Auf Performance getrimmte Linux-Distributionen

Aus LinuxUser 01/2006

Auf Performance getrimmte Linux-Distributionen

© photocase.com

Im Galopp

Die Mainstream-Distributionen sind darauf ausgerichtet, stabil zu funktionieren. Mehr Leistung gibt’s mit experimentellen Linux-Distributionen. LinuxUser stellt zwei davon vor.

Lust auf etwas neues? Wenn Sie Suse & Co bereits in- und auswendig kennen, aber trotzdem nicht auf den Komfort von KDE oder Gnome verzichten möchten, sind Super und Underground Linux genau das richtige für Sie: Schnell und super-experimentell, immer die neueste Software an Bord.

Super installieren

Super [1] und Slick [2] entstanden ursprünglich als separate Projekte. Beide basieren auf Suse Linux OSS und haben das Ziel, Features in Suse Linux einzubauen, die Novell offiziell nicht unterstützt. Da bei den zwei Projekten große Überschneidungen bestanden, entschlossen sich die Entwickler vor kurzem, ihre Energie in ein Projekt zu inverstieren.

Möchten Sie Ihre Suse Linux durch ein Super-Linux ersetzen, laden Sie sich von [3] eines der drei ISO-Images herunter. Das super-openSUSE-final-20051003-standard-minimal.iso beinhaltet nur das Grundsystem ohne grafische Oberfläche. Hinter den beiden Abbilddateien super-openSUSE-final-20051003-standard-kde.iso und super-openSUSE-final-20051003-standard-gnome.iso verstecken sich zwei vollbepackte CD-Images mit KDE oder Gnome als Desktop. Wie Sie ein bereits installiertes Suse in ein Super-Suse verwandeln, lesen Sie im Kasten “Suse beschleunigen”. Die Installation von Super unterscheidet sich nicht grundlegend von einer Suse-Installation. Die Sprachunterstützung für Deutsch ist jedoch nicht optimal und das Keyboard funktioniert durchgehend englisch. Achten Sie also bei Passwörtern und Benutzernamen darauf, dass [Y] und [Z] vertauscht sind.

Zwei Punkte sind uns beim Testen aufgefallen:

  • Super öffnet standardmässig Port 22 für den entfernten Zugang per SSH.
  • Bei Super ist der automatische Login über den K Display Manager standardmässig abgeschaltet.

Nach dem ersten Reboot richtet Super den Prelinker ein. Dieser bewirkt, dass Programme schneller starten. Dazu ändert das Programm sämtliche Binaries und Bibliotheken. Je nach CPU dauert dieser Vorgang bis zu 45 Minuten. Anschließend loggen Sie sich mit Ihrem Benutzernamen unter KDE oder Gnome ein.

Suse beschleunigen

Ist auf Ihrem Rechner bereits ein Suse Linux installiert und Sie möchten dieses mit den Feature von Super bereichern, müssen Sie nicht neu installieren. Starten Sie YaST und wählen Sie das Paket apt zur Installation aus. Anschließend öffnen Sie die Datei /etc/apt/sources.list als Root mit dem Editor Ihrer Wahl und fügen folgende Zeile ein:

rpm http://ftp4.gwdg.de/pub/linux/suse/apt SuSE/10.0-i386 rpmkeys base java update extra ?
suser-jengelh suser-guru suser-jogley suser-agirardet packman packman-i686 wine suse-people security

Wer bereits mit Debian oder einem Debian-Derivat gearbeitet hat, dem dürften auch die folgenden Schritte leicht fallen, die Suse in ein Super-Suse verwandeln:

apt-get update
apt-get install kernel
apt-get dist-upgrade

Im Untergrund

Die Installation von Underground Linux [4] verläuft im Textmodus. Underground Linux basierte früher auf Debian und brachte auch einen grafischen Installer mit. Der Einzelentwickler entschloss sich jedoch auf Arch Linux zu wechseln. Version 020 basiert nun erstmals auf Arch Linux “Noodle” und bringt analog zu Super auf Performance optimierte CK-Patches im Kernel mit [5]. Details zu den Patches von Con Kolivas lesen Sie im Artikel “Speed”. Weitere Besonderheiten von Underground Linux sind Reiser4 als Wurzelverzeichnis und RC1 von KDE 3.5.

Nach dem Booten per CD-ROM erscheint ein Begrüßungsbildschirm, der die einzelnen Schritte aufführt (Abbildung 1). Nach einem Klick auf OK wählen Sie die Festplatte aus, auf die Sie Untergrund Linux installieren möchten. Klicken Sie hier auf den ersten Eintrag, der die Größe der Festplatte anzeigt, und legen Sie mindestens eine Swap-Partition und eine Partition für das Wurzelverzeichnis an. Für die Swap-Partition wählen Sie als Typ 82, für das Wurzelverzeichnis 83. Sind Sie damit fertig, verlassen Sie das Menü mit Quit und fahren dann mit dem Eintrag DONE>> fort. In den Tests konnte Underground Linux nicht mit bestehenden Partionen umgehen und meldete den Fehler:

/bin/setup: 473: Syntax error: ?
5245191 32098/1000000

Nach dem Löschen zweier Partitionen und einem Reboot funktionierte jedoch das Partitionierungstool cfdisk wie erwartet. Beachten Sie auch, dass die Tastatur auf Englisch eingestellt ist. Möchten Sie nicht partitionieren, sondern eine bestehende Partition formatieren, wählen Sie gleich DONE>>.

