Digitaler Ameisenhaufen

Globulation 2

01.12.2006
Kostenlose Echtzeitstrategiespiele für Linux sind rar. Globulation 2 schafft Abhilfe und wartet mit einigen hochinteressanten Konzepten auf.

Was als reale Ameisenkolonie im Terrarium begann, spielt sich heute auf dem Bildschirm in einer vielschichtigen Simulation ab. Aber das Prinzip bleibt immer das gleiche: Hege und pflege Deine Population, damit sie wächst und gedeiht. Auch das Echtzeitstrategiespiel Globulation 2 lockt mit der Möglichkeit, durch geschicktes Planen eine große und lebendige, digitale Gemeinde im Stile des Spieleklassikers "Die Siedler" zu erschaffen.

Ein paar Unterschiede gibt es aber schon: Sie lenken die Geschicke der Globules – kleiner, fleischfarbener Lebewesen mit der Form einer Hantel oder eines Knochens. Ausgehend von einem Hauptquartier, dem so genannten Stock, entsenden Sie Arbeiter, die im nahe gelegenen Wald Holz hacken und auf Feldern Korn ernten (Abbildung 1). Hat die Kolonie genügend Rohstoffe eingelagert, geht es an den Aufbau einer kleinen Siedlung.

Abbildung 1: Am unteren Rand steht der rosa Stock, über das restliche Spielfeld verteilt finden sich die zum Teil bizarr gestalteten weiteren Spielelemente.

Da die Arbeit an der frischen Luft hungrig macht, und Hunger wiederum an der Gesundheit zehrt, gilt es, zunächst an das leibliche Wohl der kleinen Mutanten zu denken und ausreichend viele Gasthöfe zu errichten. Anschließend spendieren Sie den digitalen Lebewesen Lehrstätten, in denen diese zum Beispiel schwimmen lernen oder ihre körperliche Fitness trainieren.

Als Besitzer einer Schule dürfen Sie fast jedes Gebäude um bis zu zwei weitere Stufen ausbauen. Auf diese Weise nehmen diese mehr Globules in gleicher Zeit auf oder produzieren bessere Ergebnisse. Allerdings kostet jede Ausbaustufe zusätzliche und zum Teil sogar seltene Ressourcen. So benötigen Sie zum ersten Ausstatten einer Schule 12 Einheiten einer speziellen Algensorte, die Ihre schwimmenden Arbeiter wiederum erst abbauen müssen. Für diese Zeit bleibt das Gebäude zwangsweise eine Baustelle – und somit unbrauchbar.

Machthaber

Außerhalb der eigenen Siedlung lauern in der kleinen Rundwelt neidische Konkurrenten. Damit Sie denen nicht schutzlos ausgeliefert sind, gilt es, im Stock rechtzeitig Krieger auszubilden. Die sehen genau so aus wie die kleinen Arbeiter, protzen allerdings mit einem etwas kräftigeren Oberkörper. Durch ein wenig Training bauen die Krieger sogar noch zusätzliche Muskeln auf.

Zusätzlich zu den Kriegern bieten Geschütztürme und Mauern der mühsam errichteten Stadt Schutz gegen Angriffe. Die dritte und letzte Globule-Art bilden die vogelähnlichen Entdecker, die mit kräftigen Flügelschlägen feindliche Stellungen überfliegen und so für den Spieler ausspionieren (Abbildung 2).

Abbildung 2: Hier hat der kleine fleischfarbene Vogel eine Siedlung der gegnerischen, blauen Globules erspäht.

Als Alternative zum Kampf bietet das Spiel aber auch andere Taktiken: Ernten Sie die rar gesäten Früchte und bieten diese in den eigenen Gasthöfen an, bewegt das unter Umständen sogar gegnerische Einheiten zum Überlaufen. Dummerweise kennt die Konkurrenz den gleichen Trick – nur eben mit Ihren Einheiten.

Indirektes Steuern

Im Gegensatz zu anderen Strategiespielen nehmen die Globules keine direkten Befehle entgegen. Stattdessen verteilen Sie lediglich Aufgaben: Damit beispielsweise vier Arbeiter an einem Gasthof schuften, wählen Sie in einem herkömmlichen Strategiespiel vier Arbeiter aus und weisen diese dem Gebäude zu. In Globulation 2 legen Sie hingegen nur fest, dass genau vier Arbeiter im Gasthof für Nachschub sorgen sollen. Die derzeit noch tatenlosen Globules sehen selbständig den neuen Bedarf und beginnen umgehend mit der Arbeit. Dabei gilt die Faustregel: Je mehr Arbeiter einem Gebäude zugewiesen sind, desto schneller und effizienter klappt der Nachschub oder dessen Ausbau.

Globulation 2 wirft damit das so genannte Mikromanagement größtenteils über Bord. Das gibt Ihnen die Freiheit, sich voll und ganz auf das Umsetzen Ihrer Strategien zu konzentrieren. Aufgrund der indirekten Steuerung heißt es folglich auch bei Angriff und Verteidigung umdenken: Da Sie die eigenen Krieger nicht direkt befehligen dürfen, erstellen Sie als Spieler verschiedene Zonen.

