Desktop Publishing ist ein Bereich der von proprietärer Software dominiert wird. Doch das Programm Scribus demonstriert eindrucksvoll, dass sich auch mit freier Software professionelle Drucksachen bauen lassen. Einer der Hauptentwickler stellt Ihnen die Neuerungen in der Development-Version 1.3 vor.
Die derzeit stabile Scribus-Version 1.2 ist bereits ein brauchbares DTP-Programm. Dennoch gibt es es viele wünschenswerte Funktionen, an denen wir derzeit im Entwickler-Zweig unseres Programms arbeiten. Sie ziehen tiefergehenden Veränderungen nach sich, beispielsweise am Scribus-Dateiformat. Seit Ende Dezember 2004 haben wir in der Entwicklerversion 1.3 viele Neuerungen eingeführt. Die wichtigsten möchte ich hier vorstellen.
Hin und Her
Eine der bedeutendsten Verbesserungen stellt das neue Undo-/Redo-System dar. Es trägt den programmatischen Namen “Back ‘n’ Forth” (Hin und Her). Unser finnischer Kollege Riku Leino hat es für Scribus entwickelt. Da der Code unter der GPL steht, könnte es aber auch in andere Anwendungen Eingang finden.
Bisher fehlte Scribus eine ordentliche Bearbeitungshistorie, die sich stufenweise rückgängig machen lässt. Doch gerade Grafiker und Layouter probieren verschiedene Gestaltungsvarianten gerne praktisch aus – ein gutes Undo-System ist für sie daher unerlässlich. Riku hat ein hervorragendes System geschaffen und Scribus einen großen Schritt weiter gebracht.
Probieren Sie es aus: Öffnen Sie im Menü Werkzeuge den Aktionsverlauf. Nun sehen Sie, wie alle Ihre Arbeitsschritte auf der Liste auftauchen (Abbildung 1). Wollen Sie nun bespielsweise die letzten fünf Änderungen rückgängig machen, klicken Sie einfach auf den fünftletzten Eintrag des Aktionsverlaufs. Wenn Sie die Maus die Liste hinauf oder hinab bewegen, können Sie den Verlauf Ihrer Arbeit im Zeitraffer begutachten.

Abbildung 1: In der Palette Aktionsverlauf können Sie beliebig viele Arbeitschritte rückgängig machen oder wiederherstellen – für das ganze Dokument oder ein einzelnes Objekt.
Der Aktionsverlauf kennt zwei Modi, den globalen und den Objekt-Modus. Standardmäßig verwendt der Verlauf den globalen Modus und zeigt alle Änderungen an sämtlichen Objekten. Wenn Sie die Option Nur markiertes Objekt anzeigen aktivieren, zeigt die Liste nur die Änderungen am zurzeit ausgewählten Objekt Ihres Scribus-Dokuments.
Daneben steht Ihnen die Undo-/Redo-Funktion auch im Kontextmenü zur Verfügung, das Sie mit einem Rechtsklick auf in Objekt öffnen. Hier finden Sie nun die Einträge Rückgängig und Wiederherstellen. Gleichzeitig öffnet sich das Fenster Aktionsverlauf und zeigt das Änderungsprotokoll für das ausgewählte Objekt.
Die Seite sprengen
Zeitungen, Zeitschriften und Broschüren verwenden häufig Überschriften oder Bilder die über die Bindung hinweg auf einer Doppelseite angeordnet sind. Bei Scribus 1.2 musste der Layouter einiges von Hand erledigen, um solche Doppelseiten zu gestalten: Zwei Bild- oder Textrahmen anlegen und ein wenig über die einzelnen Seiten hinaus verlängern. Mit Scribus 1.3 geht das wesentlich einfacher: Stellen Sie einfach Doppelseiten ein und platzieren Sie das Bild schlichtweg quer über den Bund. Und das funktioniert nicht nur mit Bildern, sondern auch mit Text und Vektoren. Beim Drucken oder Exportieren eines solchen Dokuments müssen Sie nichts Besonderes beachten – Scribus kümmert sich automatisch um die Seitenwechsel und das Zerteilen der Objekte (Abbildung 2).

