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Matt oder Remis?

Schachprogramm Shredder für Linux

01.03.2006 Weltmeisterliches Schach am Computer – mit diesem Versprechen tritt Shredder 9 jetzt auch unter Linux an. Die Redaktion einige Partien gewagt.

Bits und Bytes sind aus der Welt des Schachs nicht mehr wegzudenken: Monströse Großrechner trotzen selbst Großmeistern problemlos ein Remis ab, und Weltmeister wie Gary Kasparow erledigen Ihre "Hausaufgaben" am Schachcomputer.

Wer jedoch unter Linux bislang eine Partie Schach wagen wollte, für den gab es – im Vergleich zu den Windows-Pendants – leider nur recht eingeschränkte Möglichkeiten, und es setzte meist einiges an technischem Vorwissen für die Konfiguration mitzubringen (Kasten "Linux und Schach").

Linux und Schach

Zwar gibt es für Linux etliche reine Schach-Engines (Kasten "Schach-Engines und GUIs") – allen voran das wohl spielstärkste Open-Source-Programm Crafty [2] des amerikanischen Professors Dr. Robert Hyatt. In den zahlreichen Weltranglisten für Schachprogramme taucht es aber meist weit hinter der kommerziellen Konkurenz, immerhin jedoch noch unter den ersten 40 auf.

Die anderen Engines sind zwar nett, um einmal ein schnelles Spiel zu wagen. Für einen ernsthaften Schachliebhaber oder gar Turnierspieler kommen Sie aber aufgrund der schlechten Analysemöglichkeiten kaum in Frage.

Noch düsterer sieht es auf dem Gebiet der grafischen Benutzerschnittstellen (GUIs) aus. Die meisten Oberflächen sind in ihren Funktionen derart eingeschränkt, dass sie lediglich als visuelles Schachbrett dienen, um keine Blindpartie gegen den Rechner zu wagen.

Lediglich die Schachdatenbank Scid [3] ragt hier positiv heraus: Mit ihrer enormen Funktionsvielfalt stellt sie eine Alternative zu den kommerziellen Windows-Konkurrenten dar. Allerdings ermöglicht sie keine Partien unter Turnierbedingungen, weil eine Zeitkontrolle fehlt. Das KDE-Programm Knights und einige andere Oberflächen bringen diese Möglichkeit zwar mit, verzichten aber dabei aber völlig auf Analysefunktionen und Datenbanken.

Erwähnenswert noch das vielversprechende Java-Programm José Chess [4], das über die Möglichkeit zum Einbinden von Eröffnungsbüchern verfügt. José Chess stellt zur Zeit den vielversprechendsten Ausblick auf kommende Open-Source-Schach-GUIs dar.

Schach-Engines und GUIs

Die Schach-Engine stellt das Herzstück jedes Schachprogramms dar. In ihr steckt die reine Spielintelligenz. Um eine solche Engine vernünftig zu steuern, hilft eine GUI, die unter anderem das Schachbrett grafisch darstellt, um das Spielgeschehen zu visualisieren. Zu den bekannten Engines für Linux zählen Crafty, Phalanx, Gnuchess sowie ältere Versionen von Sjeng und Fruit. Als GUIs kommen unter Linux meist Knights, Xboard, José Chess oder Scid zum Einsatz.

Zum Einbinden der Engines in die grafische Oberfläche stehen zwei verschiedene Protokolle zur Auswahl: Das WinBoard-kompatible Protokoll und das Universal Chess Interface UCI – letzters stammt vom Shredder-Entwickler Stefan Meyer-Kahlen. Die meisten Engines und GUIs aus dem Open-Source-Bereich unterstützen lediglich das WinBoard-kompatible Protokoll. Neuere GUIs wie José Chess arbeiten dagegen mit beiden Protokollen zusammen. Um auch UCI-Engines in WinBoard-kompatible GUIs einzubinden, gibt es die Schnittstelle Polyglot [5].

