Lückenfüller

Access-Ersatz für Linux

01.06.2006
Bei Datenbank-Frontends für Anwender gilt Microsoft Access als Maß aller Dinge. Rekall, Kexi, Knoda und OpenOffice Base treten gegen den Platzhirsch an.

Im Rechenzentrum stellen Open-Source-DBMS schon lange eine feste Größe dar. Auch der Linux-Desktop hat sich inzwischen etabliert. Was bislang fehlte, war das Bindeglied zwischen beiden: ein Programm, das es dem Anwender ermöglicht, mit geringem Aufwand Datenbankanwendungen zu erstellen. Für Windows positioniert sich Microsoft Access hier als Platzhirsch, der Open-Source-Bereich ließ bislang ein Pendant vermissen.

Die Lücke schmerzt besonders, weil gerade im privaten Einsatz und für kleine Unternehmen grafische Datenbank-Frontends die effiziente Verarbeitung von Datenbeständen und die Entwicklung einfacher Datenbankanwendungen erst ermöglichen. Aber auch im Profi-Umfeld scheitert die Umstellung von Windows auf Linux oft deswegen, weil sich entsprechende Fachanwendungen nur schwer portieren lassen.

Der Mangel an einem geeigneten Ersatz für Access beschäftig denn die Open-Source-Entwickler schon lange. Inzwischen bieten sich auch die ersten brauchbaren Access-Alternativen für Linux an. Dieser Artikel nimmt die aussichtsreichsten Kandidaten näher unter die Lupe: Rekall, Knoda, Kexi und OpenOffice Base.

Die grundlegenden Leistungsmerkmale haben alle diese Produkte gemein: Man kann Tabellen grafisch geführt anlegen, es gibt ein Datengitter zur Eingabe der Tabellendaten, es lassen sich Abfragen mit grafischer Aufbereitung erzeugen. Daneben bilden Formulare und Berichte ("Reports") wichtige Komponenten: grafisch ausgestaltete und anpassbare Schnittstellen zur Ein- und Ausgabe der Daten. Schließlich bietet auch jedes Produkt ein quasi eingebettetes Datenbankmanagementsystem zur lokalen Datenspeicherung in Dateien, sowie die Möglichkeit, externe Datenbankserver anzusprechen.

Um Access funktionell ersetzen zu können, wären jedoch einige zusätzliche Fähigkeiten wünschenswert:

  • Skriptfähigkeit, um eigene Anwendungen mit speziellen Code-Teilen zu ergänzen,
  • Komponenten, um die Skripte zur Wiederverwendung in Module zusammenzufassen,
  • ein Standalone-Modus für die erstellte Anwendung, um diese weiterzugeben,
  • Assistenten oder Wizards zur Benutzerführung,
  • die Möglichkeit, aus den Daten grafische Darstellungen zu erzeugen,
  • die Integration mit Büro-Anwendungen, etwa um Serienbriefe zu erzeugen.

Unter diesen Gesichtspunkten müssen im folgenden Rekall, Knoda, Kexi und OpenOffice Base ihre Fähigkeiten beweisen.

Frontends: Anwendung vs. Administration

Die hier besprochenen Programme könnte man vielleicht als "Anwendungs-Frontends" bezeichnen. Sie erlauben dem Benutzer, Abfragen, Formulare, Berichte sowie kleine Anwendungen zu erstellen und arbeiten meist relativ unabhängig vom verwendeten DBMS. In diese Gruppe gehören zum Beispiel OpenOffice.org, Microsoft Access, FoxPro, Oracle Forms und FileMaker.

Dagegen geben Administrations-Frontends dem Systemadministrator die Möglichkeit, Datenbankobjekte auf niedriger Ebene zu manipulieren sowie die Datenbank zu warten und zu überwachen. Diese Werkzeuge sind in der Regel eng an das verwendete DBMS gebunden. Zu dieser Gruppe zählen etwa pgAdmin, MySQL Administrator, phpMyAdmin, Microsoft Enterprise Manager und Oracle Enterprise Manager.

Dabei verwischen sich gelegentlich die Grenzen, da auch Produkte der zweiten Gruppe oft Funktionen wie Reporting mitbringen. Gleichwohl ist es sinnvoll, zwischen Anwendungs- und Administrationsfrontends zu unterscheiden. Im vorliegenden Artikel geht es ausschließlich um die erste Kategorie.

Rekall

Rekall stellt 2002 den ersten ernstzunehmenden Versuch dar, eine Alternative zu Microsoft Access für Linux anzubieten. Ursprünglich gab theKompany.com [1] das Paket in Auftrag, zerstritt sich jedoch später mit den Entwicklern Mike Richardson und John Dean. Das Unternehmen vertreibt weiterhin veraltete Versionen; hat aber dem Vernehmen nach keine technischen Resourcen hat, um diese zu pflegen und zu unterstützen. Richardson und Dean entwicklen Rekall nach wie vor mit kommerziellem Hintergrund weiter [2], bieten daneben aber auch eine GPL-Version [3] an. Das Frontend lässt sich als KDE-Anwendung oder reines Qt-Programm bauen, wobei die Entwickler ersteres als primäre Variante betrachten.

