Die dritte Dimension

Gnome 2.16 im Überblick

01.11.2006
Mit Detailverbesserungen hält sich Gnome 2.16 nicht auf: Die Release macht den Gnome-Desktop nicht nur schlanker und schneller, sondern erobert auch die dritte Dimension.

Dass Gnome-Meilensteine setzen kann und sich dennoch einfach bedienen lässt, bewies die GNU-Desktop-Umgebung nicht zuletzt erst vor einem halben Jahr mit dem Release 2.14. Programme wie beispielsweise das Deskbar-Applet demonstrieren die Mächtigkeit des Linux/Unix-Unterbaus, gepaart mit einer schönen und aufgeräumten Oberfläche.

In der neuen Version 2.16 kommen nun zahlreiche Neuerungen hinzu. Aber auch bei der Performance und beim Speicherverbrauch hat sich wieder einiges getan. Ein Beispiel hierfür liefert der Dateimanager Nautilus. Anderen Komponenten spendierten die Entwickler robustere Algorithmen.

Neu aufgenommen wurden die Gtk#-Bibliotheken; als erste mit Gnome ausgelieferte Anwendung baut das Notizzettelprogramm Tomboy auf Gtk# auf. Die Öffnung für neue Wrapper-Bibliotheken ermöglicht Entwicklern, die ihre Anwendungen nicht in C schreiben möchten, einen einfacheren Einstieg in Gnome. C++, C# und Python werden derzeit mit den Gnome-Bindings ausgeliefert.

Desktop in 3D

Seit der Einführung grafischer Benutzeroberflächen in den 80er Jahren hat sich nicht besonders viel geändert: Schon immer gibt es Fenster, in denen man die Programme in Form von Symbolen aufruft; bei einer Vielzahl offener Anwendungen verlieren selbst versierte Anwender leicht den Überblick.

In den letzten Jahren investierten einige Unternehmen viel Zeit und Geld in die Erforschung neuer GUI-Konzepte. Eines der Resultat ist das Looking-Glass-Projekt [1] von Sun Microsystems, das ermöglicht, Fenster auf dem Desktop kippen und schwenken zu lassen.

Eine andere Richtung schlugen Novell und Red Hat mit Xgl [2] respektive Aiglx [3] ein: Bei beiden Projekten gleicht der Desktop einem Würfel, der sich durch Tastenkombinationen rotieren lässt. Daneben sind Exposé- [4], Wobbel-, Explodier- oder Ausblendeffekte möglich, sofern es der Windowmanager unterstützt.

Novell hat mit Compiz diese Lücke gefüllt. Der Windowmanager lässt sich durch Plugins erweitern, von denen es mittlerweile über zwei Dutzend gibt. Compiz fügt sich nahtlos in Gnome ein, da die erste Version für diesen Desktop entwickelt wurde und mit Novell's Linux Enterprise Desktop ausgeliefert wird.

Zwar bietet Metacity, Gnomes ureigener Windowmanager, noch nicht aller erwähnten Effekte; trotzdem kooperiert er bereits gut mit den neuen 3D-X-Servern. Die Features sind zwar noch nicht standardmäßig aktiviert – sofern man sie aber einschaltet, vermitteln sie einen ersten Eindruck, was sich mit den neuen Erweiterungen des X-Servers alles anstellen lässt. Zum Deaktivieren der Effekte muss man nicht einmal die aktuelle Sitzung beenden, also nicht ab- und wieder anmelden.

Voraussichtlich wird der Composition Manager, der für die Effekte verantwortlich zeichnet, in Gnome 2.18 von Haus aus aktiviert sein. Zudem zeichnet sich ab, dass Aiglx gegenüber Xgl das Rennen machen wird, da die nötigen Erweiterungen bereits in X.org eingeflossen sind. Xgl, ein komplett neuer Server, kommt momentan allerdings noch mit einer größeren Zahl von Grafikkarten zurecht als Aiglx. Dies dürfte sich aber recht schnell ändern, vor allem weil namhafte Grafikkartenhersteller ihre Unterstützung bereits zugesagt haben.

Verbesserte Themes

Gnome 2.16 bringt ein verbessertes Standard-Thema für Symbole mit sich. Auf Empfehlung des Tango-Projekts [5] wurden eine ganze Reihe Icons durch bessere und aussagekräftigere Varianten ersetzt. Auf der anderen Seite wurden auch einige Symbole entfernt, da Anwendungen diese bereits integrieren.

