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Irrungen, Verwirrungen

01.01.2006

Liebe Leserinnen und Leser,

eine Anzeige in der letzten Ausgabe des LinuxUser sorgte für eine mehr als nur leichte Irritation bei vielen von Ihnen – aber auch in der Redaktion. Ein Service-Provider bewarb auf einer Doppelseite seine Hosting-Produkte mit einem recht fragwürdigen Motiv: Zu sehen war eine an einem Laternenmast lehnende, äußerst leicht bekleidete Dame; der zugehörige Slogan lautete: "Wir machen's dir richtig billig!"

Unverzüglich mahnten etliche Leser an, eine derart sexistische und Frauen degradierende Werbung habe in einem Blatt wie LinuxUser nichts verloren. "Das Bild und der Slogan sind unangebracht und hätten die Redaktion nie verlassen dürfen", rügte ein Leser an. Der LinuxUser sei nur für Männer geschrieben, schlußfolgerte eine enttäuschte Leserin – wie die sexistische Werbung zeige, die Frauen zu Sexualobjekten reduziere. "Ich lese lieber anspruchsvolle Lektüre, wo ich als Frau mit Respekt angesprochen und meine Menschenwürde nicht angegriffen wird."

Die herbe Schelte traf die Redaktion zutiefst – zumal unsere Redakteurinnen und Redakteure mit den empörten Lesern völlig einer Meinung über die Qualität der fraglichen Werbung waren und sind. Auf die Gestaltung von Anzeigen jedoch hat die Redaktion keinerlei Einfluss – wie bei jedem anspruchsvollen Presseerzeugnis herrscht bei LinuxUser eine strikte Trennung von Redaktion und Anzeigenbereich. Das bedeutet unter anderem, dass Anzeigen erst in der Druckerei auf den dafür vorgesehenen Stellen im Heft eingebaut werden: Die Redaktion bekommt die Motive also ebenfalls erst mit dem Eintreffen der ersten Vorab-Exemplare des Hefts zu sehen.

Ein Gutes jedenfalls hatte die Affäre auf jeden Fall: Unser (übrigens zu 50 Prozent weiblich besetzter) Verlagsvorstand hat als Konsequenz der Vorfälle beschlossen, Anzeigenmotive in Zukunft genauer zu prüfen, im Falle eines Falles in Rücksprache mit dem jeweiligen Kunden zu treten und notfalls eine Schaltung nicht anzunehmen. Ähnlich zweifelhafte Anzeigenmotive werden Ihnen also künftig in LinuxUser nicht mehr begegnen.

Verwirrung um KDE

Nicht geringe Verwirrung rief auch der bekannte deutsche KDE-Entwickler Kurt Pfeifle hervor, als er in einem Meinungsbeitrag auf der News-Seite LinuxToday [1] Suse/Novell vorwarf, im Zuge einer anstehenden Personalreduzierung nicht nur mit dem Rasenmäher durch die Entwickler-Teams zu gehen, sondern auch KDE zugunsten von Gnome als Standard-Desktop fallen zu lassen. "Warum hat das Novell-Management beschlossen, die gesamte Suse-Desktop- und Workstation-Produktlinie einzustellen? Sind die auf wirtschaftlichen Selbstmord aus?" fragte Pfeifle ein ebeso erstauntes wie entsetztes Publikum.

Kein KDE mehr in Suse Linux? Unter Umständen überhaupt kein Suse mehr? Dieser Gedanke ließ offenbar nicht nur die Suse-Anwender erschauern, von denen nach Schätzungen etwa 80 Prozent den K-Desktop einsetzen. Noch während der erregten Diskussionen um das Vorgehen von Novell kam der nächste Paukenschlag: Hubert Mantel verließ Suse/Novell. Er zählt zur Riege der vier Gründerväter, die Suse 1992 ins Leben riefen. "Ich entschloss mich SUSE/Novell zu verlassen. Es ist nicht mehr länger jene Firma, die ich vor 13 Jahren gegründet habe?, begründete Mantel seinen Schritt in einem E-Mail.

Inmitten eskalierender Diskussionen um Novell und Suse im Allgemeinen sowie KDE und Gnome im besonderen zog Novell die verbale Notbremse: "Novell zieht nicht den Stecker aus dem Desktop.", stellte Novell-Marketing-Chef Greg Mancusi-Ungaro klar. Ja, es gäbe finanzielle Einsparungen, denen jedoch keine Projekte zum Opfer fallen würden. Eines allerdings erwies sich dann doch als wahr: Statt KDE setzt Novell künftig auf Gnome als Standard-Desktop bei allen Produkten. Das bedeute aber nur, dass der GNU-Desktop künftig als Benutzeroberfläche voreingestellt werde, ließ das Unternehmen wissen. KDE ist nach wie vor mit von der Partie und soll auch weiter entwickelt und gepflegt werden.

Verwirrung um Standards

Oft sorgen schlicht Mißverständnisse für Verwirrung, manchmal liegt es auch an mangelnder Klarheit in der Kommunikation. Aber natürlich lässt sich Verwirrung auch gezielt einsetzen, und bestimmte Unternehmen gelten als meisterhafte Vertreter dieser Taktik. Einen entsprechenden Ruf hat insbesondere Microsoft, und in Redmond scheint man dieser Tage entschlossen, die Irritations-Karte ein weiteres Mal auszuspielen.

Offene Dokumentenstandards waren ja bislang kein Thema für Microsoft, das mit den nicht offengelegten Dateiformaten für MS-Office-Anwendungen nur zu gerne die Anwender an sich band. Selbst als der US-Bundesstaat Massachusetts ankündigte, ab 2007 auf seinen 50 000 PCs nur noch offene Dokumentenstandards zu benutzen – insbesondere das XML-basierte Open Document Format der OASIS – blieb Microsoft strikt auf Gegenkurs: Zwar speichere auch das kommende MS Office 12 seine Dokumente als XML, aber eben im hauseigenen Format [2].

Nun hat Microsoft angekündigt, seine Office-Dateiformate zu öffnen und zu einem internationalen Standard zu machen. Dazu will man das Office-12-Dateiformat "Office Open XML" der Standardisierungsorganisation ECMA übergeben und später bei der ISO einreichen. Damit könnte jedermann Applikationen entwickeln, die mit Microsofts Office-Dokumenten umgehen können. Also ein weiterer offener Standard, wie das OASIS-Format?

Weit gefehlt. Noch ist nämlich absolut unklar, unter welchen Lizenzbedingungen man mit Office Open XML wird umgehen dürfen. Bislang sichert Microsoft lediglich zu, es werde niemand patentrechtlich belangen, der in seinen Software-Produkten die Office-Open-XML-Spezifikationen verwendet [3]. Man kann nur hoffen, dass auf diese jüngste Microsoft-Taktik zur Behinderung des Open-Source-Gedankens niemand hereinfällt…

Infos

[1] Pfeifle-Beitrag:http://linuxtoday.com/it_management/2005110401826OPSSNV

[2] Jörg Luther: "Office-Rebellen", LinuxUser 11/2005, S. 3

[3] Microsoft-Covenant: http://www.microsoft.com/office/xml/covenant.mspx

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