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Wnimanje Towarischtsch!

Mission Sowjet-Unterzögersdorf

01.05.2006 Spielen unter Linux bietet selten so viel Unterhaltungswert wie im Grafik-Adventure "Sowjet-Unterzögersdorf". Das Projekt der Künstlergruppe Monochrom verwischt die Grenzen zwischen Kunst und Spiel, Fiction und Faction.

Ein Tusch: Die Eröffnungsmusik erinnert für einige Augenblicke an Star Wars, beginnt dann aber fürchterlich zu leiern und entpuppt sich schließlich als Gesang eines russischen Männerchores. Statt futuristischer Sternenkreuzer zeigt das dazugehörige Bild nur eine triste, verregnete Landstraße, an der Seite ein Verbotsschild mit einem Dollarzeichen in der Mitte (Abbildung 1): Willkommen in Sowjet-Unterzögersdorf [1]. Die sowjetische Teilrepublik liegt mitten in Österreich, als letzte Bastion des Sozialismus hält sie aber keinen diplomatischen Kontakt zum umliegenden kapitalistischen Ausland.

Abbildung 1

Abbildung 1: Papiere bereithalten: Der Weg nach Sowjet-Unterzögersdorf präsentiert sich unangenehm nass-grau, Dollars sind in der sowjetischen Enklave verboten.

Nein, natürlich existiert Sowjet-Unterzögersdorf (kurz "Suzoeg") nicht wirklich. Die Enklave ist eine Fiktion – genauer ein Grafik-Adventure – der österreichischen Künstlergruppe Monochrom [2] um Johannes Grenzfurthner und Franky Ablinger. Schon die Grafik des freien Adventures weckt, mit den Fotohintergründen und den ausgeschnitten wirkenden Figuren, nostalgische Erinnerungen an Sierras Abenteuerspiele aus den 90er Jahren. Das ist so gewollt, kommentiert Programmierer Ralf Traunsteiner das Spiel. In einem Interview erläutert er nicht nur die technische Entstehungsgeschichte von Suzoeg (siehe Kasten "Interview mit Ralf Traunsteiner"), sondern spricht auch über die zwei noch ausstehenden Teile des Spiels.

Die Gruppe Monochrom stellt Geschichtsmodelle in Frage, indem sie mit Geschichte spielt. Sie konstruiert falsche Erinnerungen, vermischt Fiktionen mit realen Begebenheiten: Tatsächlich existierte in Österreich zwischen 1945 und 1955 eine sowjetische Besatzungszone, auch die Referenzen im Spiel verweisen zum Beispiel auf reale Musikgruppen und -zeitschriften. Der Humor entzündet sich an der Differenz zwischen der Symbolwelt des Kalten Kriegs und der real existierenden Tristesse von Sowjet-Unterzögersdorf, aber auch an der Konfrontation von östlicher Bürokratie und westlicher Nischenkultur, verkörpert durch die Heavy-Metal-Szene der 80er Jahre (Abbildung 2). Die Atmosphäre lebt vor allem von fotografischen Details, der Begleitmusik und den originellen, in russischer Sprache vorgetragenen Dialogen.

Abbildung 2

Abbildung 2: Das war wohl niemand aus Suzoeg. Ratlos steht Genosse Gomulka vor dem seltsamen Graffiti auf seinem Hof. Wer hat das angeordnet?

Interview mit Ralf Traunsteiner

LinuxUser: Aus welchem Grund und mit wem zusammen hast du die Linux-Version des Spiels entwickelt? Welche Engine / Entwicklungsumgebung hast du genutzt und warum?

Ralf Traunsteiner: Ivan Averintsev und ich sind das technische Kern-Team von Suzoeg. Obwohl wir beide beruflich und privat ausschließlich unter Linux und mit FOSS (Free and Open Source Software; Anm. d. Red.) arbeiten, war es für uns von Anfang an wichtig, möglichst Cross-Plattform-kompatibel zu sein. Das Problem war weniger, ob das Spiel unter Linux funktioniert, als vielmehr eine Engine zu finden, die auch auf Windows und OS X möglichst reibungslos läuft.

Wir haben uns dann für das Adventure Game Studio [3] (AGS) entschieden, weil es eine sehr aktive Community hat und bereits Versionen der Engine für Linux und OS X existierten. Leider – und das ist das größte Manko der Engine – handelt es sich um Closed Source. Zumindest ist die Lizenzpolitik von AGS für Spieleentwickler sehr entgegenkommend, weil nachträgliche Lizenzänderungen bereits bestehende Games nicht beeinflussen. Wir haben uns zudem dafür entschieden, die Inhalte, also auch das gesamte Artwork und Teile des Soundtracks, unter die Creative-Commons-License zu stellen.

LU: Es soll noch einen zweiten und dritten Teil geben. Ist da schon ein Termin zur Veröffentlichung absehbar?