Tango bietet Richtlinien an, die die beiden großen Desktops, Gnome und KDE, in einem einheitlicheren Aussehen dem Benutzer präsentieren sollen. Da sich das Gnome-Thema an die Icon-Naming-Spezifikation [6] von Freedesktop.org hält, funktioniert es auch unter KDE beziehungsweise XFCE. Eine stufenloses Vergrößern ohne Aufpixeln, wie Gnome das schon lange anbietet, unterstützt auch das neue Icon-Thema.

Bei den Fensterinhalten wich Clearlooks dem neuen Thema Clarius. Nun hält sich die Scrollbar wieder mit einem dezenten Grauton zurück, statt in blauer Farbe zu erstrahlen. Der Grund: Vielen Benutzern missvielen die blauen Scrollbars wegen zu großer Ähnlichkeit zu Windows, vehemente Forderungen nach dem alten Look wurden laut. Einige Kommentare zum alten und neuen Thema kann man in den Gnome-Blogs [7] nachlesen.

Die Verbesserung hielt auch in Evolutions Kalendermodul Einzug: Für die Terminansicht setzen die Entwickler jetzt auf Cairo. Die Termine heben sich nun leicht vom Untergrund ab und werfen einen Schlagschatten, sobald man sie bearbeitet (Abbildung 1).

Abbildung 1: Das Kalendermodul im neuen Gewand.

Wanda, das erste wirklich nützliche Applet, bekam ebenso eine Schönheitskur spendiert: Der wahrsagende Fisch erstrahlt nun in einem hübscheren Look (Abbildung 2). Keine Angst, das alte Aussehen lässt sich wiederherstellen.

Abbildung 2: Wanda nach dem Facelift.

Einzug der Gladiatoren

Wie bereits eingangs erwähnt, öffnete die Integration der Gtk#-Bibliothek die Tore für entsprechende Anwendungen, die seit Erscheinen von Mono, einer freien .NET-Implementierung, wie Pilze aus dem Boden schießen. Als erste Gtk#-Anwendung wurde jetzt Tomboy, eine Notizzettelverwaltung, in den Gnome-Kern mit aufgenommen.

Die Bedienung von Tomboy (Abbildung 3) ist kinderleicht: Man klickt mit derlinken Maustaste auf das Applet und wählen Neue Notiz anlegen aus. Daraufhin öffnet sich ein kleines Fenster, in dem man die Notiz hinterlegt. Dabei unterstützt Tomboy WikiWords.

Abbildung 3: Tomboy hilft Notizzettel effizient zu verwalten.

WikiWords zeichnen sich durch einen Großbuchstaben am Wortbeginn sowie einen weiteren innerhalb des Worts aus, wie bei "LinuxUser". Tomboy unterstreicht solche WikiWords und legt eine Verknüpfung auf ein gleichnamiges, neues Zettelchen an. So lassen sich Themen auf unkomplizierte Weise miteinander verbinden. Einen anderen Weg, der Informationsflut Herr zu werden, bietet eine Stichwortsuche über alle Notizzettel.

Auch Worte, die keinen WikiWords entsprechen, lassen sich mit anderen Notizzetteln verknüpfen. Dazu markiert man einfach das entsprechende Wort und klickt auf Verknüpfung. E-Mail-Adressen erkennt das schlaue Helferlein ebenfalls; ein Linksklick darauf öffnet Evolution.

Lobenswerterweise beherrscht Tomboy auch die Rechtschreibung: Es unterringelt Fehler oder unbekannte Wörter. Aus einer Liste kann man dann einen Korrekturvorschlag aussuchen. Bei Bedarf stellt Tomboy einzelne Worte kursiv, fett oder größer dar.

Nicht mehr benötigte Zettelchen lassen sich löschen und erscheinen dann nicht mehr im Inhaltsverzeichnis, das sich durch einen Linksklick auf das Tomboy-Applet erreichen lässt. Ein HTML-Exportfilter steht ebenso bereit wie ein Importfilter für diejenigen, die ihre Notizzettel noch mit dem alten Notizzettel-Applet geschrieben haben.

Will man wissen, wo genau der ganze Festplattenspeicher geblieben ist, hilft Baobab weiter (Abbildung 4). Der ungewöhnliche Name bedeutet jedoch nicht, dass das Programm nur dem geübten Benutzer Nutzen bringt. Baobab gibt entweder Auskunft über die ganze Festplatte oder ein ausgewähltes Verzeichnis. Ein weiteres Schmankerl des Programms ist die grafische Aufbereitung, die den Verbrauch übersichtlich darstellt.

