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Linux Multimedia Studio – Musik für alle!

01.09.2005 Professionelle Sound-Anwendungen haben Linux in den letzten Jahren zu einer echten Konkurrenz für Windows und MacOS entwickelt. Mit LMMS, dem Linux Multimedia Studio gesellt sich eine Software dazu, die eine Vielzahl von Funktionen integriert und eine komfortable Oberfläche besitzt.

Vor nicht allzu langer Zeit waren Multimedia und Linux zwei unverbeinbare Welten. Das hat sich glücklicherweise radikal geändert. Selbst bei der Musikproduktion muss sich Linux nicht mehr hinter Windows oder MacOS verstecken: Mit Audacity bearbeiten Sie Sounddateien, Rosegarden kümmert sich um die Verarbeitung von Midi-Musik, in Hydrogen klicken Sie Beats und Rhythmen zusammen. Csound schließlich hilft Software-Synthesizer und Effekte zusammenbasteln.

Wie Sie unschwer erkennen, gibt es für jedes Problem eine separate Lösung. Doch um wirklich kreativ zu arbeiten, wünschen sich viele Anwender eine integrierte Software statt einzelner Komponenten. Daher gibt es seit dem Frühjahr letzten Jahres das Linux Multimedia Studio (LMMS). Es kombiniert alle der oben genannten Funktionen in einer Oberfläche. Das Aussehen lehnt sich an Fruity Loops unter Windows an.

LMMS installieren und einrichten

Um LMMS zu installieren, bleibt es Ihnen in der Regel nicht erspart, es aus den Quellen zu kompilieren. Binärpakete für die wichtigsten Distributionen gibt es leider noch nicht. Laden Sie sich den Quellcode also von [1] herunter.

Da LMMS als Echtzeitanwendung viel Rechenleistung benötigt, empfiehlt es sich, es mit den entsprechenden Optimierungsoptionen zu kompilieren. Die wichtigsten Compiler-Optionen für die Intel-Plattform zeigt der Kasten "Wichtige Compiler-Optionen".

Wichtige Compiler-Optionen

  • -O2 oder -O3: Diese Option gibt die Optimierungsstufe an, die der Compiler verwenden soll. Bei neueren Prozessoren mit viel Cache empfiehlt sich die Verwendung von -O3.
  • -mcpu=IHRECPU: Teilen Sie dem Compiler mit, für welchen Prozessor er den Code optimieren soll. Mögliche Werte für IHRECPU: pentium2, pentium3, pentium4, k6, k6-2, k6-3, athlon, athlon-tbird, athlon-4, athlon-xp. Weitere Möglichkeiten finden Sie in der Manpage des GCC. Ihr eigener Prozessortyp steht in /proc/cpuinfo.
  • -msse, -msse2: Weisen Sie den Compiler an, SSE-Befehle für Gleitkommaberechnungen zu verwenden. Das erhöht die Performance von LMMS erheblich. Allerdings unterstützen nur aktuelle AMD-Prozessoren und Intel-CPUs ab Pentium 3 diese Befehle.
  • -mfpmath=sse,387: Falls Ihr Prozessor SSE-Instruktionen unterstützt, schalten Sie mit dieser Option die Verwendung der SSE-Unit und die des internen Koprozessors ein.

Für besonders Experimentierfreudige und Leistungshungrige sei noch auf das Programm Acovea [2] verwiesen, das auf Basis von genetischen Algorithmen die besten Tuning-Optionen ermittelt.

Über Optionen beim configure-Aufruf schalten Sie bestimmte Features von LMMS ab, um das Programm noch schneller zu machen. So hat es wenig Sinn, LMMS mit Surround-Unterstützung zu kompilieren, wenn Sie keine Surround-fähige Soundkarte besitzen. Ohne Surround-Unterstützung muss LMMS an manchen Stellen nur die Hälfte der Daten verarbeiten, was sich durch eine deutlich höhere Performance bemerkbar macht.

Schalten Sie bei Bedarf also Surround-Sound mit --disable-surround ab. Können Sie auf harte Echtzeit verzichten, etwa wenn Sie kein Midi-Keyboard besitzen, verwenden Sie den Schalter --with-latency=WERT, wobei WERT stets eine Potenz von 2, also 64, 128 oder 256 sein sollte. Der Standardwert liegt bei 256, was in etwa einer Latenzzeit (Verzögerung zwischen Ereignis (Tastendruck) und und der Ausgabe des Tones) von 6 Millisekunden entspricht. Je kleiner der Wert, desto geringer die Latenzzeit und desto besser die Echtzeit.

