Im Juni hat Red Hat eine neue Release der Distribution Fedora Core 4 veröffentlicht. Änderungen gegenüber dem Vorgänger sind vor allem für Entwickler und Server-Betreiber interessant.
Das Distributionskarussel dreht sich weiter, und es wird immer schwieriger, Schritt zu halten. Nach Ubuntu 5.04, Suse 9.3 und Debian Sarge präsentiert nun Red Hat Version 4 ihrer Community-Distribution Fedora Core – dieses Mal nicht nur für Intel- und AMD-Prozessoren, sondern auch gleich für PowerPC.
Fedora Core 4 umfasst eine DVD oder vier CDs, deren Images Sie auf der Site [1] finden. Erfahrene Benutzer können sich auch an einem Online-Update versuchen, das kein Installations-Medium voraussetzt. Einige Tipps dazu gibt der Kasten “Online-Update”.
Installation wie gewohnt
Nach dem Booten gelangen Sie in den Fedora-Installer, der sich mehr oder weniger selbst erklärt. Die Distribution verwendet Kernel 2.6.11, der recht aktuell ist und deshalb ein breites Spektrum an Hardware unterstützt. Bei der Installation selbst hat sich wenig geändert: Sie können aus drei fertigen Profilen (Persönlicher Desktop, Workstation, Server) auswählen, die Umfang und Inhalt der installierten Pakete festlegen, oder alles selbst bestimmen (Benutzerdefiniert).
Online-Update
Es ist möglich, wenn auch nicht offiziell von Red Hat empfohlen, ein laufendes Fedora-System ohne Installationsmedium auf Version 4 zu aktualisieren. Als Faustregel gilt: Je aktueller das System, desto weniger Probleme treten auf. Am größten sind die Chancen also mit Fedora Core 3.
An sich ist die Vorgehensweise einfach: Sie laden das Yum-Paket von Fedora Core 4 herunter, installieren es auf dem alten System und führen yum update aus. Das Programm lädt dann die nötigen Dateien vom Fedora-Repository im Internet herunter.
Wenn Yum das Update abbricht, liegt es meist daran, dass es keine aktuelleren Versionen von Paketen findet, die nicht von der ursprünglichen Installation stammen, sondern aus anderen Quellen. Entfernen Sie diese mit rpm -e und starten Sie Yum neu. Weitere Hinweise zum Update älterer Fedora- oder gar Red-Hat-Releases finden Sie unter [6].
Wenn Sie dem System das automatische Partitionieren der Festplatte überlassen, fasst es mit dem Logical Volume Manager (LVM) einzelne Partitionen zu logischen Einheiten zusammen. Den meisten Benutzern werden dabei logische “Volumes” und “Groups” wohl noch fremder erscheinen als Partitionen. Auch die grafische Oberfläche des Volume Managers hilft da kaum weiter (Abbildung 1). Wer nicht als professioneller Systemadministrator arbeitet, sollte wohl fürs Erste bei Partitionen bleiben.

Abbildung 1: Die Benutzeroberfläche des Volume Managers ist nicht selbsterklärend und auch nicht frei von Fehlern: Die Grafik lässt sich nicht weiter nach links schieben, die Beschriftung bleibt deshalb unlesbar.
Menüs konfus
Optisch hat sich bei Fedora Core 4 gegenüber dem Vorgänger nicht viel geändert, Login-Screen und Desktop-Hintergrund sind gleich geblieben. Die Menü-Struktur von Gnome 2.10 wirkt etwas aufgeräumter, weist aber immer noch einige Ungereimtheiten auf. So gibt es immer noch drei unterschiedliche Menüs für Einstellungen: Anwendungen | Systemwerkzeuge, System | Präferenzen und System | Systemeinstellungen. In letzterem finden sich unter anderem der Logical Volume Manager und Dienste. Andererseits enthält auch Anwendungen | Systemwerkzeuge ein Programm zur Diskettenverwaltung. die CDs und Disketten mountet oder formatiert. Jedes der drei Einstellungsmenüs führt auch einen Eintrag zur Netzwerkkonfiguration: Netzwerk-Proxy, Netzwerk und Netzwerkgerät-Kontrolle. Unter KDE sieht es ähnlich aus, zu den drei beschriebenen Menüpunkten gesellt sich allerdings noch das KDE-Kontrollzentrum.
In Gnome findet sich unter den Systemwerkzeugen ein praktisches neues Feature: der Eintrag Neu Anmelden, der den Wechsel zu einem anderen Benutzer erlaubt, ohne sich dafür auszuloggen (Abbildung 2). Wer seinen Computer mit anderen gemeinsam nutzt, braucht also nicht mehr seine Arbeit zu unterbrechen und alle Anwendungen zu schließen.