Abbildung 2: Bilder und andere Objekte können die Bindung übergreifen und beliebig platziert werden. Das Zerteilen erldigt Scribus 1.3 beim Drucken oder Exportieren automatisch.
Die selbe Technologie, die das Layouten über die Bindung hinweg erlaubt, macht auch etwas anders möglich: Designer können nun Layout-Objekte außerhalb der Seiten eines Dokuments, auf dem so genannten Scratch Space (Entwurfsraum, Abbildung 3) ablegen. Hier können Layouter Textkästen, Bilder und andere Elemente gesammelt vorhalten, um sie nach Gusto auf den Druckseiten zu verteilen. Viele Gestalter sind diese Arbeitsweise von kommerziellen Programmen gewöhnt und möchten sie nicht missen.

Abbildung 3: Der so genannte Scratch Space: Hier kann der Anwender alle Layout-Elemente sammeln, bevor er sie auf der Seite verteilt.
Erweiterte Importmöglichkeiten
OpenOffice 2.0 ist für Herbst angekündigt, KOffice 1.4 wurde bereits freigegeben: Moderne Office-Programme setzen zunehmend auf das OpenDocument-Format von OASIS, und Scribus zieht mit. Texte importiert Scribus über das modular aufgebaute Plugin GeText. Dieser Textimport unterstützt zahlreiche Formate, darunter reiner Text, einfache HTML, OpenOffice 1.x, und nun auch das OASIS-Format.
Daneben gibt es die paktische Option Text-Filter. Damit können Sie Regeln für das Suchen und Ersetzen in Textdateien definieren, inklusive regulärer Ausdrücke. So können Sie allerhand fremde Formate leicht importieren.
In Sachen Dokumentenimport wird Scribus noch weitere Fortschritte machen: Die modulare Plugin-Schnittstelle ermöglicht es jedermann, Importfilter für alle möglichen Formate zu schreiben und mit Scribus zu verwenden. Das Laden von Dateien haben wir ebenfalls modularisiert. Filter können daher bereits beim Öffnen bestimmter Dateitypen angewendet werden. Einer unserer Wunschträume ist es, komplette OpenOffice-Dokumente einfach mit Scribus zu öffnen.
Neben dem Textimport haben wir auch den Umgang mit Grafikformaten verbessert: Scribus unterstützt nun das Photoshop-Format PSD. Daneben haben uns zahlreiche Entwickler in Sachen CMYK geholfen – nun kann Scribus TIFF– und JPG-Dateien in diesem Farbschema verarbeiten.
Qualitätssicherung
Die Arbeit von Druckvorstufe und Druckerei ist ein großer Kostenfaktor. Daher ist es in Ihrem Interesse schon vor der Datenabgabe zu prüfen, ob Ihre Druckdaten geeignet sind, etwa ob sie der vereinbarten PDF-Version oder dem richtigen Postscript-Level entsprechen.
Viele Druckereien akzeptieren nur PDF 1.3, was oft mit der in den Betrieben eingesetzten Software zusammenhängt. In diesem Fall sind beispielsweise keine Transparenzen erlaubt. Das gilt auch, wenn Sie reines Postscript vereinbart haben.

Abbildung 4: Scribus warnt, wenn Ihr Druckdaten nicht zur gewählten PDF- oder Postscript-Version passen. So vermeiden Sie böse Überraschungen, bevor Sie die Daten in der Druckerei abliefern.
Der Druckvorstufen-Check (Abbildung 4)in Scribus erstetzt zwar nicht die kommerziellen Prüfwerkzeuge der Druckvorstufe (beispielsweise Pitstop von Enfocus), hilft Ihnen aber, Ihre Dokumente bereits beim Anlegen zu überprüfen. Dazu müssen Sie das Dokument noch nicht einmal exportieren. Scribus prüft unter anderem, Ob Textkästen überlaufen, benötigte Fonts fehlen und ob Bilder eine zu geringe Auflösung haben. Das alles können Sie auch gemäß Ihren Anforderungen konfigurieren.
