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01.09.2006

Liebe Leserinnen und Leser,

"Zeit hat man nicht, Zeit nimmt man sich", lautet eine Volksweisheit. Aber wer kann es schon sich schon leisten, diesen Spruch konsequent in die Tat umzusetzen. Freie Software schien lange so ein Biotop zu sein, in dem die Begriffe "Releasezyklus" und "Deadline" auf der Liste der Unworte standen. Rund um die Welt bastelten Entwickler zwar mit viel Enthusiasmus, aber ohne Zeitdruck.

Eines der schillerndsten Beispiele liefert das Debian-Projekt, das konsequent jede Nachfrage nach einem Veröffentlichungstermin [1] der Version 3.1 (Sarge) mit einem grummelnden "Es ist fertig, wenn es fertig ist" quittierte. Wild beharkten sich die Projektmitglieder in den Folgejahren nach dem Woody-Release im Sommer 2002 in Diskussionen über die zu unterstützenden Architekturen und einzubauenden Features.

Während sich das freie Projekt noch mitten in der Nabelschau befand, wurde Microsoft-Stratege Willi Poole auf der WinHEC im Oktober 2003 konkret: Der XP-Nachfolger – damals noch unter dem Codenamen Longhorn bekannt – solle im Zeitraum zwischen 2005 und 2006 erscheinen. Darauf verwende der Konzern alle Anstrengungen. Und nicht nur das: Mehr Sicherheit versprach er, ein datenbankgestütztes Dateisystem und überhaupt – alles besser, alles bunter. Alles prima.

Im Laufe der folgenden Jahre kühlte sich die erste Euphorie ein bißchen ab. Longhorn wurde in Vista umbenannt, aber von einem neuen Desktopsystem auf Windows-Basis fehlte außer einigen Entwicklerversionen keine Spur. Völlig unspektakulär, aber in Bezug auf die Software leider weitgehend veraltet, erschien dagegen im Sommer 2005 Debian Sarge.

Dieser Tage beschloss das Microsoft-Management nun, bei Vista auf ein paar tolle, aber eben auch sehr komplexe Features, wie das datenbankgestützte Dateisystem, zu verzichten, damit der Zeitplan einigermaßen realistisch bleibt [2]. Der war inzwischen nach hinten korregiert: Mit einer Heimanwenderversion sei nicht vor Anfang 2007 zu rechnen.

Während es die Entwickler in Redmond also etwas gemütlicher angehen lassen, drückt ein freies Projekt aufs Gaspedal: Auf der Liste debian-announce bestätigten die Debianer am 24. Juli, dass der Termin für die nächste stabile Release nach Sarge mit dem Codenamen Etch und der Versionsnummer 4.0 der Dezember 2006 sei [3]. Drei Tage später verkündete Microsoft-Manager Kevin Johnson [4] auf einem Finanzanalysten-Meeting: "Windows Vista kommt, wenn es fertig ist."

Das Debian-Projekt scheiterte seinerzeit am Anspruch, zu viel zu einem stabilen Ganzen integrieren zu wollen. Jedes Teilprojekt, dass sich nicht an den Zeitplan hielt, warf das gesamte Release zurück. In der Open-Source-Welt haben die Entwickler daraus gelernt: Viele große Projekte, wie Ubuntu, Zope oder Gnome, entwickeln mittlerweile in festen Zyklen, setzen sich aber bewußt nicht unter Druck, jedes Feature gleich zu implementieren. Das neue Credo lautet: "Was fertig ist, ist dabei".

So bleibt Bewegung in einem Projekt, und das erspart den Entwicklern den Frust beim Warten auf das Release. Die Anwender dagegen profitieren von aktueller Software und wissen sich in dem guten Gefühl, dass sich was tut. Mal sehen, wie lange Microsoft braucht, um auf den neuen Kurs einzuschwenken.

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