Shredder mal drei

Um diese Hintergründe wissend, hat sich Schach-Engine-Progammierer Stefan Meyer-Kahlen aufgemacht, mit seinem kommerziellen Schachprogramm Shredder 9 inklusive der hauseigenen Oberfläche Shredder Classic die Linux- und Mac-OS-X-Welt zu erobern. Unter Windows gilt die Engine Shredder 9 UCI durch ihre zehn Computerschach-Weltmeistertitel als unbestrittene Referenz und Anführer der bedeutenden Weltranglisten. Die Benutzerschnittstelle Shredder Classic handeln professionelle Schachliebhaber als eine der übersichtlichsten und sinnvollsten auf dem Markt.

Seit Anfang Oktober verkauft der Entwickler auf seiner Homepage [1] die Gegenstücke für Linux und Mac OS X. Shredder steht in drei verschiedenen Versionen zur Verfügung: Die Einstiegsvariante Shredder Classic Linux kostet 29,95 Euro und beinhaltet die langsamer rechnende Engine Shredder Classic. Für die Shredder-9-Engine fallen 49,95 Euro an; auf SMP- oder Multicore-Rechnern sorgt Deep Shredder 9 Linux noch einmal für einen Leistungsschub.

Alle drei Versionen kommen mit der Benutzeroberfläche Shredder Classic und sind lediglich per Download über die Shredder-Webseite zu beziehen. Boxen mit Datenträgern und Handbüchern finden sich nicht im Angebot.

Stefan Meyer-Kahlen hat die Engine selbst in C geschrieben und direkt für Linux kompiliert. Sie läuft also nativ, arbeitet allerdings laut Hersteller etwas langsamer als ihr Windows-Gegenstück. Das läge an den schlechteren Optimierungen des GCC, so die Auskunft. Bei der Oberfläche setzte der Entwickler auf Java, vermutlich um für die Versionen Shredder 9 Mac und Shredder 9 Linux keinen doppelten Programmieraufwand zu haben.

Shredder 9 einrichten

Nach dem Erwerb erhalten Sie eine Registriernummer und eine Mail mit dem Download-Link für Shredder 9, welches Sie nun als rund vier MByte großen Tarball herunterladen dürfen. Nach dem Entpacken starten Sie das Programm über das beiliegende Startskript Shredder9 – vorausgesetzt, Sie verfügen über eine funktionierende Java-Installation der Version 1.4 oder höher.

Beim ersten Start wählen Sie zunächst die gewünschte Sprache aus. Dann fordert das Setup zu einem Programmneustart auf. Es erscheint eine aufgeräumte, viergeteilte Oberfläche. Sie setzt sich aus einzelnen Fenstern für das Schachbrett, eine Uhr, den Partieverlauf und den Engine-Bereich für die Analyse zusammen (Abbildung 1).

Nach einigen Zügen fällt das recht klebrige Verhalten der Oberfläche auf. Auf den Testsystemen (Athlon XP 1600+; Intel Centrino 1,5 MHz; jeweils 512 MByte RAM) blieb die Oberfläche sehr träge. Ein von Stefan Meyer-Kahlen versprochenes Update Anfang November behob zwar die gröbsten Grafikschnitzer – etwa verschwundene Figuren – der ersten Version zwar beheben, beschleunigte diese aber nicht wesentlich.

Abbildung 1: Die Shredder-Oberfläche kombiniert Spielbrett, Uhr, Partieprotokoll und Engine-Steuerung in einer Oberfläche.

TIPP

Das Brett in Abbildung 1 stellt ein bekanntes Matt-Problem dar: Schwarz will seine weit vorgerückten Bauern verwandeln, um Weiß zur Aufgabe zu zwingen. Weiß ist am Zug. Schaffen Sie es, die knifflige Aufgabe zu lösen?

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Infos zum Autor

Mirko Albrecht

Mirko Albrecht schreibt seit Ende 2004 regelmäßig Beiträge für die Zeitschriften LinuxUser und EasyLinux. Wenn er nicht gerade eine neue Distribution ausprobiert, spielt er gern Schach oder fotografiert die Welt.
Seine Rechner werden meist von Xubuntu oder Opensuse bevölkert.


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