Um nun all die gezeigten Optionen beim Kompilieren anzugeben, konfigurieren Sie die Sourcen mit folgendem Befehl: ./configure -prefix=/usr CXXFLAGS="-O2 ..." [--disable-surround] [--with-latency=WERT]. Danach baut das übliche make ein LMMS-Binary und make install installiert alle nötigen Dateien im System.

Mit make rpm bauen Sie ein fertiges RPM-Paket, das in der Regel unterhalb von /usr/src/ landet. Dieses installieren Sie dann mit rpm -i DATEI.rpm. Allerdings haben hier die Optionen, die Sie bei configure angeben keine Wirkung. Stattdessen müssen Sie die Umgebungsvariable RPM_OPT_FLAGS setzen.

Starten Sie das Programm nun mit lmms. Die Benutzung des Assistenten, der bei der Ersteinrichtung hilft, erklärt sich von selbst.

Die ersten Schritte

Nach dem Start sehen Sie die Oberfläche von LMMS, die sich in folgende Bereiche und Fenster gliedert: Das wichtigste Fenster, der Song-Editor, enthält die Playliste mit ihren verschiedenen Spuren sowie eine Werkzeugleiste. Der Beat+Bassline-Editor ermöglicht das Erstellen von Beats und Basslines, die Sie später im Song-Editor eintragen. Im Projekt-Notizen-Fenster notieren Sie alle Informationen über Ihr Projekt. Links befindet sich die Seitenleiste mit verschiedenen Arbeitsbereichen wie dem Projekt- und Sample-Browser.

Als erstes kreieren wir nun einen einfachen Beat. Dazu gehen Sie in den Sample-Browser (Meine Samples), öffnen den Ordner drums und klicken doppelt auf die Datei kick_hiphop01.ogg. Anschließend zeigt der Beat+Bassline-Editor eine neue Spur und einen neuen Kanal mit dem gewählten Sample. Das AudioFileProcessor-Plugin, das Sie im gleichen Fenster sehen, zeichnet verantwortlich dafür, Samples zu laden und lässt Sie Einstellungen bezüglich der Wiedergabe vornehmen.

Klimpern Sie probehalber auf der virtuellen Klaviertastatur herum, um zu testen, ob die Soundausgabe funktioniert und ob LMMS das Sample erfolgreich geladen hat. Hören Sie ein paar dumpfe Schläge, hat alles geklappt und Sie können das Kanalfenster schließen.

Jetzt geht es damit weiter, die ersten Steps zu setzen. Klicken Sie hierfür im zugehörigen Pattern des Beat+Bassline-Editors die entsprechenden grauen Buttons an, so dass diese ihre Farbe zu grün wechseln. Mit einem Klick auf den Abspielen-Button oberhalb der Spuren bewundern Sie Ihr erstes Ergebnis.

Natürlich ist ein Kick allein ziemlich langweilig. Bauen Sie je nach Wunsch Snares, Hihats und so weiter durch entsprechenden Doppelklick ein und setzen Sie die Steps. In Abbildung 1 sehen Sie einen fertigen Beispiel-Beat.

Abbildung 1: In LMMS erstellen Sie mit wenigen Klicks einfache Beats. Das Programm kommt mit einer Reihe an fertigen Samples, die Sie in Ihren Liedern verwenden können.

Haste Töne?

Als nächstes wollen wir LMMS nicht nur Drum-Samples entlocken, sondern "richtige" Töne. Zu diesem Zweck kommt LMMS mit einem Software-Synthesizer namens Triple Oscillator, der aus drei Oszillatoren besteht und dessen Output Sie mit Filtern, Hüllkurven und Niederfrequenzoszillatoren (LFOs) steuern.

Da gerade Anfänger mit all diesen Dingen nicht viel anzufangen wissen, bringt LMMS einige Presets mit. Preset-Dateien enthalten bestimmte Voreinstellungen für einen Kanal. Sie speichern Informationen über das verwendete Plugin (etwa Triple Oscillator, Audio File Processor), dessen Einstellungen sowie die der Filter und Hüllkurven.

Indem Sie ein solches Preset laden, müssen Sie sich nicht selbst mit den komplexen Parametern der Klangerzeugung herumplagen. Gleichzeitig dienen Presets als ideale Ausgangsbasis für eigene Sounds, indem Sie an den entsprechenden Knöpfen schrauben. Den Preset Browser erreichen Sie über einen Klick auf den gelben Stern an der linken Seite. Für jedes Plugin existiert ein eigener Ordner.

