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01.08.2006

Liebe Leserinnen und Leser,

als Saure-Gurken-Zeit bezeichnet die schreibende Zunft halb scherzhaft, halb leidend jene Hochsommerwochen rund um die alljährliche Urlaubszeit, in denen spannende Neuigkeiten nur spärlich tröpfeln und man die Nachrichtenstrecken notgedrungen mit mäßig Interessantem und Kuriosa aufzufüllen versucht. Der auch als gern als Sommerloch apostrophierte Effekt bleibt dieses Jahr aus – zumindest, was das Open-Source-Umfeld angeht: Just zu Beginn der gefürchteten Periode flatterten zwei gute und wirklich spannende Meldungen in die Redaktion.

Die erste: Nach vehementen Widerstand [1] gibt Microsoft seine Opposition gegen das offene Dokumentenformat ODF auf und unterstützt es in MS Office 2007 sowohl als Import- als auch Export-Format. "Die Übersetzungsprogramme werden als Open-Source-Software entwickelt und lizenziert sowie als kostenlose Addins für Microsoft 2007 bereitgestellt.", ließ das Unternehmen Anfang Juli in einer Pressemitteilung wissen. Ein Prototyp des Konverters für Word 2007 steht bereits auf der Sourceforge-Website [2] unter der BSD-Lizenz zur Verfügung. Im kommenden Jahr sollen neben Word auch Excel und Powerpoint entsprechende Addons erhalten, für ältere Office-Versionen will Microsoft die Tools über ein kostenloses "Compatibility Pack" anbieten.

Damit streicht Redmond im Formate-Krieg endgültig die Segel. Trotz überwältigender Marktdominanz und aggressivstem Marketing schafft selbst ein Branchengigant wie Microsoft es nicht mehr, seine proprietären Formate gegen offene Standards durchzudrücken. Das zeigt, wie tief sich die Idee von offenen Anwendungen und Formaten bereits im Bewusstsein der Anwender verankert hat.

Saure Gurken für SCO

Woher der Begriff Saure-Gurken-Zeit genau stammt, ist ungewiss. Vielleicht hängt er damit zusammen, dass um diese Jahreszeit früher die erntefrischen Gurken zwecks Haltbarmachung eingelegt wurden. Wahrscheinlicher aber handelt es sich um eine der im Deutschen so häufigen Verballhornungen aus dem Jiddischen, wo Zóres und Jókres Not und Teuerung bedeuten.

Zóres und Jókres, das ist die zweite gute Nachricht, treffen dieser Tage SCO, das ja einen Patentanspruch auf große Teile des Linux-Codes reklamiert, ohne dafür bisher im Prozess gegen IBM den kleinsten Beweis vorlegen zu können. Das wurde auf Dauer sogar dem bisher engelsgeduldigen Gericht zu viel: Von den 294 von SCO erhobenen Anschuldigungen wies es fast alle kategorisch zurück [3]. Nur ein einziger der verbliebenen Klagepunkte betrifft noch direkt Linux – und der hat mit Codediebstahl rein gar nichts zu tun: Aus der Beobachtung von Fehlern in der TCP-Kommunikation von Unix-Systemen hätten die Linux-Entwickler Wissen gezogen, mit dem sie die Netzwerkfähigkeiten von Linux verbesserten, moniert SCO. Na ja …

Dass sich der unselige Prozess bald erledigt haben dürfte, resultiert nicht nur aus der Argumentationsnot von SCO, sondern auch aus deren finanziellen Schwierigkeiten. 3,76 Millionen US-Dollar hat das Verfahren SCO allein im zweiten Quartal 2006 gekostet [4] – gegenüber Einnahmen von 34.000 Dollar für so genannte SCOsource-Lizenzen für Linux, mit denen die Möchtegern-Patentinhaber übervorsichtige Linux-Anwender zu übertölpeln versuchen.

Wie auch immer – von Saurer-Gurken-Zeit kann diesen Sommer keine Rede sein: Linux ist vom rufschädigenden Vorwurf des Plagiats endlich freigesprochen, und an offenen Dokumentenformaten kommt selbst Microsoft nicht mehr vorbei. Da lässt es sich beruhigt in den Urlaub starten, für den ich Ihnen und Ihrer Familie eine erholsame Zeit und viel Spaß wünsche.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

Infos

[1] Jörg Luther: "Irrungen, Verwirrungen", LinuxUser 01/2006, S. 3, http://www.linux-user.de/ausgabe/2006/01/003-editorial

[2] ODF-Konverter für Word 2007: http://sourceforge.net/projects/odf-converter

[3] Ablehnung der Klagepunkte: http://www.groklaw.net/pdf/IBM-718.pdf

[4] SCO-Ergebnisse Q2/2006: http://ir.sco.com/releasedetail.cfm?ReleaseID=200070

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