R.T.: Im Moment arbeiten wir gerade noch an der Story. Es wird im zweiten Teil zwei spielbare Charaktere geben, eine größere Spielwelt und noch mehr absurde Maschinen. Es gibt also noch einiges zu tun. Da wir grundsätzlich versuchen, finanziell möglichst unabhängig und ohne Druck zu arbeiten, ist ein konkreter Veröffentlichungstermin noch nicht wirklich abzusehen. Wir peilen vorerst das dritte Quartal diesen Jahres an, das Spiel wird natürlich auch wieder frei zum Download erhältlich sein.

LU: Spenden hilft, aber würdest du auch Hilfe in Form von Entwicklungshilfe aus der OS-Community annehmen? Und wenn nicht, warum nicht?

R.T: Wir haben bereits einige Angebote von Leuten erhalten, die uns beim coden helfen wollen. Was viele nicht wissen: Der Programmieraufwand selbst ist sehr gering, da die Engine ja bereits existiert. Hauptsächlich nehmen Event Scripting, das Erstellen von Animationen und vor allem grafische Arbeiten Zeit in Anspruch.

Da es uns wichtig ist, das Game optisch und vom "Look and Feel" her möglichst konsistent zu halten, ist es schwierig für uns, solche Sachen aus der Hand zu geben. Vor allem, da bereits einfache Handgriffe wie das Freistellen von Sprites massive Auswirkungen auf die Darstellung und die Ästhetik des Spiels haben.

Ich schließe allerdings nicht aus, eventuell eine eigene Engine zu entwickeln, es gab dazu auch schon Gespräche mit befreundeten Codern. Ziel dabei wäre natürlich, auch die Engine unter eine Open-Source-Lizenz zu stellen.

LinuxUser: Ist Deiner persönlichen Meinung nach Suzoeg eher Kunst oder eher Spiel oder beides? Und wonach beurteilst du das?

R.T: Es existiert ja ein Kanon, dass Computerspiele die neue Kunstform schlechthin sind. Aber diese veraltete kunstgeschichtliche Diskussion interessiert mich nicht sonderlich, da ich Games vorrangig als eine kulturelle und soziale Kommunikationsform sehe. Wir versuchen da sehr reflexiv vorzugehen: Zum Beispiel haben wir das anachronistische Interface des Adventure Games bewusst gewählt, da es wunderbar mit der trostlosen Nostalgia der Welt von Sowjet-Unterzögersdorf korreliert. Ich betrachte das Ganze auch eher als culture hacking, denn als Kunst. Dass es ganz nebenbei noch unterhaltsam ist und Spaß machen soll, versteht sich dabei für mich von selbst.

Einreiseformalitäten

Zum Spielen benötigen Sie zunächst das Archiv suzoeg-s1-v1_0MrX-linux.tar.gz [4] und für eine korrekte Sound-Ausgabe zusätzlich den Midi-Patch midiptch.tar.bz2 [5]. Sie entpacken die Dateien über tar xvfz suzoeg-s1-v1_0MrX-linux.tar.gz beziehungsweise tar xfvj midiptch.tar.bz2, wobei Sie den Midi-Patch in das Spieleverzeichnis ablegen, in dem auch die Suzoeg-Startdateien liegen. Als Nutzer von Debian oder Ubuntu installieren Sie nun per apt-get install libxml1 die XML-Bibliothek nach, für Mandriva 2006 brauchen Sie die Datei libxml1-1.8.17. Verwenden Sie Suse Linux, installieren Sie mit YaST die libxml nach. Die Warnung unter Suse 10.0, libxml sei veraltet, ignorieren Sie einfach.

Bau auf, bau auf!

Nach erfolgreicher Installation wechseln Sie in das Suzoeg-Verzeichnis und geben ./ags-setup ein, um das Spiel einzurichten. Die Graphics Settings wählen Sie abhängig von den Daten Ihres Monitors, geringere Werte empfehlen sich bei Problemen mit der Grafik. Über Run in a window instead of full-screen lassen Sie das Adventure in einem Fenster laufen.

Im Bereich Sound Options versucht Suzoeg zunächst über die Option Autodetect das Sound-System automatisch zu konfigurieren. Nur wenn das nicht klappt, passen Sie diese Werte manuell an. Überprüfen Sie in diesem Fall aber zunächst, ob sich der Midi-Patch am richtigen Ort befindet. Im Bereich Language heißt die Standardeinstellung Game Default. Es ist auch möglich, dem Spiel englische Untertitel zu verpassen, indem Sie den Eintrag english auswählen. Der Bereich Replay war im Test grau unterlegt, ein Replay ist also vermutlich (noch) nicht möglich.

Arbeiten Sie mit einem älteren Rechner, hilft es möglicherweise, im Bereich Advanced die RAM-Anforderungen nach unten zu schrauben, um so Ressourcen zu schonen – in aller Regel passt jedoch die Voreinstellung von 20 MByte. Speichern Sie abschließend die Einstellungen und starten Sie das Adventure, indem Sie in das Suzoeg-Verzeichnis wechseln und ./ags eingeben.

