Teufel vs. Beelzebub

01.02.2006

Liebe Leserinnen und Leser,

wer sich mit Multimedia beschäftigt, der wird zunehmend von den Anbietern gegängelt. Gerade für Linux-Anwender ist das nichts Neues: Wer Video-DVDs auf seinem PC abspielen möchte, muss sich den juristisch umstrittenen Descrambler DeCSS aus obskuren Quellen besorgen. Wer MP3-Dateien am Rechner hören will, muss die passenden Decoder selbst nachinstallieren, weil sich die Distributoren nicht mehr trauen, diese mitzuliefern.

Mit DRM geht das Drama in eine neue Runde. Das Kürzel steht für Digital Rights Management, sollte aber ehrlicher Digital Restrictions Management heißen. Um nichts anderes geht es nämlich: Technische Maßnahmen proprietärer Natur, welche die Nutzungsmöglichkeiten von Anwendern im Umgang mit digitalen Medien einschränken sollen. Am bekanntesten sind "Windows Media DRM" von Microsoft und "iTunes" von Apple.

Als Anwender kommt man am ehesten mit dem Microsoft-DRM in Berührung. So auch ein Leser, der uns nach einem Besuch bei http://musicdownload.de eine E-Mail schrieb (im Original auf S. 9 nachzulesen): Er habe ein paar Musikstücke herunterladen wollen – aber das funktioniere mal wieder nur mit Windows, ärgerte er sich. Gegen das Bezahlen der Musik spreche ja nichts, aber er sei reiner Linux-Anwender. Ob es denn keine DRM-Lösungen für Linux gebe?

Der Wunsch, einfach ein paar gute Musikstücke irgendwo herunterzuladen – gern auch gegen Entgelt – und auf dem PC anzuhören, ist durchaus nachvollziehbar. Viele würden sich wohl auch unter Linux DRM-Software installieren, um ihm nachkommen zu können. Auch die Entwickler fühlen den Leidensdruck und arbeiten bereits an DRM-Modulen für das GStreamer-Framework. Aber brauchen wir überhaupt DRM für Linux? Diese auf den ersten Blick harmlos erscheinende Frage sollte sich jeder selbst stellen – und erst nach reiflichem Überlegen seine Antwort darauf formulieren.

Linux steht schließlich für die Prinzipien Freiheit und Offenheit – bei DRM dreht es sich um das genaue Gegenteil: Mit möglichst undurchsichtigen Verfahren soll man an der freien Nutzung von gegen Entgelt erworbenen Inhalten gehindert werden. Stattdessen versucht die Industrie mit ihren DRM-Methoden eine künstliche Bindung an bestimmte Software- und Content-Anbieter zu schaffen. Dabei verschanzt man sich gerne hinter der angeblichen Notwendigkeit eines "Kopierschutzes", um den Kunstschaffenden das ihnen zustehende Entgelt bieten zu können.

Was mit DRM wirklich gemeint ist, und welche Rechte sich die Industrie dabei anmaßt, hat Sony unlängst mit seinem berüchtigten Kopierschutz "XCP" für Musik-CDs demonstriert: Ohne Wissen und Zustimmung des Anwenders installierte der ein Rootkit auf dem (Windows-)Rechner, um das Digital Rights Management abzuwickeln. Gipfel der Unverschämtheit: Sonys Kopierschutz nutzt auch noch Code aus Programmen, die der GPL respektive LGPL unterliegen – Open-Source-Code also. Absurder geht es wohl kaum noch.

DRM widerspricht nicht nur komplett der Philosophie hinter Linux. Es ist auch deswegen widersinnig, weil es die Unschuldsvermutung auf den Kopf stellt. Laufe ich den ganzen Tag in Handschellen herum, nur weil es in Deutschland 60 000 einsitzende Straftäter gibt? Meine digitalen (und auch sonstigen) Rechte braucht niemand zu managen – das besorge ich schon selbst. Ein Open-Source-DRM triebe lediglich den Teufel mit Beelzebub aus – und würde der Medienindustrie auch noch eine Gratis-Quelle für den DRM-Code liefern, mit dem diese mich zu gängeln gedenkt. DRM für Linux? Nein, danke.

LinuxCommunity kaufen

Einzelne Ausgabe
 
Abonnements
 
TABLET & SMARTPHONE APPS
Bald erhältlich
Get it on Google Play

Deutschland

Ähnliche Artikel

Kommentare

Infos zur Publikation

LU 02/2016: Alt-PCs flott machen

Digitale Ausgabe: Preis € 4,95
(inkl. 19% MwSt.)

Mit der Zeitschrift LinuxUser sind Sie als Power-User, Shell-Guru oder Administrator im kleinen Unternehmen monatlich auf dem aktuelle Stand in Sachen Linux und Open Source.

Sie sind sich nicht sicher, ob die Themen Ihnen liegen? Im Probeabo erhalten Sie drei Ausgaben zum reduzierten Preis. Einzelhefte, Abonnements sowie digitale Ausgaben erwerben Sie ganz einfach in unserem Online-Shop.

NEU: DIGITALE AUSGABEN FÜR TABLET & SMARTPHONE

HINWEIS ZU PAYPAL: Die Zahlung ist auch ohne eigenes Paypal-Konto ganz einfach per Kreditkarte oder Lastschrift möglich!       

Der Tipp der Woche

Schon gewußt?

14.11.2015

Auch unter Ubuntu 15.10 kann man wieder mit dem Startmedienersteller (alias Startup Disk Creator) ein Live-System auf einem USB-Stick einrichten. ...

Fehler des Startmedienerstellers von Ubuntu 15.10 umgehen

Aktuelle Fragen

Leap 42.1 und LibreOffice
Heinz Kolbe, 09.02.2016 21:54, 0 Antworten
Moin moin, auf meinem Notebook habe ich Leap 42.1 und Win 10 installiert. Alles läuft rund nur...
Tails Update
Val Lerie, 11.01.2016 10:51, 0 Antworten
Hallo zusammen, updaten > update Speichern unter > Persistent nicht möglich, mit der Meldung;...
Recoll
Jürgen Heck, 20.12.2015 18:13, 4 Antworten
Wie kann man mit Recoll nach bestimmten Zeichen/Satzzeichen bzw. Zeichenkombinationen suchen, z....
Wings Platinum 4 auf Linux?
Bodo Steguweit, 18.12.2015 11:37, 4 Antworten
Hallo in die Runde ich nutze für meine Diashows Wings Platinum 4 als Diareferent. Arbeite jetzt...
Bandbreite regulieren
Georg Armani, 25.11.2015 16:50, 1 Antworten
Hallo, ich bin ein Neuling in Sachen Linux und hoffe auf Hilfe. Ich habe zwei Windows Rechner...