Ich spiele nicht mehr mit

Editorial

01.12.2006

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

ich gestehe: Ich bin seit über 20 Jahren treuer Microsoft-Kunde und habe mir seit DOS jedes Betriebssystem aus Redmond brav gekauft, Anwendungssoftware gleich noch obendrein. Und zwar den Microsoft Flight Simulator – eine frühe Version in krakeliger CGA-Grafik zählte zum Fundus meines ersten PCs, und seitdem bin ich begeisterter Computerpilot.

Für den geliebten "Flusi" habe ich stets zähneknirschend alles gefressen, was mir Microsoft an Unannehmlichkeiten in Sachen instabiler Systeme, unausgesetzter Sicherheitsupdates, nerviger Aktivierungsanfragen und unverschämter Lizenzbedingungen zugemutete. Jetzt aber reicht's: Ich spiele buchstäblich nicht mehr mit – Flusi hin, Flusi her. Der Grund ist Windows Vista, oder genauer gesagt: dessen Lizenzbestimmungen (EULA – End User Licence Agreement, [1]).

Schon bisher fand ich es gelinde gesagt eigenartig, ein Betriebssystem jedesmal "reaktivieren" zu müssen, wenn ich ein größeres Stück Hardware am Rechner wechsle. Oder "Validierungen" über mich ergehen zu lassen, wenn ich versuche, die Sicherheitslöcher – sprich: Mängel – des Betriebssystems zu beseitigen, das ich für teuer Geld erworben habe. Das ist kaum noch zu toppen, dachte ich bisher – aber da habe ich Microsoft unterschätzt.

Die Vista-Lizenz gilt nur auf einem der Lizenz zugeordneten "Device", sie kann lediglich ein einziges Mal auf ein anderes Device übertragen werden (EULA, Punkt 15). Schon das Auswechseln einer Hardwarekomponente wie Grafikkarte, Festplatte oder Motherboard gilt aber als solche Übertragung. Macht nichts, erklärt Microsoft-Sprecher Mike Burk: Nach dem Tausch der zweiten Hardwarekomponente kann man sich ja eine neue Vista-Lizenz kaufen [2].

Bei Vista soll der Benutzer nicht mehr nur auf Updates verzichten, wenn die "Validierung" fehlschlägt. Microsoft behält sich vielmehr vor, das Betriebssystem bis hin zu Unbenutzbarkeit zu deaktivieren, wenn der Prozess scheitert (EULA, Punkt 5). Daneben soll sich Vista generell regelmäßig mit Microsoft verbinden, ohne im Einzelfall den Benutzer auch nur davon zu informieren, und Informationen über den Rechner und die installierte Software übermitteln. (EULA, Punkt 7)

Mit der Benutzung von Windows Vista stimmt man zu, dass Microsoft via "Windows Defender" ohne Nachfrage "potenziell unerwünschte Software" vom Rechner entfernt, auch wenn dadurch andere Software auf dem Computer nicht mehr funktioniert oder deren Lizenzbestimmungen verletzt werden. Das kann durchaus auch Software betreffen, die vom Benutzer gar nicht unerwünscht ist, räumt Microsoft unumwunden ein (EULA, Punkt 6).

Prima: Mit Vista darf ich auf meinem PC keine Hardware mehr wechseln, Microsoft durchstöbert regelmäßig meine Festplatte und löscht, was ihm dort mißfällt, respektive funkt Interessantes nach Redmond. Lasse ich die regelmäßige Überwachung nicht zu, dann knipst mir Microsoft das Betriebssystem mangels "Validierung" aus. Und das für (wie man so hört) rund 200 Euro Ladenpreis oder knapp 70 Euro als Udate.

Danke, ich will kein Vista – noch nicht mal geschenkt. Was mich einerseits als (gewesener) Microsoft-Kunde ärgert, freut mich andererseits als Linuxer: Je mehr Redmond seine Kundschaft einengt, drangsaliert und mit unsinnigen Beschränkungen triezt, desto größer fällt die Bereitschaft zum Wechsel auf ein freies Betriebssystem aus.

Kennen Sie Windows-Anwender, die schon länger mit einem Umstieg auf Linux liebäugeln? Jetzt haben Sie die besten Argumente, sie zum endgültigen Umstieg zu überzeugen. Schließlich lässt sich auf einem aktuellen Linux-Desktop alles anstellen, was unter Windows geht – sogar fliegen [3]

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

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