Bevor es weiter geht, sollten Sie eine neue Bassline anlegen, damit sich anschließend nicht die Melodie (im folgenden Bassline genannt) mit dem Beat vermischt. Klicken Sie in der Werkzeugleiste des Song-Editors auf den Button Beat/Bassline hinzufügen. Anschließend öffnen Sie für dieses Beispiel das Preset Rough!.

Da Sie mit diesem Preset sicher mehr anstellen möchten, als Beats daraus zu kreieren, editieren Sie das Pattern im Piano Roll. Dieses Werkzeug öffnen Sie im Beat+Bassline-Editor durch einen Doppelklick auf das Pattern (ober- oder unterhalb der Step-Buttons). Im Piano Roll (Abbildung 2) setzen Sie durch einfaches Klicken Noten oder ändern die Position sowie deren Größe. Letzteres geschieht durch Verschieben des hell-markierten Notenendes. Mit der rechten Maustaste entfernen Sie einzelne Noten.

Abbildung 2: Mit dem Piano Roll editieren Sie Basslines, indem Sie an den entsprechenden Positionen Noten setzen, entfernen oder deren Größe ändern.

Im Song-Editor verbinden Sie nun den Beat mit der eben erstellten Bassline. Ein Klick der linken Maustaste erzeugt Playlisten-Objekte, die festlegen, wann und wie lange ein Beat oder eine Bassline gespielt wird.

Abbildung 3: Der Song-Editor verbindet Beats und Basslines (Melodien) miteinander zu einer Playliste.

Wie in Abbildung 3 zu sehen, kann auch die Playliste Kanäle enthalten (Im Bild ganz oben, der Triple Oscillator). Das ist dann sinnvoll, wenn die zugehörigen Patterns nicht aus ständig wiederholten Basslines bestehen, sondern lange Melodien enthalten, die im gesamten Stück nur einmal vorkommen. Patterns in solchen Kanal-Spuren legen Sie durch Klick mit der linken Maustaste an und bearbeiten sie mit einem Doppelklick.

Sample-Spuren

Neben den Kanal- und Beat/Bassline-Spuren gibt es in LMMS auch noch Sample-Spuren. Auf diese legen Sie längere Sample-Dateien wie Rap-Samples oder selbst aufgenommene Gitarren-Solos. Die ganze Technik der Sample-Spuren befindet sich derzeit noch in Entwicklung, sodass sich die Funktion auf das Laden der Samples beschränkt.

In Zukunft sollen Aufnahme- sowie einfache Schnittfunktionen für LMMS entstehen. Außerdem soll die Software dann Samples nach dem Auswählen nicht komplett in den Arbeitsspeicher laden, sondern beim Abspielen den entsprechenden Teil des Samples von der Platte holen.

Hüllkurven, LFO, Filter, Akkorde

Das Kanal-Fenster (Abbildung 4) enthält mehr als nur das Plugin: Neben dem Plugin-Tab gibt es noch das Hüllkurven/LFO/Filter- und das Arp/Akkorde-Tab. Unter Hüllkurven/LFO/Filter (Abbildung 4) legen Sie einen Filter für den geöffneten Kanal fest und stellen Parameter wie Kennfrequenz (Cutoff Frequency) und die Resonanz ein. Diese zwei Parameter steuern Sie widerum über so genannte Hüllkurven (Envelopes) und Niederfrequenzoszillatoren (LFOs).

Hüllkurven stellen den zeitlichen Verlauf der entsprechenden Größe dar, also zum Beispiel ein schnelles Anschwellen und sanftes Ausklingen. Je größer der Wert des Knopfes Amount, desto mehr beeinflusst die Hüllkurve die zugehörige Größe. Ein Niederfrequenzoszillator verändert die Größe periodisch. Um sich mit der Technik vertraut zu machen, sollten Sie einfach ein wenig experimentieren.

Abbildung 4: Jeder Kanal lässt sich sehr detailliert mit Hüllkurven, Niederfrequenzoszillatoren und Filtern steuern.

Der Arp/Akkorde-Tab hilft, Einstellungen bezüglich automatischer Akkorde und Arpeggien vorzunehmen. Wählen Sie einen Dur-Akkord und einen Bereich von zwei Oktaven, spielt LMMS zu einem Ton automatisch den zugehörigen Dur-Akkord über zwei Oktaven. Möchten Sie diese Töne nicht gleichzeitig, sondern in kurzer Folge hintereinander abspielen, nutzen Sie die Arpeggio-Funktion.

