35 Monate haben die Debian-Entwickler programmiert, diskutiert und Termine verschoben. Im Juni erblickte dann endlich Debian 3.1 alias Sarge das Licht der Linuxwelt und wartet mit vielen neuen Features auf. Neben einem neuen Installer enthält die Distribution viele zeitgemäße Technologien.
Das bei Linux-Profis seit langem als stabiles Betriebssystem bekannte Debian GNU/Linux erfreut sich auch bei Einsteigern immer größeren Beliebtheit. Es überzeugt mit regelmäßigen Sicherheits-Updates und einem unschlagbar komfortablen und flexiblen Paket-Management. Doch die Anwender mussten fast drei Jahre lang warten, bis das Debian-Projekt sie mit einer neuen stabilen Release beglückte.
Debian 3.1 alias Sarge löste am 6. Juni 2005 das schon sehr betagte Woody (Version 3.0) ab. Unter [1] findet sich eine Liste der Möglichkeiten, sich Debian Sarge zu besorgen; entweder über einen Händler, per Download der CD/DVD-Images oder sogar vorinstalliert auf einem PC.
Debian 3.1 “Sarge”
Merkmale: Sehr stabile Distribution, komplett im Internet verfügbar, einfache Installation dank neuem Installer, 15?000 Pakete, stark anpassbar Software: Kernel 2.4.27/2.6.8, Gnome 2.8, KDE 3.3.2, Open Office 1.1.3, Gimp 2.2.6, Firefox 1.0.4, Thunderbird 1.0.2 Preis: 50 Euro (linuxland.de, 2 DVDs mit Handbuch und Support)
Die Liste der unterstützten Architekturen hat sich seit Woody nicht geändert, Sarge glänzt immer noch mit Support für ganze elf Systeme, darunter x86, Sparc, PowerPC und Itanium. Die Entwickler unterstützen AMD64 nicht offiziell, einen vollständigen inoffiziellen Port gibt es aber unter [2].
Es scheint, dass diese Menge an Architekturen ein pünktliches Release verhindert, da das Team Bugs meistens auf jedem System fixen muss. Ein nur inoffizieller Port auf die verbreiteten AMD64-CPUs zeigt zudem, dass das Projekt noch an einer Fokussierung auf die wichtigsten Prozessoren arbeiten sollte.
Neuer Installer
Nach dem Booten von CD oder DVD begrüßt Sie der Login-Screen aus Abbildung 1. Die Taste [F1] führt zum bekannten Hilfemenü. Ein Druck auf [F5] offenbart jedoch bereits die erste Neuerung in Sarge: den Debian-Installer, der sich mit den dort gezeigten Parametern schon vor dem Booten konfigurieren lässt, um zum Beispiel nicht nach USB-Geräten zu suchen (auf manchen Rechnern führt die Suche zu Fehlern beim Start).

Abbildung 1: Schon der Boot-Screen von Sarge verrät, dass die Debian-Entwickler viel Arbeit in neue und benutzerfreundlichere Oberflächen gesteckt haben.
Neben vielen anderen liegt die Hauptursache der Verspätung von Sarge im Debian-Installer. Die Entwickler haben erkannt, dass ein benutzerfreundliches Installationssystem von essentieller Bedeutung ist, und entwickelten ein komplett neues, das die Boot-Floppies aus Woody ablöst. Der zeitliche Aufwand war immens – das Ergebnis kann sich jedoch sehen lassen: Der Installer unterstützt nahezu 43 Sprachen, XFS-Dateisysteme, das Booten von USB-Memory-Sticks, und erkennt Hardware deutlich besser als die Boot-Floppies.
Er macht einen weitaus benutzerfreundlicheren Eindruck als die Boot-Floppies. Eine grafische Oberfläche gibt es zwar nicht, aber die ist dank der intuitiven Bedienung auch nicht nötig. Als Standard-Kernel-Version kommt Sarge mit 2.4, per Eingabe von linux26 wählen Sie stattdessen einen alternativen Kernel der Version 2.6.8. Die automatische Hardwareerkennung fand im Test sogar die Firewire-Schnittstelle und bot an, sie als Netzwerkinterface zu konfigurieren. Mit Woody stand noch das eigenhändige Laden von Kernel-Modulen auf der Tagesordnung.