Abbildung 2: Der Punkt “Neu anmelden” lässt andere Benutzer eine eigene Desktop-Sitzung öffnen, ohne dass Sie sich ausloggen müssen.
Verbesserungen im Server-Bereich
Fedora Core 4 bringt aktuelle Versionen verbreiteter Anwendungen mit, zum Beispiel Firefox 1.0.4, Gimp 2.2.7 und Evolution 2.2.2. Das OpenOffice-Team konnte seinen Release-Plan nicht einhalten, deshalb enthält das aktuelle Fedora eine Beta von Version 2 (Abbildung 3). Wenn das endgültige OpenOffice erscheint, wird Fedora für Core 4 passende Pakete bereitstellen, wie übrigens auch den Kernel 2.6.12. Dass Fedora auch zwischen den eigentlichen Releases immer wieder Updates anbietet, stellt einen großen Vorteil der Distribution dar.

Abbildung 3: Fedora Core 4 enthält eine Beta-Version von OpenOffice 2. Wer abwechselnd Gnome und KDE benutzt, darf sich über eine Verdoppelung des Mülleimers freuen.
Wie der Name nahe legt, soll der Gnome Keyring Manager (Systemwerkzeuge | Schlüsselbund verwalten) sich um die Verwaltung kryptographischer Schlüssel kümmern. Leider konnten wir im Test davon keinen Gebrauch machen, weil auch das User-Interface etwas kryptisch erscheint, und Dokumentation Mangelware ist. Es wäre ein bisschen unfair, ein Programm zu kritisieren, das als Übungsprojekt für die Leute der Mailing-Liste “Gnome Love” dient [2]. Andererseits sollte Red Hat es dann vielleicht nicht in ihre Distribution einbinden oder zumindest ansatzweise dokumentieren.
Einige Arbeit haben Red-Hat-Mitarbeiter in eine Anwendung namens NetworkManager gesteckt, die das Einrichten von Wireless-LANs mit Gnome vereinfachen soll. Leider funktionierte auch sie nicht einfach von selbst, und die Hilfe zum Programm half nicht weiter. Das mutmaßlich grafische Frontend NetworkManagerInfo zeigte nicht einmal sein Fenster. Manche Anwendungen tauchten zwar im Gnome-Menü auf, ließen sich aber nicht starten. Wählt man das entsprechende Icon an, passiert einfach nichts – so zum Beispiel bei Anwendungen | Programmieren | LogFactor5,
Fehlende Codecs
Der neuentwickelte Dokumentenbetrachter Evince ersetzt in Gnome nun den Vorgänger ggv und zeigt PDF- und Postscript-Dateien. Das einfache Programm scrollt ohne Sprünge durch mehrseitige PDF-Dokumente und lässt den Benutzer im Gegensatz zu ggv auch in darin suchen. Annotations und Formulare beherrscht es dagegen noch nicht.
Wie der Vorgänger lässt Fedora Core 4 gute Multimediafunktionen vermissen. Praktisch alle wichtigen und verbreiteten Codecs fehlen. Mit der Standardinstallation lassen sich weder MP3-Dateien noch DVDs abspielen. Der Helixplayer beherrscht nur die freien Ogg-Codecs Theora und Vorbis. Gleichermaßen hat Red Hat einige Grafik- und Multimediaprogramme aus der Distribution entfernt, so FreeCiv, GNUChess, Maelstrom und einige SDL-Bibliotheken. Diese Anwendungen finden sich nun wenigstens im Extras-Repository – im Gegensatz zu den fehlenden Codecs. Diese führt üblicherweise das Repository livna.org [3], das bei Redaktionsschluss allerdings noch keine Pakete speziell für Core 4 anbot. Immerhin ließ sich zum Beispiel das Xvidcore-Paket für Core 3 problemlos installieren.
Das Ausmisten auf der Anwendungsseite schuf Platz für Erweiterungen im Server-Bereich. Das Clustering-Dateisystem GFS (Global File System) ist nun fester Bestandteil der Distribution. Es handelt sich um ein Netzwerk-Dateisystem, ähnlich Samba oder NFS, allerdings legt es den Schwerpunkt auf Ausfallsicherheit. Fedora Core 4 bringt standardmäßig auch Xen mit, eine Software, die mehrere virtuelle Linux-Systeme unabhängig voneinander laufen lässt und überwacht, siehe [4].
Sicheres Linux
Der Sicherheitsmechanismus SELinux wurde von den Red-Hat-Entwicklern noch einmal gründlich erweitert. SELinux implementiert so genannte rollenbasierte Sicherheit, was wesentlich feinere Zugriffssteuerung ermöglicht als das bekannte Unix-Schema von Benutzern, Gruppen und Rechten. Damit lässt sich ein Linux-System beispielsweise so einrichten, dass nicht einmal Root bestimmte Dateien verändern darf. Ein solches Verhalten kann jeder auf einem Rechner des SELinux-Entwicklers Russell Coker ausprobieren, der öffentlich zugänglich ist [5].
