Verschwörungstheorie?

Liebe Leserinnen und Leser,

Linux scheint jetzt endgültig beim Consumer anzukommen: Ende April bot der Discounter Real einen Desktop-PC von Medion mit vorinstalliertem Linspire-Linux [1] für 299 Euro an. Allerdings galt das Angebot nur für die Filialen in den neuen Ländern und wurde ausschließlich lokal in Prospekten beworben – für eine bundesweite Offerte brachte Real offenbar nicht genügend Mut auf. Mit der Aktion wolle man erst einmal die Resonanz der Kunden auf Rechner mit einem alternativen Betriebssystem prüfen, ließ Real verlauten. Bei Drucklegung dieses Hefts war leider noch keine Auswertung der Aktion verfügbar. Sie wäre schon deshalb recht aufschlußreich, weil Real zeitgleich identische Hardware auch mit Windows XP Home offerierte – allerdings für 100 Euro mehr.

Bei Linspire handelt es sich übrigens um jenen Distributor, der für sein eigenes (auf Debian basierendes) Produkt das so genannte Click-N-Run-Warehouse (CNR) anbietet. Von dort kann der geneigte Benutzer gegen einen jährlichen Obulus von 19,95 US-Dollar per annum Software-Updates für sein Linspire-System auf Mausklick installieren. Auch kommerzielle Produkte wie Cedega, Staroffice oder Win4lin gibt es dort gegen ein Extra-Scherflein zu kaufen. Dieses Angebot möchte Linspire jetzt auf Ubuntu ausdehnen [2]. Die Anwender scheint es zu freuen: Laut einer Umfrage auf http://Ubuntuforums.org zeigt sich etwa die Hälfte von der Offerte sehr angetan.

Zum neuen Kurs bei Ubuntu würde das bestens passen: Gerade hat man dort den verprochenen "zuverlässigen" Update-Rhythmus von sechs Monaten durchbrochen und verschiebt nun die eigentlich für April fällige Release von "Dapper Drake" auf Juni. Der Grund: Die kommende Ubuntu-Version 6.06 erhält erstmals fünf Jahre Support, um sie auch für Firmen und Betreiber von Servern interessant zu machen. Für diese eindeutig kommerzielle Stoßrichtung will man das System noch kräftig aufpolieren und nach LSB [3] zertifizieren.

Auch hier tritt also ein, was man von den Großen wie Red Hat und Suse bereits kennt: Zugunsten der Arbeit an den Server-Versionen der Software bleibt der Desktop-Anwender auf der Strecke. So war es bei Fedora Core 5, das mit kräftiger Verspätung erst Mitte März erschien (siehe Test auf S. 84). So ist es bei Suse/Novell, die das Release des "Sorgenkinds Suse 10.1" (siehe Preview im letzten Heft) jetzt noch einmal auf den 25. April herausgeschoben haben. Auch bei Ubuntu wird man sich daran jetzt wohl gewöhnen müssen.

Möglicherweise sieht der Linux-Desktop der Zukunft aber auch ganz anders aus, als wir glauben. Der jüngst bei Mandriva geschasste Firmengründer Gaël Duval arbeitet bereits an seinem nächsten Open-Source-Projekt namens Ulteo. Bei dem noch sehr geheimnisvollen Projekt soll es sich um ein "völlig neues Konzept" für einen kinderleicht zu bedienenden Desktop handeln. Im Ulteo-Formum darf bereits kräftig geraten werden [4], wie es wohl aussehen mag. Mein Tipp: Eine Debian-basierte Live-CD, von der aus man übers Web AJAX-Anwendungen [5] von einem Server startet.

Und da schließt sich wieder der Kreis zu Linspire: Dessen Gründer Michael Robertson hat sich vor einem halben Jahr in der Firma ausgeklinkt und bastelt gerade an einer AJAX-basierten Bürosuite [6], deren erste Teile man schon testen kann. Wem fiele da nicht der Begriff Pay-per-use ein – Microsoft hat darüber ja auch schon mal laut nachgedacht …

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

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