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Telefonauskunft

01.07.2005
Das Kommandozeilenwerkzeug Gammu liest und verändert Telefonbücher, Kalender oder Geräte-Interna von Handys. Der grafische Aufsatz Wammu erledigt die wichtigsten Funktionen mit komfortabler Oberfläche.

Im mobilen Zeitalter entwickelt sich das Handy zum zentralen Element in der Kommunikation. Längst dient es nicht mehr nur zum Telefonieren, sondern erinnert auch an Termine sowie anstehende Aufgaben und fungiert als Adressbuch. Regelmäßiger Datenabgleich zwischen Computer und tragbarem Telefon hält die verschiedenen Kalender und Kontaktdatenbanken synchron.

Das Kommandozeilenwerkzeug Gammu [1] ruft sämtliche Daten vieler Mobiltelefone ab – egal ob über Datenkabel, Infrarot oder Bluetooth. Da das Eintippen langer Befehlszeilen nicht zu den Hobbies jedes Handy-Benutzers zählt, existiert mit Wammu [2] eine Oberfläche für den komfortablen Gammu-Einsatz.

Installation

Suse bringt Gammu und das Frontend Wammu schon mit, Benutzer dieser Distribution installieren beide Pakete über Yast. Für andere Linux-Varianten finden Sie auf der Heft-CD den Quelltext und für Gammu sowohl RPM- als auch Debian-Pakete unter LinuxUser/gammu/. Installieren Sie zunächst Gammu im Unterverzeichnis rpm mit rpm -Uvh gammu-1.01.11-1.te.i386.rpm oder die .deb-Dateien unter deb über dpkg -i libgammu0_1.01.11-0_i386.deb gammu_1.01.11-0_i386.deb. Für beide Pakettypen benötigen Sie Bluetooth-Unterstützung durch die Pakete bluez-libs (RPM) beziehungsweise libbluetooth1 (Debian).

Die grafische Oberfläche Wammu setzt das Paket python-gammu [3] voraus. Sie finden es auf der Heft-CD unter LinuxUser/gammu/src/python-gammu-0.8.tar.bz2. Entpacken Sie die Datei auf der Festplatte mit tar -xjf python-gammu-0.8.tar.bz2 und wechseln Sie ins Verzeichnis python-gammu-0.8. Die Kommandos python setup.py build und anschließend python setup.py install spielen das Paket ein.

Danach verfahren Sie analog mit Wammu, die Quelltextdatei auf der Heft-CD heißt LinuxUser/gammu/src/wammu-0.8.tar.bz2. Nach dem Entpacken geben Sie im Verzeichnis wammu-0.8 ebenfalls python setup.py build und, wiederum mit Root-Rechten ausgestattet, python setup.py install ein.

Wammu

Starten Sie nun mit dem Befehl wammu die grafische Oberfläche. Beim ersten Start existiert die persönliche Konfigurationsdatei namens .Wammu im Home-Verzeichnis nicht, so dass das Programm den Einstellungsdialog öffnet. Liegt eine Datei ~/.gammurc vor, übernimmt Wammu daraus die Voreinstellungen; andernfalls schlägt es vor, eine automatische Erkennung zu versuchen. In diesem Fall testet es die gebräuchlichen Schnittstellen auf gefundene Geräte.

Kasten 1: Handy per Infrarot-Schnittstelle

Viele Laptops verfügen über eine Infrarot-Schnittstelle, passende Adapter existieren auch für den USB-Anschluss. Ein Infrarot-Adapter hat dann gegenüber einen telefonspezifischen Datenkabel den Vorteil, dass er sich mit unterschiedlichen Geräten nutzen lässt. Die Alternative Bluetooth unterstützen viele Handys und Computer nicht.

Installieren Sie zunächst das Paket irda, oder, auf einigen Distributionen, irda-utils. Wenn Sie einen USB-Adapter nachträglich anschließen, starten Sie das Infrarot-System mit Root-Rechten neu über /etc/init.d/irda restart.