Die Prüfung gegen Standards wie PDF ist vor allem deshalb von Bedeutung, weil die wenigstens Druckereien jemals von Scribus gehört haben. Wir hoffen, dass sich das mit zunehmender Verbreitung unseres DTP-Programms ändert. Tests mit professionellen PDF-Prüfprogrammen haben Scribus bisher ein gutes Zeugnis ausgestellt, auch in der praktischen Zusammenarbeit mit Druckereien hatten wir bisher kaum Probleme mit Scribus-Druckdaten.
Zusammenspiel mit anderen Anwendungen
Im Desktop Publishing werden nicht nur Seiten layoutet. Da häufig auch Bildbearbeitung und die Erstellung von Grafiken eine Rolle spielen, kommen mehrere Programme zum Einsatz. In der Welt der freien Software besteht das Team neben Scribus aus Gimp und dem Vektorgrafik-Programm Inkscape.
Wenn der Anwender mehrer Programme benötigt, um seine Arbeit zu erledigen, sollte man ihm entgegenkommen und einheitliche Benutzeroberflächen verwenden. Das betrifft die Anordnung von Menüs und Buttons sowie die verwendeten Icons. Keine einfache Aufgabe: Gimp und Inkscape verwendet die Gnome-Grafikbibliothek GTK – Scribus dagegen Qt, auf dem auch KDE basiert. Es gibt dennoch Programmiertechniken, die zur Vereinheitlichung der Oberflächen dienen. Das Scribus-Team sucht den Kontakt zu Anwendern und den Entwicklern der anderen Programme, um die Benutzerfreundlichkeit zu steigern.
Noch dieses Jahr wird die Firma Trolltech Version 4 von Qt veröffentlichen. Wir arbeiten bereits daran, den Scribus-Code auf die neue Version der Grafikbibliothek umzustellen. KDE 4 und damit Qt 4 werden vermutlich erst 2006 den Weg in die Linux-Distributionen finden. Daher wird Scribus 1.4, die nächste stabile Version unserers DTP-Programms, vermutlich noch Qt 3 verwenden, und erst Scribus 1.6 die nächste QT-Version.
Scribus läuft unter mehreren Linux-Desktop-Umgebungen und daneben auch auf verschiedenen Unix-basierten Betriebssystemen, darunter Mac OS X – hier existiert sogar eine Version mit Aqua-Oberfläche [4]. Dank Cygwin ist es jüngst auch gelungen, unser Programm unter Windows zum Laufen zu bringen.
Die native Unterstützung für Windows und weitere Plattformen ist eines unserer Ziele für die weitere Entwicklung im Scribus-Zweig 1.3. Die Wunschliste umfasst mehrere Druckseiten, der Kasten “Wunschliste” ist nur ein kleiner Auszug. Sie dürfen auf Scribus 1.4 gespannt sein.
Wunschliste
- Umsetzung von PDF 1.5+
- Höhere SVG-Kompatibilität bei Im- und Export
- Typografische Verbesserungen
- Unterstützung für Zeichensätze jenseits der lateinischen Buchstaben (auf Basis des bestehenden Unicode-Supports)
- Vererbung von Stilvorlagen für Zeichen, Absätze, und grafische Elemente
- Unterstützung für Falzung und Weiterverarbeitung
- Integration von Open Clipart
- Automatisches Erstellen von Inhalts- und Stichwortverzeichnissen
- Native Programmversionen für weitere Plattformen
Glossar
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DTP
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Desktop Publishing. Satz und Typografie am Computer – “vom Schreibtisch aus” statt in der Setzerwerkstatt.
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OpenDocument
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Ein standardisiertes XML-Format für Office-Dokumente, das den Austausch von Dokumenet zwischen verschiedensten Programmen ermöglichen soll.
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CMYK
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Cyan, Magenta, Yellow, Key/Black: Dieses Farbschema entsprecht den Filmen im Vierfarbdruck. Bilddateien für den Druck speichert man daher in diesem Modus ab.
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TIFF
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(Tagged Image File Format) ein Format für Bilddateien, das die meisten Bildberabeitungsprogramme erzeugen können. Es kann gut in Layoutprogramme importiert werden.
Infos
[1] Homepage: http://www.scribus.net
[2] Wiki: http://wiki.scribus.net
[3] Commercial support: http://www.scribus.biz