Blau schraffierte Bereiche markieren Wachposten, in denen untätige Globule-Krieger automatisch patrouillieren (Abbildung 3). Zum Angriff blasen Sie hingegen mit einer virtuellen Fahne. Diese stecken Sie einfach in das Angriffsziel und legen zusätzlich den Radius fest, in dem sich die zerstörerische Kraft der eigenen Truppen entfalten soll (Abbildung 4). Wer weniger feindselig gesinnt ist, schmiedet Allianzen. Zur Wahl steht dabei ein Nichtangriffspakt oder der Tausch von Früchten.

Abbildung 3: In den blauen Bereichen patrouillieren die Krieger, während die rote Flächen als Sperrgebiet gelten. Gelb markierte Zonen bevorzugen die Globules bei Rodungsmaßnamen.
Abbildung 4: Die eigenen Krieger überrennen einfach ihre Gegner. In der Mitte steht die Angriffsfahne in Form eines rosafarbenen Sterns. Ihn säumt ein blauer Kreis, der das Einflussgebiet kennzeichnet.

Mensch oder Maschine

Für ein wenig Abwechslung sorgen in Globulation 2 zahlreiche Spielmodi. Einsteiger sollten zunächst zum Tutorial greifen. Es führt Schritt für Schritt in das Spielgeschehen ein und macht Sie mit der den Bedienkonzepten, der Oberfläche und den Einheiten vertraut (Abbildung 5). Anschließend wagen Sie sich entweder an die mitgelieferte Kampagne und somit an einige vorbereiteten Missionen oder besiedeln im so genannten Endlosspiel einfach eine der vorhandenen Karten bis zum Sankt Nimmerleinstag (Abbildung 6).

Abbildung 5: Die Statistiken am rechten Rand helfen die Übersicht im Getümmel zu bewahren.
Abbildung 6: Im Laufe des Spiels nimmt der Wuselfaktor automatisch zu.

Haben Sie schließlich gegen den Computer genug Erfahrungen gesammelt, empfiehlt sich ein Spiel gegen einen menschlichen Gegner – entweder in einem kleinen Netzwerk oder über das Internet. Für letzteres steht das Ysagoon Online Game (YOG) bereit. Ein Spiel über diesen Dienst erfordert allerdings das Registrieren beim Ysagoon-Server.

Wer danach immer noch nicht genug von den kleinen Globules bekommt, greift zum integrierten Karteneditor: In ihm wählen Sie ein paar Eckdaten, wie die Kartengröße oder Landschaftsform, klickt auf Ok, und schon berechnet das Programm mit einer Prise Zufall die fertige Karte (Abbildung 7). Anschließend dürfen Sie das Gelände nach eigenen Wünschen umformen, sowie die beim späteren Start vorhandenen Gebäude und Einheiten platzieren. Ereignisse und Aktionen steuern Sie detailliert über die eingebaute Skriptsprache.

Abbildung 7: Die Bedienung des Karteneditors lehnt sich an die des Spiels an.

Installation

Auf der Homepage von Globulation 2 unter [1] stehen bereits mehrere fertige Pakete für einige gängige Distributionen bereit. Beim Redaktionsschluss waren dies Debian, Ubuntu und Mandriva. Weitere Pakete sollen auf einem externen Server lagern, der bis zum Redaktionsschluss jedoch unerreichbar blieb.

Besitzern einer anderen Distribution, wie beispielsweise dem weit verbreiteten Suse Linux, bleibt nichts anderes übrig, als auf das Quellpaket zurückzugreifen und Globulation 2 selbst zu erstellen. Dazu installieren Sie zunächst alle SDL-Bibliotheken sowie die Pakete zu Speex, Ogg Vorbis und die Boost-Bibliotheken, jeweils samt ihrer Entwicklerpakete.

Jetzt entpacken Sie Globulation 2, öffnen ein Terminalfenster, wechseln in das Globulation-2-Verzeichnis und rufen ./configure; make; make install auf. Damit erstellen Sie das Spiel und installieren es zugleich im System. Der anschließende Start erfolgt dann ebenfalls in einem Terminalfenster über den Befehl glob2.

Schwankende Qualität

Spielerisch liegt Globulation 2 am ehesten auf dem Niveau der frühen Teile der Spielereihe "Die Siedler". Dort wie hier erleben Sie einen extrem hohen Wuselfaktor. Im Gegensatz zum kommerziellen Konkurrenten wirkt das Geschehen bei Globulation jedoch eher unkoordiniert und chaotisch. Da hilft auch kein Druck auf [T], das das Ziel aller Arbeiter und Krieger mit einer Linie einzeichnet.