Die meisten Distributionen sprechen die Infrarot-Schnittstelle in der Voreinstellung über /dev/ttyS1 an. Besitzen Sie einen von Linux unterstützten FIR-Adapter ("Fast Infrared"), ändern Sie in der Konfigurationsdatei den Eintrag /dev/ttyS1 in den Namen des Gerätetyps, beispielsweise stir4200. Die für diese Einstellung zuständige Datei heißt unter Suse /etc/sysconfig/irda, häufig auch /etc/irda oder /etc/default/irda-utils (Debian-basierte).

In der Gammu- und Wammu-Konfiguration tragen Sie als Port dasselbe ein wie in der Infrarot-Konfiguration, also /dev/ttyS1 oder den Gerätenamen. Unter Connection gehört der zu Ihrem Telefon passende Eintrag, meist irdaphonet, bei einigen auch infrared, fbusirda oder irdaat.

Findet Wammu Ihr Gerät nicht selbständig, tragen Sie die Daten für Ihr Telefon unter Wammu | Settings manuell ein (Abbildung 1). Im Feld Device landet die Schnittstelle, bei Infrarot /dev/ircomm0, bei Bluetooth /dev/ircomm0 und bei einem USB-Datenkabel /dev/ttyS1. Je nach Konfiguration Ihrer Distribution weichen diese Einträge aber ab.

Abbildung 1: Wammu gibt mit bequem konfigurier- und bedienbarer Oberfläche Auskunft über im Handy gespeicherte Kontaktdaten und Termine.

Unter Connection definieren Sie das zu verwendende Protokoll. Sie finden eine Liste der von Gammu unterstützten Telefone inklusive Verbindungstyp unter [4]. Anschließend wählen Sie den Menüpunkt Phone | Connect, damit Wammu die Verbindung mit dem Telefon herstellt. In der Fußleiste des Fensters sehen Sie daraufhin Batterieladestand und die interne Uhrzeit des Telefons sowie die Signalstärke.

Im Retrieve-Menü laden Sie Daten vom Handy herunter. Nicht alle Handys unterstützen alle Funktionen, auch hierüber gibt die Telefondatenbank auf [4] Auskunft. Der Menüpunkt Info liest Handy-Interna wie Seriennummer, Modell und Firmware-Version aus.

Contacts liefert die Telefonbucheinträge, wahlweise unterteilt in die auf der SIM-Karte und die im Handy-eigenen Speicher abgelegten Kontaktdaten. Mit Calls lesen Sie die eingegangenen und ausgehenden Anrufe aus, mit Messages die SMS-Nachrichten, über Todos die Aufgabenliste und mit Calendar die Kalenderdaten.

Die Upload-Funktionen sind im vorliegenden Wammu 0.8 noch nicht mit jedem Telefon voll funktionstüchtig. In unserem Test gelang es nicht, neue Telefonbuch- oder Kalendereinträge anzulegen. Dagegen produzierten zwar auch neue Aufgaben eine Fehlermeldung, dennoch landeten sie im Speicher des Telefons. Ähnlich verhielt sich der SMS-Editor (Abbildung 2). Trotz eines Fehlers erhielt der Empfänger die Textnachricht.

Abbildung 2: Mit dem SMS-Editor verfassen Sie Textnachrichten ohne die unhandliche Handy-Tastatur.

Sicherheitskopie

Die im Handy gespeicherten Einträge abzugleichen, beugt einem Datenverlust vor, falls das Telefon gestohlen wird oder verloren geht. Das Menü Backup sichert entweder alle oder nur einige der vom Handy heruntergeladenen Daten. Mit Backup | Save öffnen Sie einen Datei-Browser, in dem Sie in der unteren Auswahlliste das Exportformat festlegen.