Auch die Partitionierung der Festplatte gestaltet sich komfortabler als früher. Sarge erkennt freie Speicherbereiche und bietet an, sie automatisch zu partitionieren. Dabei haben Sie die Wahl zwischen Alle Dateien auf eine Partition, Desktop-Computer und Mehrbenutzer-Arbeitsplatzrechner. Für Serverrechner empfiehlt sich die dritte Variante, in der /, /usr, /var, /tmp und /home jeweils eine eigene Partition bekommen.
Partitionieren Sie lieber selbst, haben Sie wie gewohnt auch dazu die Möglichkeit. Allerdings verwirren die Symbole ein wenig, die sich erst nach einer Lektüre der ausführlichen Hilfeseite erschließen. Standarddateisystem ist Ext3, wahlweise stehen auch Ext2, ReiserFS, JFS, XFS und FAT zur Verfügung.
Pakete, Pakete, Pakete
Danach startet schon die Installation des Basissystems. Je nach Computer überrascht zwischendurch ein Dialog, in dem Sie den gewünschten Kernel aus einer Liste von über 30 Versionen auswählen müssen. In der Regel genügt es, den schon markierten Eintrag zu übernehmen. Ist das Grundsystem installiert und der Rechner neu gestartet, geht es an die Konfiguration: Uhrzeit, Zeitzone, Root-Passwort und Anlegen eines Benutzers.
Ein großer Vorteil von Debian ist, dass Sie alle Pakete über’s Internet installieren können. Die Konfiguration des Paket-Managers Apt bietet an, Pakete von CD-ROM, aus dem Internet oder vom Dateisystem zu installieren. Die Auswahl an Paketen hat sich wieder einmal immens vergrößert. Sarge beinhaltet 15?000 Programme, die ganze zwei DVDs einnehmen. Der Kauf einer Box lohnt sich da umso mehr.
Die Paketauswahl gliedert sich bei der Installation in mehrere Abschnitte. Neben Desktop-Umgebung können Sie wahlweise Web-, Druck-, DNS- oder Dateiserver installieren. Kennen Sie sich mit dem Paketsystem bereits aus, wählen Sie Manuelle Paketauswahl. Allerdings startet daraufhin das Werkzeug Aptitude, an dessen Oberfläche Sie sich erst gewöhnen müssen. Es empfiehlt sich, die nötigen Pakete erst später mit Synaptic oder apt-get nachzuinstallieren, um sich nicht durch das Aptitude-Frontend kämpfen zu müssen.
Die Installation der Pakete bei einem Desktop-System dauert mit DVDs je nach Rechnerleistung etwa eine Stunde. Bei Auswahl von Desktop-Umgebung installiert Debian ärgerlicherweise automatisch sowohl KDE als auch Gnome, eine Auswahl nur eines Desktops sieht das GUI nicht vor. Insgesamt belegt Sarge dann knapp 2 GByte auf der Platte. Standard-Desktop ist Gnome, alternativ wählen Sie KDE im Gnome Display Manager (GDM) aus.

Abbildung 2: Hier wählen Sie aus, welche Software Debian installieren soll. Genügt Ihnen die spärliche Auswahl nicht, benutzen Sie lieber nach der Installation ein Tool wie Synaptic, denn die manuelle Paketwahl funktioniert mit Aptitude, einem sehr unkomfortablen Frontend.
Bei der Installation auf einem Laptop fiel auf, dass Debian sich nicht darum kümmert, Laptop-spezifische Dienste zu installieren. Einen Batterie-Monitor im KDE- oder Gnome-Applet haben wir genauso vermisst wie einen für mobile Rechner optimierten Kernel oder ein Programm, das die Frequenz der CPU dynamisch regelt. Hier müssen Sie selber Hand anlegen; bei der riesigen Auswahl an Paketen gerät die Suche nach dem richtigen Tool aber manchmal zum Geduldsspiel.