Abbildung 4: Baobab bereitet grafisch den Speicherverbrauch auf.

Menübearbeitung Alacarte

Einige Distributoren, darunter auch Ubuntu, führten bereits in der Vergangenheit Alacarte anstatt des Gnome-eigenen Menüeditors ein. Der Grund: Alacarte bietet eine deutlich komfortablere Bedienung und mehr Möglichkeiten, das Gnome-Menü nach eigenen Vorstellungen zu bearbeiten. In Gnome 2.16 ist Alacarte nun in den Kern gewandert. Es wurde an einigen Stellen noch verändert, so dass es mit den Human Interface Guidelines übereinstimmt.

Genauso wie der Menüeditor hat nun auch die Energieverwaltung ihren festen Platz in Gnome eingenommen. Sie besitzt Features, wie sie viele Benutzer bereits von der Windows-Energieverwaltung kennen. Hinzu kommen grafische Aufbereitungen: Etwa die Auflade-Historie, die prozentual angibt, wie sich die Akku(ent)laderate über die Zeit verändert, oder der geschätzte Zeitverlauf, bei dem der Benutzer die Ladezeit und die noch verbleibende Akkulaufzeit ablesen kann.

Interessante Informationen präsentiert auch der Reiter Geräteinformationen; so unter anderem die Kapazität, aktuelle Ladung und herstellerspezifische Ladung des Akkus. Das Ereignisprotokoll gibt im Detail an, was sich seit dem Einschalten des Laptops ereignet hat. In den Einstellungen legt man fest, was passieren soll, wenn der Laptop im Akku- oder Netzbetrieb läuft. Viele Programme kommunizieren via D-Bus mit der Energieverwaltung. Im Akkubetrieb können diese dann "einen Gang herunterschalten" und benötigen in diesem Fall nicht mehr so viel Strom wie im Netzbetrieb.

Neu ist auch Orca: Der in Python geschriebene und von Sun entwickelte Bildschirmleser ersetzt das etwas angestaubte Gnopernicus. Gnopernicus wies einige Schwächen bei der Benutzerführung auf. In früheren Versionen führte eine zu groß eingestellte Schrift beispielsweise dazu, dass sich die Benutzerschnittstelle nicht mehr richtig lesen ließ. Orca kann den Bildschirminhalt aber nicht per Sprache, sondern auch über eine Braille-Tastatur ausgeben. Eine Bildschirmlupe, wie sie schon Gnopernicus bot, steht ebenfalls zur Verfügung.

Kleine Verbesserungen

Zahlreiche kleine Verbesserungen an den verschiedensten Anwendungen erleichtern unter Gnome 2.16 die tägliche Arbeit auf dem Desktop:

  • Metacity hat neben Fehlerbereinigungen und dem verbesserten Composition Manager ein weiteres Features spendiert bekommen. Die bestehende Tastenkombination [Alt]+[Tab] wechselt zwischen einzelnen Anwendungen. Dies ist nicht immer erwünscht, etwa wenn man nur zwischen zwei geöffneten Terminalfenstern wechseln möchte. Durch Drücken von [Alt]+[F6] kann der Benutzer nun zwischen den Fenstern einer Anwendung umschalten.
  • Im Arbeitsflächenumschalter lassen sich Fenster nun von einem virtuellen Desktop zu einem anderen bewegen. Dazu zieht man das gewünschte Symbol in der Fensterliste einfach auf die entsprechende Arbeitsfläche.
  • Der Dateiauswahldialog zeigt das Adresseingabefeld an, das man früher erst durch die Tastenkombination [Strg]+[L] aktivieren musste. Durch einen Knopf in der linken oberen Ecke des Dialogs lässt sich das Feld wieder ausblenden.
  • Das Gnome-Terminal startet nun um etwa 20 Prozent schneller als noch in Gnome 2.14 und ermöglicht jetzt echte Transparenz, sofern der X-Server dieses Feature unterstützt (Abbildung 5).
  • Die Programme Eye of Gnome (Bildbetrachter), Yelp (Hilfebrowser), Fileroller (Archivmanager) und Gedit (Texteditor) erhielten kleinere Verbesserungen. Auch wuchs die Zahl der Gedit-Plugins in den letzten Monaten enorm an. Darunter gibt es Erweiterungen, die den Editor zu einer kleinen Python-IDE mutieren lassen. Das offizielle Gedit-Plugins-Paket umfasst derzeit 12 der kleinen Ergänzungen, auf Gnomes Plugins-Webseite [8] stehen viele weitere zum Download bereit.
  • Der Browser Epiphany stellt nun eine Rechtschreibprüfung bereit und unterringelt in allen Formularfeldern falsch geschriebene Wörter.
  • Totem stellt in der neuesten Version die Audio- und Video-Eigenschaften in der Seitenleiste dar. Außerdem unterstützt der Mediaplayer nun XSPF, über das sich Wiedergabelisten mit anderen Benutzern austauschen lassen. Die Browserintegration wurde weiter vorangetrieben und funktioniert nun vor allem mit proprietären Codecs besser als vorher.
  • Der in der letzten Version eingeführte neue Bildschirmschoner kann das ausgewählte Motiv nun im Vollbildmodus anzeigen. Wie auch andere Anwendungen kommuniziert der Bildschirmschoner mit anderen Programmen via D-Bus. So informiert er Screensaver unter anderem andere Anwendungen davon, dass die Arbeitsstation gesperrt ist.
Abbildung 5: Das Gnome-Terminal startet nun schneller und bietet echte Transparenz.