Das Pattern-Freezing versetzt Sie in die Lage, umfangreiche und polyphone Songs zu erstellen, auch wenn Ihr Prozessor nicht genug Leistung bietet, um sie live abzuspielen. Durch einen Klick auf Einfrieren im Kontextmenü eines Patterns spielt LMMS ihn einmal intern ab und speichert das Resultat in einem Puffer.

Beim Abspielen des Songs berechnet die Software die Daten dieses Patterns nicht mehr live, sondern mischt den entsprechenden Teil des Puffers zum Ausgabe-Puffer hinzu. Änderungen an einem eingefrorenen Pattern machen sich erst bemerkbar, wenn Sie diesen auftauen oder erneut einfrieren.

LMMS beherrscht auch die Ansteuerung über ein Midi-Keyboard. Drücken Sie eine Taste auf dem Gerät, spielt LMMS den Ton im aktuellen Kanal ab. Außerdem steuern Sie einen beliebigen Knopf von LMMS mit dem Pitch-Wheel des Keyboards, indem Sie im Kontextmenü eines Knopfes den Punkt Mit MIDI-Gerät verbinden wählen. Anschließend gehorcht der Knopf Ihrem Pitch-Wheel. Achten Sie aber darauf, den Pitch-Bereich am Keyboard auf das Maximum einzustellen.

Wenn Sie Ihren Song fertiggestellt haben, exportieren Sie ihn wahlweise in eine Wav- oder Ogg-Datei. Klicken Sie dazu auf Projekt | Exportieren oder Drücken Sie [Strg]+[E]. Nach Wahl des Dateinamens und -formats öffnet sich ein Fenster, in dem Sie Optionen für den Song-Export festlegen. Nach einem Klick auf Exportieren rendert LMMS Ihren Song in die Ausgabedatei und Sie brennen ihn auf CD geben ihn in einem Musik-Player Ihrer Wahl wieder.

Große Pläne

Für die Zukunft stehen noch viele wichtige Funktionen auf dem Plan, die LMMS erweitern. So fehlt derzeit die Möglichkeit, Effekte jedweder Art (Hall, Echo, Distortion, Chorus, Equalizer und Filter, um nur einige zu nennen) zu verwenden. Aus diesem Grund soll nach Version 0.1.0 die Arbeit an einem Effekt-Management-System beginnen, das unter anderem auch eine LADSPA-Schnittstelle enthält. Mit LADSPA (Linux Audio Developer's Simple Plugin API) bekommen Entwickler von Audio-Software eine einheitliche Schnittstelle für Effekt- und Synthesizer-Plugins.

Ebenso wichtig ist ein System, das es ermöglicht, ausnahmslos alle Knöpfe und Schalter in LMMS dynamisch zu steuern oder steuern zu lassen. So sollen Anwender die Kennfrequenz eines Filters über eine selbstgezeichnete Kurve automatisch ändern können. Zudem wäre es denkbar, die Verstimmung eines Oszillators periodisch von einem Niederfrequenzoszillator steuern zu lassen.

Da das Klangspektrum von LMMS durch den Triple Oscillator noch relativ beschränkt ist, soll es in Zukunft noch mehr Plugins geben. Neben einem LADSPA-Plugin-Hoster wird es möglicherweise auch einmal einen VST-Hoster geben, mit dem sich dann sogar VST-Plugins in LMMS nutzen lassen.

Die Entwicklung dieser Features steht allerdings noch in den Sternen. Im Gegensatz dazu macht die Entstehung eines klassischen Noten-Editors bereits Fortschritte. Auch den Import von verschiedenen Dateitypen (Midi-Dateien, Fruity-Loops-Projekte) soll LMMS in Zukunft beherrschen.

Da wir in den vorgestellten Beispielen noch lange nicht alle Funktionen von LMMS genutzt haben, sollten Sie einfach mit eigenen Projekten experimentieren. Öffnen Sie einmal die Demo-Songs und schauen Sie sich diese näher an. Haben Sie einen schönen Song erstellt, lassen Sie ihn einfach dem Autor zukommen, denn Feedback hilft immer, Software noch besser zu machen.

Infos

[1] LMMS-Homepage: http://lmms.sourceforge.net

[2] Acovea: http://www.coyotegulch.com

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