In den nächsten zwei Bildschirmen legen Sie fest, welche Partition Underground als Wurzelverzeichnis verwenden soll und welche als Swap-Bereich. Hier wählen Sie entweder die neu erstellten Partitionen aus oder markieren bestehende zum Formatieren. Im folgenden Dialog legen Sie das Root-Passwort fest, dann startet Underground Linux nach einem Übersichtsbildschirm (Abbildung 2) die eigentliche Installation. Der ganze Vorgang dauert keine zehn Minuten, dann melden Sie sich als root unter dem neuen KDE an. Underground Linux erkannte auf unseren Testsystemen die Hardware nicht ganz exakt. So lief der Bildschirm mit einer Auflösung von 1024×768 anstelle der optimalen 1280×1024, auch gelang es nicht, die 3D-Beschleunigung für die ATI-Karte zu aktivieren.

Abbildung 1: Der Textbasierte Installer von Underground Linux benötigt lediglich zwei Partitionen und das Root-Passwort.

Abbildung 1: Der Textbasierte Installer von Underground Linux benötigt lediglich zwei Partitionen und das Root-Passwort.

Abbildung 2: Vor der Installation listet ein Übersichtsbildschirm nochmals die wichtigsten Parameter auf.

Abbildung 2: Vor der Installation listet ein Übersichtsbildschirm nochmals die wichtigsten Parameter auf.

Steckbrief: Super/Slick

Zielgruppe: Ambitionierte Heimanwender mit schneller Internetanbindung, die Lust haben, ab und zu mit einer neuen Linux-Distribution zu experimentieren. Fortgeschrittene Suse-Benutzer, die eine schlankes Grundsystem möchten.

Spezielle Merkmale: Verfügbar in drei verschiedenen ISO-Versionen: Als minimales ISO mit 290 MByte ohne grafische Oberfläche, oder als volles 650 MByte-ISO mit KDE oder Gnome. CK-Patches für bessere Multimedia-Fähigkeiten.

Nicht geeignet für: Onkel Hans, der zum ersten Mal ein Linux-System aufsetzt. Tante Emma ohne Internetanschluss und ohne Englischkenntnisse.

Steckbrief: Underground Linux

Zielgruppe:Fortgeschrittene Benutzer mit DSL-Internetanbindung. Debian oder Arch-Linux-Wissen von Vorteil, aber nicht unbedingt nötig.

Spezielle Merkmale: Reiser4 als Wurzelverzeichnis, aktuelle KDE-3.5-Version. Viel Beta-Software. Archck5-Patches für beste Multimedia-Performance. 600-MByte-ISO.

Nicht geeignet für: Suse-Anfänger, die mal etwas neues ausprobieren möchten. Linux-Einsteiger und Menschen mit schwachen Nerven.

Nacharbeiten

Underground Linux und Super boten nach der Installation den grafischen Login-Bildschirm des KDE an. Der Desktop macht bei Super einen aufgeräumten Eindruck und weicht nicht von einer Standard-Suse ab. Underground Linux legt zahlreiche Icons auf dem Desktop an, die zum Teil Hilfe für die Konfiguration bieten. Darunter befinden sich aber auch vier Spiele. Als erstes testeten wir den Internet-Zugang. Unter Super funktionierte dieser sofort über den DHCP-Server. Bei Underground Linux ist eine feste IP-Adresse eingestellt. Mit einem Klick auf das Icon Lan Setup auf dem Desktop stellen Sie diese für DHCP ein (Abbildung 3). Auch Für ADSL und Modem-Anschluss finden sich Icons auf dem Underground-Desktop. Schlechter sieht es für ISDN aus. Hier bringt Underground keinen Support mit. Sound und Drucker funktionieren allerdings out-of-the-box.

Abbildung 3: Das einfache aber funktionierende Netzwerk-Setup von Underground Linux.

Abbildung 3: Das einfache aber funktionierende Netzwerk-Setup von Underground Linux.

Bereits vorkonfiguriert ist auch der grafische Paketmanager von Underground Linux: Guzuta (Abbildung 4). Nach dem Start des Programms und einem klick auf Refresh stehen sämtliche Pakete der Arch-Repositories Community, Current, Extra und Testing zur Installation bereit. Fürs Arbeiten auf der Kommandozeile benutzen Sie pacman.

Abbildung 4: Der grafische Paketmanager von Underground Linux heißt Guzuta.