Fedora Core 4 bringt über 80 fertige SELinux-Profile für spezifische Dienste mit, von Bluetooth über den Cups-Druckdienst bis zum Samba-Netzdateisystem. Die Komplexitität von SELinux macht es einfach, sich aus dem eigenen System auszusperren. Den einzigen Ausweg bietet dann ein Neustart mit abgeschaltetem SELinux. Einsteigern steht deshalb Fedora Core 4 die praktische Möglichkeit offen, SELinux zunächst in einem Modus zu betreiben, in dem es Verstöße gegen die Sicherheitsrichtlinien nur protokolliert. Wer SELinux verstanden hat und sich kompetent genug fühlt, schaltet sein System später einfach mit dem Enforcing Mode ( auf Deutsch: Durchsetzen) scharf (Abbildung 4).

Abbildung 4: Die “Sicherheitsstufen-Konfiguration” stellt SELinux ein. Nicht alle Textfelder sind richtig lokalisiert.
Entwickler-Tools
Red Hat liefert Fedora Core mit dem GNU Compiler 4.0 aus. Das schließt auch den Java-Compiler GCJ ein, der Java-Code in ein direkt ausführbares Format übersetzt, nicht etwa in den sonst üblichen Bytecode. Prominentes Beispiel dafür ist die ebenfalls enthaltene Entwicklungsumgebung Eclipse in Version 3.1M6, die Red Hat mit dem GCJ übersetzt hat.
Wer Java-Programme entwickeln möchte, sollte das JDK von Sun herunterladen – der GCJ-Interpreter kann nämlich nicht alle Java-Programme ausführen. So scheitert er beispielsweise auch der Bytecode-Version von Eclipse. Die Fedora Release Notes empfehlen, nicht das RPM-Paket von Sun zu verwenden, da es mit den Abhängigkeiten des Fedora-Systems kollidiert. Besser eignet sich der ausführbare Installer von Sun oder die Pakete von http://jpackage.org.
Es ist unklar, ob Red Hat aus unternehmenspolitischen Gründe das vornehmlich von Novell entwickelte Mono-Framework nicht mitliefert, das die .NET-Umgebung von Microsoft nachahmt. Es gibt jedoch immer mehr interessante, auf Mono basierende Gnome-Anwendungen, die Red Hat nun nicht in die Distribution aufnehmen kann, zum Beispiel Beagle oder F-Spot (siehe Artikel auf S. 54). Stattdessen setzt die Firma auf Java, eine Sprache, in der leider nur wenige für Desktop-User interessante Anwendungen geschrieben sind. Zumindest für Gnome-Entwickler ist diese Option aber interessant, da sie mit GCJ und den entsprechenden Bibliotheken richtige Gnome-Anwendungen in Java schreiben können.
Update oder nicht?
Wer schon Fedora Core benutzt, sollte auf Version 4 updaten, um in den Genuss neuer Software zu kommen. Abgesehen von neuen Libraries und Anwendungen bietet Core 4 wenig Attraktionen für Desktop-Benutzer. Interessante Änderungen fanden hauptsächlich im Server-Bereich statt. Fedora zeigt sich wieder einmal als Spielwiese der Red-Hat-Entwickler, die damit neue Technologien für ihr Enterprise Linux testen. Das betrifft bei Fedore Core 4 vor allem das Cluster-Dateisystem GFS und Xen, den Monitor für virtuelle Server-Maschinen.
Das bedeutet nicht, dass Fedora Core 4 eine schlechte Distribution ist. Ihre fehlen nur die etwas interessanteren und aktuellen Anwendungen für den Desktop-Benutzer. Einige davon finden sich immerhin im Fedora-eigenen Extras-Repository und auf Servern anderer Paket-Bauer.
Wer bunte und moderne Desktop-Anwendungen mag, sollte sich vielleicht eher einer anderen Distribution zuwenden. Wer sich eher für den Serverbereich interessiert, kann sich mit Fedora gut in Red Hat Enterprise Linux einarbeiten.
Infos
[1] Fedora downloads: http://fedora.redhat.com/download
[2] Gnome Keyring Manager: http://live.gnome.org/GnomeLove_2fGnomeKeyringManager
[3] Livna repository: http://rpm.livna.org
[4] Rüdiger Berlich, Virtualisierung mit Xen, Linux-Magazin 7/05, S. 94
[5] SELinux play machine: http://www.coker.com.au/selinux/play.html
[6] Upgrading with Yum: http://fedoraproject.org/wiki/YumUpgradeFaq




