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Mehr als Freibier

01.07.2006

Liebe Leserinnen und Leser,

Freie Software ist bekanntlich "free as in free speech, not as in free beer." Sie ist allerdings auch kostenlos, so wie das Freigetränk – ein Aspekt, der die allgemeine Bewußtseinslage allzu gerne dominiert. Na gut: Außerdem steht es jedem frei, sie zu kopieren, zu verändern und weiterzugeben. Aber mit "richtiger" Freiheit – so wie in "freiheitlich-demokratische Grundordnung" – hat das nichts zu tun. Oder etwa doch?

Lassen Sie uns das einmal anhand des Beispiels Microsoft prüfen. Der Quasi-Monopolist hat dieser Tage so seine lieben Schwierigkeiten mit einem seiner wirtschaftlichen Hauptstandbeine, der MS-Office-Suite. Mit OpenOffice steht Anwendern mittlerweile eine echte Alternative zur Verfügung, obendrein noch kostenlos. Der Konkurrent kann mit MS-Office-Dokumenten problemlos umgehen, sein Open-Document-Format (ODF) ist bereits als internationaler Standard von der ISO [1] verabschiedet. Dagegen dümpelt Microsofts OpenXML noch durch die Normierungsgremien der ECMA [2]. Und jetzt hat die OpenDocument Foundation [3] angeblich auch noch ein MS-Office-Plugin in der Hinterhand, mit dem MS-Office ODF-Dateien lesen und schreiben kann – gegen eine solche Fähigkeit hat sich Microsoft bislang mit Händen und Füßen gesträubt. Da könnte ja jeder benutzen, was er wollte …

So geht's nicht weiter, hat man sich in Redmond wohl gesagt, und beschlossen, jetzt richtig in die Vollen zu langen. Wozu ist man schließlich Quasi-Monopolist? Die Qualität der eigenen Produkte lässt sich dem potenziellen Benutzer am besten über die Fachpresse suggerieren – und die packt man dazu einfach dort, wo's richtig wehtut: beim Geldbeutel. In Zeiten konstant schwindender Absätze am Kiosk wäre jedes Mainstream-Computerblatt froh, die aktuelle "Microsoft Office Professional Plus 2007 Beta 2" als Verkaufsargument auf die Heft-CD/DVD zu bekommen. Also hat Microsoft flugs eine Vertriebsvereinbarung aufgesetzt, die das Veröffentlichen entsprechender Datenträger nur unter ganz bestimmten Bedingungen erlaubt:

  • Der Datenträger darf keinerlei Open-Source-Software enthalten, ausdrücklich und insbesondere nicht OpenOffice.
  • Begleitend muss ein Artikel erscheinen, der Microsoft vor Abdruck zur Kontrolle zu überlassen ist.
  • Teile des Artikels, die "eine Herabsetzung von Microsoft, und/oder jeglichen Produkten oder Dienstleistungen von Microsoft" enthalten, sind anschließend in Kooperation mit Microsoft zu ändern.

Allein das Ansinnen spricht jeglichen Grundsätzen der Pressefreiheit und freien Berichterstattung Hohn. Im Gegenzug zu möglichen wirtschaftlichen Vorteilen fordert Microsoft nichts weniger als geschönte Berichterstattung und droht widrigenfalls mit Zensur. Die Marktmacht macht's möglich: Ein bislang renommiertes deutsches Computermagazin ist auf Microsofts Bedingungen eingegangen, ohne sie dem Leser auch nur mit einer Silbe mitzuteilen. Unter welchen Umständen die fragliche Heft-CD und der zugehörige Artikel [4] entstanden, kam erst ans Licht, als ein anderes großes Computerblatt die Tatsachen beim Namen nannte [5] und Microsoft öffentlich einen Korb gab [6].

Eines führt diese Affäre ganz deutlich vor Augen: Im Informationszeitalter ist Software nicht einfach nur irgend ein Stück Ware, sondern von so zentraler gesellschaftlicher Bedeutung, dass Konzerne ohne Skrupel versuchen, über wirtschaftlichen Druck die Presse und damit die öffentliche Meinung zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Nur freie Software kann dem einen finalen Riegel vorschieben: Deswegen ist sie mehr als Freibier, ebenso wichtig wie Redefreiheit und ein unverzichtbarer Bestandteil einer wirklich freiheitlichen Gesellschaft.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

Infos

[1] International Organization for Standardization: http://www.iso.org/

[2] European Computer Manufacturers Association: http://www.ecma-international.org/

[3] OpenDocument Foundation: http://opendocument.us/

[4] c't: R. Nebelo und P. Schüler, "Neues Office im neuen Outfit", c't 12/2006, S. 128

[5] Computerbild-Pressemitteilung: http://www.presseportal.de/story.htx?nr=828580

[6] Computerbild: Hans-Martin Burr, "Textkontrolle? Nein Danke!", Computerbild 12/2006, S. 4

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Jörg Luther

Jörg Luther

Jörg Luther arbeitet seit 1995 als IT-Journalist. Seine Vorliebe für das freie Betriebssystem lebt er privat in der LUG Erding und beruflich seit 2004 als Chefredakteur des LinuxUser aus.

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