Neues beim Dateimanager

Die Defizite bei der Startgeschwindigkeit von Nautilus, die vor einem halben Jahr ans Tageslicht kamen, räumt die neue Version gründlich aus. Zudem haben die Entwickler den Dialog für Zugriffsrechte gründlich überarbeitet – auf den Mailinglisten ein über Wochen hinweg heiß diskutiertes Thema. Bisher war es nur sehr umständlich möglich, die Zugriffsrechte für Dateien und Verzeichnisse rekursiv zu ändern. Schlimmstenfalls musste man selbst der Verzeichnisstruktur folgen und auf jeder Ebene die Rechte ändern.

Der neue Dialog macht damit Schluss und bietet in übersichtlicher Art alle notwendigen Optionen an (Abbildung 6). Dabei hat man auf die kryptischen Unix-Bezeichnungen verzichtet und bietet stattdessen verständliche Begriffe an, wie Dateien erstellen und löschen. Mit dem Schalter Zugriffsrechte auf enthaltene Dateien übertragen wird die Auswahl rekursiv auf die Unterverzeichnisse übertragen. Der Dialog zeigt zudem den SELinux-Kontext sowie die letzte Änderung an und unterstützt auch Access Control Lists.

Abbildung 6: Der neue Dialog zur Verwaltung der Zugriffsrechte.

Deskbar – einfach mächtig

Viele Benutzer von Gnome kennen bereits das Deskbar-Applet. Es bietet ein einfaches, aber dennoch sehr mächtiges Interface zum Starten von Programmen sowie zur Suche in Dokumenten, E-Mails oder dem Internet und vieles mehr. Durch die Tastenkombination [Alt]+[F3] ruft man das Eingabefeld des Applets auf.

Das Erscheinungsbild hat sich gegenüber der alten Version etwas geändert, sofern Schaltfläche im Panel in den Eigenschaften ausgewählt ist. Zudem gibt es einige neue Erweiterungen, wie etwa Abmelden, Herunterfahren und Suspend des Computers oder den Window Switcher, mit dem man durch die Fenster schalten, indem man deren Name eingibt.

Eine Vielzahl weiterer Erweiterungen kann man von der Gnome-Live-Webseite [9] herunterladen. Die Installation gestaltet sich denkbar einfach: Man entpackt das Paket nach ~/.gnome2/deskbar-applet/handlers und aktiviert es im Einstellungen-Dialog unter Erweiterungen. Anschließend steht es sofort zur Verfügung. Zukünftige Planungen für das Deskbar-Applet führt das Gnome-Wiki [10] auf.

Fehlermelden leicht gemacht

Wenn sich der Fehlerteufel in ein Gnome-Programm eingeschlichen hat und es nicht mehr reagiert, startet Bug-Buddy durch. Das Programm sammelt Informationen über den Absturz und bietet eine Maske an, in der der Benutzer weitere Angaben machen kann. Bug-Buddy ist seit langem schon in Gnome integriert.

Ab sofort kommt das Programm mit einer neuen Oberfläche samt neuem Unterbau daher. Es holt nun ein noch detailliertes Backtrace mitsamt der Kernel- und Distributionsversion ein; gleichzeitig muss der Benutzer jetzt weniger Angaben machen als zuvor. Eine nervende Sendmail- respektive Postfix-Konfiguration entfällt, da Bug-Buddy via XML-RPC direkt mit Bugzilla kommuniziert.

