlungen von zunächst 40 Millionen US-Dollar an Microsoft; die Summe könnte noch steigen und hängt vom Umsatz mit Suse-Enterprise-Produkten ab.

Microsoft investiert im Rahmen des "Pakts" insgesamt 482 Millionen US-Dollar, wovon 348 Millionen als Vorabzahlung sofort an Novell gehen, der Rest fließt in das Marketing der gemeinsamen Virualisierungskonzepte.

Die Vorwürfe

Den besonderen Unmut der Community erregen die zahlreichen Teile des Abkommens, die sich mit dem Verzicht der Durchsetzung von Patenten seitens Microsoft beschäftigen. Insbesondere, dass Novell im Zuge des gegenseitigen Haftungsausschlusses für Patentverletzungen Zahlungen an Microsoft leistet, löst wahre Entrüstungsstürme aus: Bestätigt Novell damit nicht indirekt, dass Linux irgendwelche Patente Microsofts verletzt?

Auch die Tatsache, dass der "Pakt" Nettozahlungen von über 300 Millionen Dollar von Microsoft an Novell umfasst, macht vielen Beobachtern Kopfzerbrechen: Microsoft soll eine knappe Drittelmilliarde Dollar ausgeben, um die Verbreitung von Linux zu fördern? Ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass Microsoft damit schlicht Novell ködern wollte, um das erwähnte indirekte Eingeständnis von Patentrechtsverletzungen zu erhalten?

Und schließlich decken die Abkommen über Klageverzicht seitens Microsoft ausschließlich Novell-Kunden ab und schützen nur solche Entwickler, die Software entweder direkt für Open Suse oder die Suse-Enterprise-Produkte erstellen. Der Rest der Community bleibt außen vor. Will Microsoft damit Suse-Entwicklern einen "Persilschein" verschaffen, damit diese im Zug der "Interoperabilität" proprietäre Datenformate und Techniken in freie Software einbauen, die sich dann später als Patentverletzungen ausschlachten lassen?

Die Folgen

Die Fakten sprechen für sich: Novell hat sich auf einen faustischen Pakt mit Microsoft eingelassen, um seine Kasse aufzubessern und die Wettbewerber mit einem "klagesicheren" Enterprise-Linux auszustechen. Dabei hat es bewusst in Kauf genommen, Microsoft mit neuen Argumenten für angebliche Patentrechtsverletzungen durch Linux zu versorgen und einen Graben durch die Linux-Community zu ziehen zwischen "verklagbaren" und "geschützten" Entwicklern und Anwendern. Das ist fragwürdig und ganz sicher nicht "das beste für die Community", wie es Novell-CEO Hovsepian glauben machen will.

Wirklich schaden kann der "Pakt" Linux damit aber nicht: Angebliche Patentverletzungen nachzuweisen, daran hat sich bereits SCO die Zähne ausgebissen. Tatsächlich bewirkt die Diskussion um den Novell-Microsoft-Deal sogar Positives: Linux ist wieder einmal in aller Munde (sogar der Taxifahrer), und die für nächstes Frühjahr erwartete GPL v3 ist als wichtiges Instrument gegen kommerzielle Beeinflussungsversuche wieder in den Mittelpunkt des Interesses gerückt.

Letzteres könnte sich für Novell als Bumerang erweisen: Durch den "Pakt" aufgeschreckt, wird die Free Software Foundation die GPL v3 so überarbeiten, dass entsprechend lizenzierte Software unter den Bedingungen des Novell-Microsoft-Abkommens nicht mehr verteilt werden dürfte. Zahlreiche Software-Projekte lassen jetzt bereits durchblicken, dass sie umgehend auf die GPL v3 umsteigen wollen. Lediglich die Kernel-Entwickler präferieren noch die GPL v2.

So kommt Novell unter Umständen schon bald in die Lage, auf den Suse-Enterprise-DVDs nicht mehr viel anderes als den Linux-Kernel und veraltete Programmversionen distribuieren zu können – oder alternativ aus dem Microsoft-Deal wieder auszusteigen.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

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