Ungeliebtes XFree86
Dass Debian sich zwar mit Sarge sehr stark an die Desktop-orientierte Konkurrenz angenähert hat, mit den Platzhirschen auf dem Desktop aber nicht mithalten kann, zeigt die Einrichtung des X-Servers. Nachdem der GDM automatisch gestartet ist, lief der X-Server im Test lediglich mit einer Auflösung von 800×600 Punkten. Der 17-Zoll-LCD-Monitor und eine ATI-Rage-128-Grafikkarte vertragen jedoch 1280×1024 Punkte ohne weiteres.
Das Kommando von dpkg-reconfigure xserver-xfree86 und ein Neustart per [Strg]+[Alt]+[Backspace] behebt in diesem Fall das Problem. Maus und Tastatur erkannte Debian zuverlässig. Eine Version des modernen X.org-Servers hat es leider nicht in Sarge geschafft, Sie müssen mit XFree86 4.3.0 Vorlieb nehmen.
Da Sarge schon viel früher erscheinen sollte, haben es die aktuellen Versionen vieler Programme nicht mehr in die Release geschafft. Die Entwickler haben sich vor allem auf die Stabilität der Software denn auf Aktualität konzentriert; ein Grund, warum Debian den Ruf hat, stets etwas angestaubt zu sein. Andererseits sollten sich Distributoren, die ihren Produkten Beta-Versionen von Open Office beipacken, hier eine Scheibe abschneiden.
Mit Gnome 2.8 (Abbildung 3) und KDE 3.3.2 stehen Ihnen relativ aktuelle und stabile Versionen der beiden Desktop-Umgebungen zur Verfügung. Der Gnome-Desktop wirkt aufgeräumt und die Menüeinträge sinnvoll. Bei KDE gesellen sich die Gnome-Programme zu den KDE-spezifischen Einträgen im Menü, was zu doppelten Einträgen der Systemüberwachung oder des Terminals führt. Wer hier anhand des Icons nicht erkennt, welches Programm für KDE bestimmt ist, wird schnell frustriert sein.

Abbildung 3: Standardmäßig benutzt Debian 3.1 den Gnome-Desktop zusammen mit den wichtigsten Programmen. Die Installationroutine installiert jedoch auch KDE, sodass Sie die Wahl haben, welchen Desktop Sie starten möchten.
Darüber hinaus nervt, dass die Debianer immer noch ein Untermenü Debian integrieren. Dort findet sich widerum eine komplette Menüstruktur mit weiteren Anwendungen, Bildschirmeinstellungen und Spielen. Programme wie FSView oder ImageMagick starten Sie ausschließlich aus diesem Menü. Eine Integration in das Standard-Gnome- und KDE-Menü wäre da wünschenswert.
In der Standardinstallation fehlen elementare Programme wie der Cups-Drucker-Daemon. Eine größere Paketauswahl wäre hier sinnvoll, damit Anwender nicht ständig Software nachinstallieren müssen.
Sicherheit geht vor?
Dank diverser grafischer Hilfsprogramme müssen Sie bei Debian nicht mehr für jede Aufgabe auf die Kommandozeile. Mit den grafischen Tools verwalten Sie Benutzer, Netzwerkeinstellungen und -profile. Das Paketmanagement mit Gnome oder KDE übernimmt Synaptic. Unter KDE gibt es zusätzlich noch KPackage.
Der grafische Ersatz für Aptitude nennt sich Synaptic. Mit diesem Tool suchen und installieren Sie schnell Pakete, entfernen sie oder updaten das ganze System mit den neuesten Versionen aus dem Internet. Dank Synaptics sinnvoll und simpel gestalteter Struktur dauert die Installation von Paketen in Debian nur wenige Sekunden.

Abbildung 4: Synaptic ist ein sehr ausgereiftes Paket-Management-Programm. Suchen Sie mit diversen Kriterien die Programme Ihrer Wahl und installieren Sie sie mit einem Knopfdruck auf Anwenden.
Damit Anwender und Systemadministratoren stets mit den aktuellsten Sicherheitsupdates versorgt sind, gibt es den Server http://security.debian.org, der in der Regel auch in der Datei /etc/apt/sources.list eingetragen ist. Apt holt sich dann die neuesten Updates per apt-get update && apt-get upgrade.