Die Grafik von Globulation 2 präsentiert eine kunterbunte Welt aus dem Reagenzglas eines Forschungslabors, die als eine Mischung aus Fantasy und naiver Malerei einher kommt. Ihre Qualität schwankt sehr stark und erschwert gerade Einsteigern die Identifikation der einzelnen Gebäude. So erscheint der Gasthof mehr wie ein Zirkus, das Krankenhaus wie eine Arena für Gladiatorenkämpfe und der Weizen wie bunte Smarties. Die klumpigen Arbeiter sind hingegen mit viel Liebe modelliert, wenngleich sie sich nur schwer von den nur etwas größeren Kriegern unterscheiden lassen.

Globulation 2 bietet gerade einmal zehn verschiedene Gebäudetypen, was im Vergleich zu anderen Strategiespielen nicht besonders üppig ausfällt. Einen umfangreichen Technologiebaum suchen Sie hier vergebens. Folglich müssten eigentlich die Angriffe mehr in den Vordergrund des Geschehens rücken, wie einst im Klassiker "Z". Hier offeriert Globulation 2 jedoch nur recht schwammige Mitteln zur Koordination.

Das Spiel verfügt nicht über verschiedene Einheiten mit unterschiedlichen Fähigkeiten, die ein taktisches Planen und Vorgehen ermöglichen würden. Da zudem meist alle Gebäudetypen direkt bereit stehen, führt dies in der Summe zu einer immer gleichen Strategie: Sie geben einmal alle Gebäude in Auftrag, weisen die Anzahl der nötigen Globules zu und warten sich anschließend einen Wolf. Auf vielen Karten ist es noch nicht einmal nötig weiter einzugreifen: Sofern Sie stetig Krieger produzieren, erobern diese irgendwann von ganz alleine die Karte – oder Sie verlieren, weil die Taktik nicht schnell genug aufging (Abbildung 8).

Abbildung 8: Den Abschluss einer jeden Mission krönt eine schmucklose Statistik.

Alle Rohstoffe wachsen bis auf die Steine unaufhaltsam nach. Um Wildwuchs zu verhindern, kennzeichnen Sie die Flächen explizit als Rodungsgebiete. Ansonsten passiert es mitunter, dass ein zu nahe am Wald gelegenes Gebäude plötzlich zuwächst und damit gleichzeitig von den Globules nicht mehr erreichbar ist. Andere Spiele haben dieses Problem etwa mit Förster-Figuren und Bauern wesentlich anspruchsvoller und eleganter gelöst.

Extrem grausam ertönt die Hintergrundmusik. Sie übersteuert nicht nur regelmäßig, sondern nervt zudem durch eine wenig eingängigen Komposition. Hier lautet der Tipp: Einfach abschalten. Anlass zum Ärger geben auch die unvollständigen Übersetzungen. Diese wechseln munter zwischen Deutsch und Englisch. So steht neben dem "Gasthof" ein "Hospital" und sämtliche Missionsbeschreibungen erscheinen durchgehend in der Sprache des Spieleschöpfers.

Intelligenzbestie

Ein großes Lob verdient hingegen die künstliche Intelligenz der kleinen Globules, von der sich sogar noch so manches Vollpreisspiel eine Scheibe abschneiden dürfte. Dennoch kommt es immer mal wieder vor, dass Krieger blind in ihr Verderben rennen oder hinter Pflanzen und Gebäuden festsitzen. Da der indirekte Steuermodus hier auch greift, bekommen Sie diese Figuren von dort nur mit einigen Tricks wieder weg.

Da stimmt es schon wieder fröhlicher, dass Sie beim freien Spiel zwischen verschiedenen Computergegnern wählen dürfen. Jeder von ihnen setzt auf eine individuelle Taktik, zu der sich auf der Homepage des Strategiespiels ein ausführliches Porträt inklusive Diskussion findet. Da ist es schade, dass Globulation nur magere sieben Missionen beiliegen, die zudem noch nicht einmal eine in sich geschlossene Kampagne bilden.

Stattdessen wiederholen sie einfach nur das sehr gute und ausführliche Tutorial und erfordern zudem keine großen strategischen Anstrengungen: Entweder lautet die Aufgaben einfach, die gegnerischen Stellungen zu überrennen oder innerhalb einer bestimmten Zeit seine Geschütztürme so hochrüsten, dass die eigene Stadt einem Angriff des Computergegners standhält.

Fazit

Globulation 2 verfolgt einen interessanten Ansatz, stellt sich dann aber mit seinem eigenen Spielprinzip selbst ein Bein. Das Spiel wirkt, als hätten die Entwickler ein herkömmliches Strategiespiel genommen, die Anzahl der Einheiten- und Gebäudetypen drastisch reduziert und das direkte Kommandieren der Figuren verboten. Das Ergebnis sitzt zwischen zwei Stühlen und besteht nicht den Vergleich zu den beiden ersten, Globulation 2 recht ähnlichen, Teilen aus der Spielereihe "Die Siedler".

Die Spielidee und das recht bizarre Szenario bieten wesentlich mehr Möglichkeiten. Für Programmierer mit Interesse an künstlicher Intelligenz bleibt Globulation 2 jedoch eine extrem vielfältige Spielwiese. Gleiches gilt für Fans von Echtzeitstrategiespielen.

Infos

[1] Globulation 2: http://www.globulation2.org

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