Drucken wie die Weltmeister

Die Notwendigkeit einer neuen, plattformunabhängigen Drucker-API innerhalb von Gtk+ ergab sich einerseits aus dem Wegfall der weiteren Betreuung für die Bibliotheken Libgnomeprint und Libgnomeuiprint und andererseits aus einer hitzigen Diskussion um die Dialoge der resultierenden Druckdienste, während der Linus Torvalds die Gnome-Entwickler als Interface-Nazis titulierte [11].

Die Entwickler haben sich nun dieser Herausforderung gestellt und integrierten in Version 2.10 die fehlenden Funktionalitäten. Einige Gnome-Anwendungen verwenden bereits diese Neuerung, so zum Beispiel Epiphany (Webbrowser), Evince (Dokumentenbetrachter) und Yelp (Hilfebrowser). Unter Linux/Unix wird CUPS und das immer noch sehr weitverbreitete Lpr unterstützt, so dass dem Drucken nichts mehr im Wege steht.

Bibliotheken aufgefrischt

Im Rahmen des Projekts Ridley [12] bemühen sich die Gnome- und Gtk+-Entwickler seit einigen Monaten darum, eine ganze Reihe von bislang externen Bibliotheken direkt in Gtk+ zu integrieren. Das betrifft vor allem kleinere, mangelhaft betreute und fehlerhafte Libraries und soll letztendlich die Komplexität des Programmierens für die Gnome-Umgebung senken. Vier von neun Klassen der Prototyp-Bibliothek Libegg und zwei von sieben Klassen von Libgnome(ui) flossen bereits in Gtk+ 2.10 ein; andere folgen in der nächsten Version. Libgnomeprint und Libgnomeuiprint sind nun als veraltet gekennzeichnet und sollten daher nicht mehr verwendet werden.

Durch Ridley wird jedoch nicht nur der Berg von Bibliotheken, die man zum Kompilieren von Gnome braucht, langsam aber stetig kleiner: Damit einhergehend sinkt auch indirekt der Speicherverbrauch und steigt die Startgeschwindigkeit der auf Gtk+ aufbauenden Anwendungen, da weniger Bibliotheken geladen werden müssen.

Des weiteren verfügt Gtk+ jetzt über einen Touchscreen-Modus. Mobile Geräte wie das Nokia 770 profitieren davon enorm. Last but not least bieten die Gnome-Kernlibrary Glib und die Textrendering-Bibliothek Pango jetzt Unterstützung für Unicode 5.0 – was Gnome zum ersten Desktop überhaupt macht, der mit knapp 100.000 verschiedenen Zeichen umgehen kann.

Ausblicke auf Gnome 2.18

Viel Spannendes ist in den nächsten Monaten zu erwarten. Wie schon erwähnt, soll Metacitys Composition Manager standardmäßig aktiviert und mit weiteren Effekten ausgestattet werden. Auch die Vereinheitlichung der Lesezeichenverwaltung und die Migration auf die neue Gtk+-Drucker-API wollen die Entwickler nachdrücklich vorantreiben.

Dank des Ridley-Projekts werden noch mehr Bibliotheken entfallen – was unter Umständen auch Libbonobo(ui), das Komponenten-Framework von Gnome, betrifft. Einige Anwendungen haben schon in der Vergangenheit das Bonobo/ORBit-Gespann durch die desktopunabhängige Kommunikationsbibliothek D-Bus ersetzt, die sich gleichermaßen für Gnome wie KDE eignet.

Es ist fast schon Tradition, immer mehr Anwendungen in den Gnome-Kern aufzunehmen. Momentan läuft die entsprechenden Vorschlagsphase für Gnome 2.18. Zu den aussichtsreichsten Kandidaten zählen ein Scannerprogramm, das während Googles "Summer of Code" entstanden ist, das GnuPG-Frontend Seahorse sowie ein LDAP-Administrationsprogramm, dass das Bearbeiten der teilweise kryptischen LDAP-Konfiguration wesentlich erleichtert soll. Daneben werden einige ältere, nicht mehr gewartete Applets entfernt und durch neue ersetzt.

Das Webteam [13] bemüht sich momentan, den Internetauftritt von Gnome interessanter zu gestalten. Alle Ideen und Planungen können Sie bei Interesse in der Gnome-Roadmap [14] nachlesen.