Seit der Release von Sarge hat sich allerdings beim Debian-Sicherheitsteam nichts mehr geregt. Dringend notwendige Updates erschienen nicht auf den Servern, eine offiziellen Stellungnahme gab es nicht. Primär sollen technische und personelle Probleme für den Missstand verantwortlich sein. Zum Redaktionsschluss begann Martin “Joey” Schulze (offensichtlich momentan einziges aktives Mitglied im Team) damit, die längst überfälligen Updates nachzureichen.
Ganz schön schnell
Ein erster Neustart mit dem komplett installieren Sarge auf den Test-PCs der Redaktion zeigte, dass Debian 3.1 deutlich schneller bootet als seine Konkurrenz. Das liegt größtenteils daran, dass Debian nur die nötigsten Dienste standardmäßig installiert. Damit gewährleistet Debian auch den Betrieb auf schwachen Maschinen.
Dementsprechend starten auch nur wenige Netzwerkdienste. Neben dem Mailserver Exim läuft der Fam-Daemon (File Alteration Monitor), der Programme über Änderungen an Dateien informiert. Vor allem KDE-Tools wie der Konqueror-Datei-Manager benutzen diesen Daemon. Außerdem installiert Sarge standardmäßig SSH. Firewall-Regeln wie viele andere Distributionen erstellt Debian nicht. Allerdings kommen mit den DVDs gleich mehrere Frontends für den Paketfilter IPTables, etwa Shorewall oder Guarddog.
Unter der Haube hat sich mindestens soviel getan wie an der Oberfläche. Debian Sarge setzt zeitgemäß auf UDev, das automatisch Gerätedateien in /dev/ anlegt, sobald Sie neue Geräte anschließen. Als Teil dieses Hotplug-Systems haben auch HAL und D-Bus [3] den Weg in Debian gefunden. Wer von Woody kommt, muss sich bei der Einrichtung dieser Systemdienste erst umgewöhnen.
Fazit
Debian GNU/Linux macht mit Version 3.1 im Vergleich zu Woody einen Riesenschritt, der allerdings durch die lange Entwicklungszeit schon fast gezwungenermaßen stattfinden musste. Mit der großen Auswahl an Paketen kann kein Konkurrent mithalten, auch wenn die Software nicht immer die aktuellste ist.
Den Weg auf die Desktops ebnet diese Release trotzdem schon, wozu auch Derivate wie Ubuntu beigetragen haben. Hier punktet Debian mit seiner Flexibilität, die keine Distribution in dieser Ausprägung bietet. Mit dutzenden Repositorys im Internet, die Sie lediglich in /etc/apt/sources.list eintragen, haben Sie stets aktuelle Versionen Ihrer Programme auf dem Rechner, auch wenn sie in Debian noch nicht integriert sind.
Das System gibt sich gewohnt stabil, installiert nur das Nötigste und überlässt die meisten Konfigurationsoptionen dem Anwender. Wer sich mit der Konfiguration von Linux-Systemen bereits auskennt und gerne Hand anlegt, ist mit Sarge gut bedient, Anfänger greifen besser zu einer Distribution, die weniger Kenntnis verlangt.
Nach den monatelangen Querelen, die immer wieder eine Release verhindert haben, gibt es bereits Stimmen, die fordern, dass Debian nie wieder eine Stable-Version herausgibt. Andere wünschen sich vom Projekt endlich vorhersagbare und realistische Termine.
Beide Seiten haben ihre Berechtigung, doch die Debianer sollten sich für einen der beiden Wege entscheiden. Denn die Distribution zählt zu den wichtigsten Linux-Systemen überhaupt, mit unzähligen Derivaten, die alle auf der qualitativ hervorragenden Arbeit der Debian-Entwickler basieren. Das Ausbleiben von Security-Updates in den Wochen nach dem Release hat zusätzlich die Dominanz der Distribution in der wichtigsten Domäne von Debian gefährdet: den Servern.
Infos
[1] Debian besorgen: http://www.de.debian.org/distrib/
[2] AMD64-Port: http://www.debian.org/ports/amd64/
[3] Oliver Frommel, Marcel Hilzinger, René Rebe, “Mit heißer Nadel – Hotplugging”: LinuxUser 03/05, S. 91