Abbildung 4: Der grafische Paketmanager von Underground Linux heißt Guzuta.

Bei Super ist der Aufwand größer: Hier müssen Sie zunächst die nötigen Apt-Repositories in der Datei /etc/apt/sources.list eintragen. Den entsprechenden Eintrag finden Sie im Kasten “Suse beschleunigen”. Seltsamerweise bringt Super keinen grafischen Paketmanager für Apt mit. Sie müssen also zunächst mit

apt-get install kynaptic

den Paketmanager Kynaptic installieren. Danach sollte das Installieren von neuen Paketen selbst für Anfänger kein Problem mehr darstellen.

Vor- und Nachteile

Super und Underground Linux verstehen sich als speziell performante Desktop-Distributionen, wobei sich die Version 020 von Underground klar als Testversion versteht. Dennoch waren wir leicht enttäuscht über die enormen Performance-Probleme von Underground. Es gelang uns nicht, eine DVD oder ein Video ohne Ruckeln anzuschauen. Auch andere Programme starteten nicht wirklich schnell und blieben von Zeit zu Zeit stehen. Wie sich nach einiger Recherche herausstellte, liegt der Fehler wohl bei Reiser4, das beim Synchronisieren des Dateisystems den Rechner für Sekundenbruchteile lahmlegt. Gut zu sehen ist dieser Vorgang am Diagramm des KDE-Tools ksysguard (Abbildung 5). Ein Workaround, der das Problem nicht aus der Welt schafft, aber dem System immerhin zu brauchbarer Performance verhilft ist, in der Datei /etc/fstab für das Wurzelverzeichnis die Mount-Optionen noatime,nodiratime einzutragen. Der Fehler tritt allerdings nicht auf allen Rechnern auf, eine klare Diagnose fehlt noch.

Abbildung 5: Die Kurve des KDE-Systemmonitors zeigt schön auf, wie Underground Linux regelmäßig einen CPU-Schub bekommt.

Abbildung 5: Die Kurve des KDE-Systemmonitors zeigt schön auf, wie Underground Linux regelmäßig einen CPU-Schub bekommt.

Ansonsten stimmt die Programmauswahl bei Underground Linux: Mplayer und Xine sind mit dabei, auch die Libdvdcss ist bereits installiert. Für sämtliche Aktionen sind Systemklänge eingerichtet und das Abspielen von Audiodateien bereitete keinerlei Probleme. Auch ein Stresstest mit gleichzeitigem CD-Brennen, Kompilieren und Abspielen von MP3s überstand Underground Linux gut. Die Programmauswahl des Grundsystems ist dennoch etwas seltsam: zentrale Pakete wie openssh für den entfernten Zugriff oder hdparm für das Festplatten-Tuning fehlten. Ebenfalls negativ fällt der Bootloader Lilo auf. Gerade auf Rechnern, die mehrere Distributionen beherbergen, stellt Grub die deutlich bessere Alternative dar. Der Entwickler entschied sich wohl wegen Reiser4 zu diesem Schritt. Die Bootzeit von Underground Linux ist mit 35 Sekunden gut – das System blieb aber auch hier unter unseren Erwartungen an Reiser4. Falls bis Version 021 der Bug in Reiser4 gelöst ist, lohnt sich aber ein Blick auf die nächste Version bestimmt.

Tipp

Falls Sie nach der Installation von Underground Linux den Bootmanager Lilo durch Grub ersetzt haben, können Sie vermutlich nicht mehr auf Underground Linux zugreifen, da Grub Reiser4 nicht kennt. Das Rescue System einer Suse 10.0 hilft Ihnen jedoch, Lilo wieder herzustellen. Booten Sie dazu das Rettungssystem und laden Sie anschließend mit modprobe reiser4 das Reiser4-Modul. Hängen Sie nun die Root-Partition von Underground Linux in einem temporären Verzeichnis ein. Für /dev/hda7 lautet der entsprechende Befehl zum Beispiel mount -t reiser4 /dev/hda7 /mnt. Nun legen Sie mit dem Befehl chroot /mnt das Verzeichnis /mnt als neue Wurzel fest und installieren dann Lilo mit dem Befehl lilo neu.

Unter Super/Slick stellten wir keine Performance-Probleme fest. Mit Ext3 als Dateisystem für das Wurzelverzeichnis legte Super mit 29 Sekunden Bootzeit einen neuen Rekord hin. Bei der Belastungsprobe mit gleichzeitigem CD-Brennen, Kompilieren und Abspielen einer DVD ließ sich Super nichts anmerken. Den einzigen Fehler, den wir bei Super fanden: Die Distribution gleicht Suse Linux zu stark, um wirklich cool zu sein. Die Entwickler arbeiten jedoch an einer neuen Version, die ein modifiziertes KDE mitbringt. Bis zum Erscheinen dieses Hefts dürfte diese bereits zum Download bereitstehen.

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