Der Autor

Christian Meyer beschäftigt sich seit zehn Jahren mit Linux und seit gut sechs Jahren intensiv mit Gnome. Er ist Vorsitzender des im Oktober 2004 gegründeten Gnome Deutschland e.V. Sie erreichen Christian per E-Mail unter chrisime@gnome.org.

Glossar

Gtk#

Implementationen des Toolkits Gtk+ für die Mono-Umgebung. Das "#" spricht man als "sharp" aus. Bei Mono handelt es sich um eine freie Implementation der Entwicklungs- und Laufzeitumgebung .NET von Microsoft.

C#

Implementationen der Programmiersprache C für die Mono-Umgebung. Das "#" spricht man als "sharp" aus. Bei Mono handelt es sich um eine freie Implementation der Entwicklungs- und Laufzeitumgebung .NET von Microsoft.

Cairo

Eine 2D-Grafikbibliothek mit einer geräteunabhängigenF, vektorbasierten Schnittstelle für die Ausgabe auf verschiedenen Backends. Cairo nutzt nach Möglichkeit die Beschleunigung durch den Grafikprozessor aus, etwa zur Kantenglättung.

Mono

Eine zu .NET von Microsoft kompatible Entwicklungs- und Laufzeitumgebung für plattformunabhängige Software auf Basis des Common-Language-Infrastructure-Standards. Da Mono Softwarepatente der Firma Microsoft berührt, besteht die Gefahr, dass Teile davon patentrechtlich verboten werden könnten.

Human Interface Guidelines

Die Richtlinien des Gnome-Usability-Projekts für das Aussehen und die Bedienung von Benutzerschnittstellen in Gnome-Programmen.

D-Bus

Ein Softwaresystem, das verschiedenen Programmen eine einfache Möglichkeit bietet, miteinander zu kommunizieren. D-Bus ist ein Teil des Freedesktop.org-Projekts.

XSPF

XML Shareable Playlist Format. Die Abkürzung wird "Spiff" ausgesprochen. XSPF ist ein offenes, portables Format für Wiedergabelisten unter dem Dach der Xiph.org Foundation.

SELinux

Eine Erweiterung des Linux-Kernels für verfeinerte Zugriffskontrollen auf der Basis allgemeiner Regeln für Benutzer und Ressourcen. SELinux wird maßgeblich vom US-Nachrichtendienst NSA und vom Linux-Distributor Red Hat entwickelt.

Access Control Lists

In der Unix-Welt versteht man unter Access Control List (ACL) eine Erweiterung der einfachen Zugriffssteuerung über das Benutzer/Gruppe/Welt-Modell. Bei ACLs lassen sich Zugriffsrechte spezifisch für einzelne Benutzer zuteilen oder unterbinden.

XML-RPC

XML Remote Procedure Call. Eine Spezifikation, die es Software auf verschiedenen Rechnern und unter verschiedenen Betriebssystemen erlaubt, miteinander über ein TCP/IP-Netzwerk zu kommunizieren.

Bugzilla

Freies Programm zur Verwaltung und Verfolgung von Fehlerhinweisen, ein so genannter Bugtracker. Bugzilla wurde ursprünglich zum Bugtracking bei Netscape entwickelt.

Gtk+

Das Gimp Toolkit, eine freie Komponentenbibliothek für grafische Benutzeroberflächen. Gtk wurde ursprünglich entwickelt, um eine GUI für das Grafikprogramm Gimp zu schaffen. Mittlerweile kommt es jedoch in zahlreichen Anwendungen sowie den Desktop-Umgebungen Gnome und Xfce zum Einsatz.

CUPS

Common Unix Printing System. Standardisiertes, modulares Drucksystem für Linux/Unix.

Lpr

Line Printer Remote. Teil des Berkeley Printing Systems, bei dem ein Line Printer Daemon (Lpd) via TCP Befehle entgegennimmt, um einen lokalen Drucker zu steuern. Entfernte Drucker werden als Lpr-Port eingebunden und wie lokale Drucker behandelt.

Bonobo

Teilprojekt von Gnome, das einen Standard und ein Komponenten/Dokumentenmodell für die Interaktion zwischen den Komponenten eines komplexen Dokuments definiert. Bonobo basiert auf der Common Object Request Broker Architecture (CORBA).

ORBit

CORBA-konformer Object Request Broker von Gnome. ORBit stellt die notwendigen Mechanismen bereit, um überall in Gnome CORBA zu verwenden.

LDAP

Lightweight Directory Access Protocol. Standardisiertes Verzeichnisdienst-Protokoll für den Umgang mit Benutzer- und Ressourcendaten.

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