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Oberflächliche Probleme

01.12.2005

Liebe Leserinnen und Leser,

ob Männlein oder Weiblein, Leser oder Autor, Superuser oder Einsteiger: Eins haben wir alle gemeinsam. Wir arbeiten mit einem Linux-Desktop – viele von uns schon seit Jahren. Und Hand aufs Herz: Haben Sie nicht auch schon einmal herzlich geflucht, weil sie sich über hakelige Bedienung, inkonsistente Benutzerführung oder das Fehlen eigentlich selbstverständlicher Funktionen geärgert haben?

Besonders schwierig macht sich das Leben, wer gerne Applikationen des einen Desktop-Systems unter einem anderen nutzt: Etwa Kmail unter Gnome oder auch Evolution zusammen mit KDE. Schon das Konfigurieren einheitlicher Fonts und Farbschemata für einen solchen selbst zusammengestellten Desktop kann zur Sisyphosarbeit ausarten. Vor allem Umsteigern von Windows machen solche "Kleinigkeiten" schwer zu schaffen.

Schon bald könnten mangelnde Benutzerfreundlichkeit, Konfigurationsschwierigkeiten und uneinheitliches Look & Feel der grafischen Oberflächen der Vergangenheit angehören: Innerhalb zweier Wochen im Oktober traten gleich drei unabhängige Initiativen an, die den Linux-Desktop optimieren und verschönern wollen: Die Usabilty-Initiative BetterDesktop von Novell, das LSB Desktop Project der Free Standards Group sowie das Tango-Projekt von Jakub Steiner (Novell) und Steven Garrity (Mozilla).

Den Anfang machte Tango [1], das die beiden Initiatoren während des Gnome Summit in Boston aus der Taufe hoben. Sie möchten sämtliche grafischen Oberflächen mit einem Standard-Set von Icons versorgen, um in allen GUIs einen identischen Look präsentieren zu können. Dazu haben sie sich ein einheitliches Namensschema sowie Gestaltungsrichtlinien für die Icons ausgedacht – und diesen Rahmen gleich mit Leben in Form einer Basis-Library mit den 84 wichtigsten Symbolen für jeden Desktop gefüllt. Ziehen die Entwickler der diversen Oberflächen mit, könnte auf diese Weise schon bald ein einheitliches Linux-"Gesicht" Anfängern und Umsteigern den Start mit dem freien Betriebssystem erleichtern.

Dass der Benutzer sich nicht in undurchdringlichen Menüdschungeln verirrt, dazu soll Novells BetterDesktop-Initiative beitragen. Auf einer eigenen Website [2] stellt Big Red nicht nur Hinweise für den Aufbau und Betrieb einer kostengünstigen Usability-Testumgebung für Open-Source-Entwickler bereit. Darüber hinaus finden sich auf der Site auch Forschungsresultate und Testergebnisse von Novell selbst. Besonders sehenswert ist das dort angebotene Video-Material, das Benutzer unterschiedlichster Kenntnisstufen im Umgang mit Linux zeigt – es dürfte so manchem Entwickler die Perspektive zurecht rücken.

Von der technischen Seite dagegen rückt die Free Standards Group den Kompatibilitätsproblemen zwischen den verschiedenen Linux-Oberflächen zu Leibe: Das Desktop Project der Linux Standards Base [3] will die prominentesten Desktop-Toolkits und andere wichtige Bibliotheken standardisieren. Zudem will man Spezifikationen für das Packaging von Applikationen festlegen, um Schwierigkeiten bei der Installation unter verschiedenen Desktops auszuschalten. Eine erste Spezifikation soll bereits Anfang nächsten Jahres vorliegen; wichtige Linux-Player wie IBM, HP, Linspire, Mandriva, Novell, Red Hat, Trolltech oder Xandros haben bereits Ihre Unterstützung zugesagt.

Damit rückt in greifbare Nähe, worauf viele von uns schon lange warten: Das "Tanten-sichere" Linux, das wir nicht nur der sprichwörtlichen Aunt Tillie [4], sondern auch sonst sämtlichen Generationen der Familie ruhigen Gewissens auf den Rechner installieren können. Ich jedenfalls werde bei den nächsten Besuchen in der Verwandtschaft schon einmal unauffällig die Hardware-Voraussetzungen prüfen …

Herzliche Grüße,

Jörg Luther Chefredakteur

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