Preis der Freiheit?

01.04.2006

Liebe Leserinnen und Leser,

dass die Computerwelt nicht nur aus freier Software besteht, macht sich für den Linux-Anwender stets dann unliebsam bemerkbar, wenn der Erwerb eines neuen Stücks Hardware ansteht. Wird der Drucker lesbares ausspucken, der ISDN-Terminaladapter den Zugang ins Netz freimachen, die Grafikkarte auch 3D-Beschleunigung unterstützen? Alles eine Frage der Treiber – und da ist man froh, falls der Hersteller überhaupt Support für Linux bietet. Unter welcher Lizenz der Treiber steht, scheint da erst einmal zweitrangig. Hauptsache, es läuft.

Wie eine Bombe schlug deshalb Anfang Februar die Ankündigung [1] des hierzulande marktführenden ISDN-Apdapter-Anbieters AVM ein, künftig seine USB-Treiber-Entwicklung für das freie Betriebssystem unter Umständen komplett zu stoppen. Dabei hatten gerade die Berliner ISDN-Spezialisten seit Jahren für alle ihre Produkte hochwertige Linux-Treiber sowie volle Support-Leistungen und Produktpflege angeboten. Warum also der plötzliche Schwenk?

Die Ursache war eine Änderung im USB-Subsystem des Linux-Kernel, die Mitte Januar in den offiziellen Kernel-Tree eingeflossen war. Der Patch hatte zur Folge, dass sich nur noch solche Kernel-Module laden ließen, die unter der GPL stehen. AVMs Treiber aber sind Closed Source – und waren damit aus dem Spiel. Zumindest vorläufig, denn schon bald wurde die Änderung zurückgenommen [2], und proprietäre Treiber in Modulform lassen sich nun wieder in die neusten Kernel laden. Problem erledigt?

Keineswegs – denn die Kernel-Entwickler drängen immer vehementer darauf, proprietäre Treibermodule ein für allemal aus Linux zu verbannen. Nicht nur, dass solche Closed-Source-Komponenten im Kernelspace die Wartung des Betriebssystemkerns erschweren, weil sich mangels offengelegten Quellcodes Fehler nur sehr schwer oder gar nicht eingrenzen lassen. Viel schlimmer: Die proprietären Module verletzen eindeutig die GPL, stimmen die Entwickler überein, und sind damit schlicht illegal. Mit dieser Meinung stehen sie nicht ganz alleine, wie Anfang Februar ein spektakulärer Schritt von Novell bewies: Das Unternehmen gab bekannt, dass es aus allen künftigen Suse-Produkten von OpenSuse bis zum Enterprise Server sämtliche nicht der GPL unterliegenden Kernelmodule entfernen werde [3]. Das heißt: nicht nur keine AVM-Treiber mehr, sondern auch keine 3D-Treiber für Grafikkarten, etc. pp.

Zwar mag auch Novell/Suse die Suppe nicht so heiß essen, wie die Kernel-Entwickler sie kochen: Auch in den künftigen Suse-Produkten werde man nicht GPL-konforme Treibermodule laden können, versicherte mir Holger Dyroff, Novells Vice President für Suse-Linux-Produkte, in einem Gespräch zum Thema. Mittelfristig führe aber kein Weg um die Ablösung aller proprietären Kernelspace-Treiber herum. Man arbeite mit Herstellern wie AVM, NVidia und ATI an einem Lösungsansatz, bei dem proprietäre Code-Teile in die Firmware oder den Userspace verlagert werden sollen; alle anderen Treiberbestandteile müssten offengelegt werden. Als Zwischenlösung, so Dyroff, unterstütze Novell die Anbieter bei der Erstellung einfach und komfortabel einzubindender Treiber-CDs für die momentan verfügbare Geräte-Software.