Auf sowjetischem Boden

Im bereits erwähnten Vorspann starten Sie ein Neues Spiel oder laden gespeicherte Spielstände (Abbildung 1). Das Intro informiert Sie zunächst – natürlich in russischer Sprache, aber mit deutschen Untertiteln – über die politische und ökonomische Lage in der russischen Enklave. Den Text überspringen Sie auf Wunsch, indem Sie [Space] drücken. Sie sehen anschließend den anfangs erwähnten, heruntergekommenen Bauernhof.

Ihre Spielfigur, Genosse Gomulka, erscheint in voller Pixel-Montur auf dem Hof (Abbildung 3) und stellt fest, das der an diesem Morgen besonders stark verschmutzt ist. Sie steuern den Genossen nun mit Hilfe der Maus durch den ersten Teil des Abenteuers. Damit Genosse Gomulka zu einem der Müllhaufen läuft, klicken Sie mit der linken Maustaste auf den Haufen. Nach einem Klick mit der rechten Maustaste auf den Müll verwandelt sich der Cursor in ein Auge: Schieben Sie die Maus nun über ein beliebiges Objekt, so erscheint ein kleiner Text, der beschreibt, um was für ein Objekt es sich handelt. Drücken Sie die linke Maustaste, betrachtet Genosse Gomulka das Objekt aus der Nähe und fasst dann die Erkenntnisse seiner Inspektion zusammen: "Oje, Dreck am Boden, wie unschön."

Abbildung 3

Abbildung 3: Genosse Gomulka besichtigt sein Refugium: Was ist bloß auf dem Hof passiert? Überall liegen Müllhaufen herum, nun ist Reinemachen angesagt.

Klicken Sie zweimal mit der rechten Maustaste auf den Dreck, verwandelt sich der Cursor zu einer Hand, beim Linksklick bückt sich der Genosse und hebt den Müllhaufen auf. Er gehört nun zu seinem Inventar. Sie begutachten das Inventar, indem Sie die Maus an den oberen Rand des Bildschirms schieben und auf den Koffer klicken, der mitsamt seinem Inhalt auf der Bildfläche erscheint (Abbildung 4). So gehen Sie mit dem Koffer um: Über das Augen-Symbol unten links nehmen Sie die Gegenstände im Koffer genauer in Augenschein.

Abbildung 4

Abbildung 4: Das gesammelte Inventar des Genossen Gomulka. Über das Auge-Symbol betrachten Sie die Gegenstände im Koffer genauer, über die Hand benutzen Sie diese.

Nach einem Klick auf die Hand färbt sich der rote Cursor grün und Sie entnehmen dem Koffer einen Gegenstand. Probieren Sie das mit dem Müllhaufen: Anstelle des Cursors schwebt dann der Müll in der Luft. Sie bewegen ihn über die Mülltonne rechts neben der Tür und werfen ihn mit einem Linksklick in die Tonne hinein. Generell wenden Sie so einen Gegenstand auf einen anderen an, etwa einen Schlüssel auf eine Tür, ein Stein auf ein Fenster oder ähnliches. Mit einem Rechtsklick packen Sie den Gegenstand zurück in den Koffer.

Auch aufschlussreiche Gespräche mit anderen Charakteren erlaubt Suzoeg. Nach drei Klicks mit der rechten Maustaste verwandelt sich der Cursor in einen sprechenden Mund. Nach einem weiteren Klick mit der linken Maustaste auf eine Person redet Genosse Gomulka mit dieser. Diese Aktionen erreichen Sie übrigens auch über das Menü am oberen Bildschirmrand (Abbildung 5). Dort finden Sie zudem zwei Disketten – eine mit einem grünen, eine mit einem roten Pfeil – über die Sie das Spiel laden beziehungsweise speichern. Mit Hilfe der Lenin-Statuen ganz rechts und ganz links verlassen Sie das Abenteuer oder holen, wie es im Jargon des Spiels heißt, eine Ausreisegenehmigung ein.

Abbildung 5

Abbildung 5: Alle nötigen Befehle für das Adventure erreichen Sie auch über ein Menü im oberen Bereich des Bildschirms, indem Sie einfach die Maus dorthin schieben.

Sollten Sie noch nie ein Adventure gespielt haben: Im wesentlichen geht es darum, Aufgaben zu bewältigen, Schlüssel für verschlossene Türen zu finden oder Fragen zu lösen, die sich im Laufe des Spiels ergeben. Das ist in Suzoeg – abgesehen vom absurden Ambiente – nicht anders. Tatsächlich kommt beim Lösen der oft merkwürdigen Rätsel mit ebenso obskuren Mitteln ein ziemlicher Spielspaß auf. Leider ist das Spiel viel zu früh beendet – da bleibt wohl nichts anderes, als gespannt auf die Fortsetzungen zu warten.

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