Rekall unterstützt die DBMS MySQL, PostgreSQL, ODBC, IBM DB/2 und als "eingebautes" Datenbanksystem XBase. Für den Zugriff auf das Datenbanksystem verwendet Rekall eine eigene Treiberschicht. Seine Metadaten – also die angelegten Anfragen, Formulare und so weiter – speichert es entweder in der Datenbank selbst oder in einer eigenen Steuerdatei.

Rekall ermöglicht, Tabellen anzulegen (Abbildung 1), Daten zu bearbeiten und Anfragen mit dem Query-Designer zu entwerfen (Abbildung 2). Beim Erstellen der Tabelle bietet das Programm alle vom zugrundeliegenden Datenbanksystem unterstützten Datentypen an. Es lassen sich Formulare (Abbildung 3) und Berichte erstellen, beides auch mittels Wizards. Als Skriptsprache nutzt Rekall Python und bietet dazu sogar einen integrierten Editor sowie einen Debugger. Der erstellte Code lässt sich in wiederverwendbare Komponenten zusammenfassten. Zum Betrieb der so erstellten Anwendungen gibt es eine Rekall Runtime genannte Standalone-Variante.

Abbildung 1: Der Dialog zum Erstellen von Tabellen in Rekall.
Abbildung 2: Die Schnittstelle zum Anlegen von Anfragen in Rekall.
Abbildung 3: Formulare lassen sich in Rekall wie hier direkt bearbeiten oder in einem Wizard erstellen.

Der große Nachteil von Rekall: Die langfristige Entwicklung des Produkts ist nicht gesichert. Die beiden Entwickler haben den Aufbau einer größeren Developer-Community stets abgelehnt, um sich die Möglichkeit zum Verkauf kommerzieller Lizenzen nicht zu verderben. Allerdings läuft dieses Geschäft dem Vernehmen nach bei weitem nicht profitabel genug, worauf auch die schleppende Entwicklung in der letzten Zeit sowie die mangelhaft gepflegte Website hindeuten.

Das Produkt bietet durchaus beeindruckende Leistungsmerkmale, an der Bedienung scheiden sich jedoch oft die Geister: Hier zeigen sich durchweg große Unterschiede zu Access, aber auch zu anderen typischen KDE-Anwendungen. An der technischen Einbindung in die KDE-Oberfläche hapert es ebenso wie an der Integration mit Büro-Anwendungen, etwa zum Erzeugen von Serienbriefen oder Diagrammen. Im übrigen gelang es dem Autor bisher nicht, Rekall zur Verwendung eines deutschen Formats für Datumsfelder zu überreden.

Knoda

Jenseits des großen Hypes um Linux-Office-Pakete und Linux-Startups entwickelte Horst Knorr das Paket Knoda [4] ("Knorr's Datenbank"). Das KDE-Programm läuft offiziell auf Linux und FreeBSD, inoffiziell aber sicher auch auf anderen Unix-Derivaten. Knoda kommt mit den DBMS MySQL, PostgreSQL, Firebird, ODBC, SQLite und dBase zurecht; daneben kann es Access- und Paradox-Datenbanken lesen. Die Zugriff nimmt es über eine eigene Treiberschicht (hk-classes) vor, die auch als Bibliothek verfügbar ist.

Knoda bietet alle für diese Anwendungsklasse üblichen Fähigkeiten: Es lassen sich Tabellen anlegen (Abbildung 4), Daten bearbeiten und Abfragen erstellen (Abbildung 5). Dabei beschränkt sich Knoda auf eigene Datentypen, die es dann intern in vom Datenbankserver unterstützte Typen umwandelt. Das fördert zwar die Unabhängigkeit vom DBMS, schränkt den Benutzer aber in gewissem Sinn ein. Daneben kann Knoda auch Formulare und Berichte erstellen, wenn auch ohne Assistent. Als Skriptsprache steht Python zur Verfügung.

Abbildung 4: Der Dialog zum Anlegen von Tabellen in Knoda ist gewöhnungsbedürftig und fehleranfällig.
Abbildung 5: Der Editor zum Erstellen von Abfragen in Knoda erinnert sehr an das von Microsoft Access bekannte Muster.

Eine Besonderheit von Knoda: Es speichert die erstellten Datenbankanwendungen implizit und automatisch im Verzeichnis ~/.hk_classes/ macht. Dieses ungewöhnliche Konzept erschwert den Austausch oder den Versand der erstellten Datenbanken. Dafür arbeitet Knoda auch auf Datenbanken, die nicht mit dem Programm angelegt oder gewartet worden sind, und kann deren Tabellen einfach im Abfrageneditor verwenden. Insofern stellt Knoda ein wirkliches Datenbank-Frontend dar, weniger eine eigene Applikationsplattform.

Trotz der verwendeten KDE-Technologie fehlt Knoda die Anbindung an Office-Anwendungen zum Weiterverwenden der Daten. Die Datenbanktreiber erweisen sich zum Teil als unausgereift. So weigert sich Knoda beim Verwenden von PostgreSQL, die Typen einmal angelegter Spalten zu ändern, obwohl aktuelle Versionen von PostgreSQL dies sehr wohl beherrschen. Auch an anderen Stellen des Programms fallen Instabilitäten und mangelnde Robustheit gegenüber ausgefallenen Benutzungsversuchen auf. Letzten Endes bleibt fraglich, ob ein Ein-Mann-"Team" eine derartige Anwendung langfristig effektiv warten kann.

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