So weit, so schlecht. Zwar müssen wir wohl nicht befürchten, mit dem nächsten Distributions-Upgrade nur noch rudimentärste Hardware-Unterstützung zu bekommen. Das momentane Treiber-Verwirrspiel und das kalte Abservieren eines Herstellers wie AVM, der jahrelang konsequenten Linux-Support geboten hat, fördert aber sicher nicht die Attraktivität der Linux-Treiberentwicklung für die Industrie. Gerade kleinere Anbieter werden es sich jetzt zweimal überlegen, ob es sich für sie rechnet, Entwickler-Ressourcen in Linux-Support zu investieren.

In dem Kontext kommt mir unwillkürlich ein anderes Betriebssystem in den Sinn, das ebenfalls einmal von einer starken Minderheit ob seiner innovativen Technik sehr geschätzt wurde, aber letztlich dennoch der Tatsache zum Opfer fiel, dass es sich nur auf einer sehr eng umgrenzten Hardware-Basis zum Laufen bringen ließ: IBM OS/2 [4]. Hoffen wir, dass dem Linux-Desktop ein ähnliches Schicksal erspart bleibt.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

Infos

[1] Sven Schmidt, "2.6.16 serious consequences …", http://lkml.org/lkml/2006/2/3/143

[2] Greg Kroah-Hartman, "[patch 01/03] add EXPORT_SYMBOL_GPL_FUTURE()", http://lkml.org/lkml/2006/2/8/273

[3] Andreas Jaeger, "[opensuse-announce] SUSE Linux 10.1 Update", http://lists.opensuse.org/archive/opensuse-announce/2006-Feb/0004.html

[4] IBM OS/2: http://de.wikipedia.org/wiki/OS/2

LinuxCommunity kaufen

Einzelne Ausgabe
 
Abonnements
 
Kommentare

Infos zur Publikation

LU 01/2015: E-Books im Griff

Digitale Ausgabe: Preis € 4,95
(inkl. 19% MwSt.)

Mit der Zeitschrift LinuxUser sind Sie als Power-User, Shell-Guru oder Administrator im kleinen Unternehmen monatlich auf dem aktuelle Stand in Sachen Linux und Open Source.

Sie sind sich nicht sicher, ob die Themen Ihnen liegen? Im Probeabo erhalten Sie drei Ausgaben zum reduzierten Preis. Einzelhefte, Abonnements sowie digitale Ausgaben erwerben Sie ganz einfach in unserem Online-Shop.

NEU: DIGITALE AUSGABEN FÜR TABLET & SMARTPHONE

HINWEIS ZU PAYPAL: Die Zahlung ist auch ohne eigenes Paypal-Konto ganz einfach per Kreditkarte oder Lastschrift möglich!       

Tipp der Woche

Ubuntu 14.10 und VirtualBox
Ubuntu 14.10 und VirtualBox
Tim Schürmann, 08.11.2014 18:45, 0 Kommentare

Wer Ubuntu 14.10 in einer virtuellen Maschine unter VirtualBox startet, der landet unter Umständen in einem Fenster mit Grafikmüll. Zu einem korrekt ...

Aktuelle Fragen

ICEauthority
Thomas Mann, 17.12.2014 14:49, 2 Antworten
Fehlermeldung beim Start von Linux Mint: Could not update ICEauthority file / home/user/.ICEauth...
Linux einrichten
Sigrid Bölke, 10.12.2014 10:46, 5 Antworten
Hallo, liebe Community, bin hier ganz neu,also entschuldigt,wenn ich hier falsch bin. Mein Prob...
Externe USB-Festplatte mit Ext4 formatiert, USB-Stick wird nicht mehr eingebunden
Wimpy *, 02.12.2014 16:31, 0 Antworten
Hallo, ich habe die externe USB-FP, die nur für Daten-Backup benutzt wird, mit dem YaST-Partition...
Steuern mit Linux
Siegfried Markner, 01.12.2014 11:56, 2 Antworten
Welches Linux eignet sich am besten für Steuerungen.
Nach Ubdates alles weg ...
Maria Hänel, 15.11.2014 17:23, 5 Antworten
Ich brauche dringen eure Hilfe . Ich habe am wochenende ein paar Ubdates durch mein Notebook von...