Wählen Sie entweder Gammu backup [all data], um alle Daten im Gammu-eigenen Format zu speichern. Das Adressbuch sichern Sie einzeln in den verbreiteten Standards LDIF oder VCF; zumindest einen der beiden unterstützen alle gängigen Adressbuchanwendungen. Bei Nokia-Geräten steht zusätzlich das Nokia-eigene Kontaktdatenformat zur Verfügung. Auch die Kalenderdaten bereitet Wammu für die Integration in andere Programme auf. Es schreibt sie entweder im von Apple eingeführten iCal-Format oder im vCal-Standard.

Gammu

Wammu nutzt jedoch nicht alle Möglichkeiten, über die ein Handy verfügt. Die verbleibenden Lücken schließt das Kommandozeilenwerkzeug Gammu. Damit lesen Sie das Dateisystem des Telefons aus und kontrollieren seine Spezialfunktionen, wie ein eingebautes Radio oder eine Kamera. Außerdem verwenden Sie die Selbsttests, um den Vibrationsalarm sowie die Display- und Tastaturbeleuchtung zu überprüfen.

Gammu konfigurieren Sie per Texteditor über die Konfigurationsdatei .gammurc im Home-Verzeichnis oder benutzerübergreifend über /etc/gammurc. Haben Sie das Gammu-RPM installiert, finden Sie die systemweite Konfigurationsdatei unter /etc/ vor. Im Debian-Paket liegt eine komprimierte Beispieldatei unter /usr/share/doc/gammu/examples/config/gammurc.gz. Kopieren Sie diese ins Home-Verzeichnis, entpacken Sie sie mit gunzip gammurc.gz und benennen Sie sie um mit mv gammurc .gammurc.

Um Ihr Telefon zu benutzen, passen Sie zunächst entweder mit Root-Rechten die systemweite oder Ihre persönliche Konfiguration an. Im Abschnitt [gammu] sind die Zeilen port und connection unabdingbar, ein # lässt Gammu die folgenden Zeichen ignorieren. Tragen Sie hier die aus Wammu oder von [4] bekannten Daten ein, unter Port also beispielsweise /dev/ttyS1, /dev/rfcomm0 für eine Bluetooth-Verbindung oder /dev/ttyACM0 für ein Datenkabel. Unter connection kopieren Sie ebenfalls den Eintrag von Wammu.

Die Vielzahl der teilweise gerätespezifischen Gammu-Optionen zeigt das Kommando gammu --help. Details zu einem der dort aufgeführten Themen finden Sie beispielsweise über gammu --help filesystem heraus. Ob Gammu Ihr Telefon entdeckt hat, erfahren Sie mit dem identify-Parameter:

$ gammu --identify
Hersteller    : Nokia
Modell        : 6610 (NHL-4U
Firmware      : 4.74 C (14-04-03)
Hardware      : 0640

Alle Wammu-Funktionen erledigt auch Gammu. gammu --getallcalendar liest sämtliche Kalendereinträge des Telefonbuchs ein und gibt sie im Textformat aus. Beim Telefonbuch kommt es auf die vom Gerät unterstützten Funktionen an: Bei einigen Geräten erhalten Sie mit gammu --getallcategory PHONEBOOK das gesamte Telefonbuch und mit gammu --getcategory PHONEBOOK 1 den ersten Eintrag.

Bei anderen Handys erfolgt der Aufruf mit --getmemory, diese Variante unterscheidet zwischen den Speichertypen: ME steht für das Geräte-interne Telefonbuch, SM für das der SIM-Karte. Außerdem benötigen Sie die Nummer eines einzelnen Eintrags oder eines Bereichs. Die im Gerät gespeicherten Adressbucheinträge von 1 bis 100 erhalten Sie beispielsweise mit:

gammu --getmemory ME 1 100

Auf ähnliche Weise betrachten Sie mit gammu --getmemory DC 1 10 die an den Speicherpositionen 1 bis 10 abgelegten ausgegangenen Anrufe. Verwenden Sie MC an Stelle von DC für die verpassten, RC für die angenommenen Telefonate. gammu --getmemory ON 1 zeigt Ihre eigene Nummer und VM führt die von Ihrer Mailbox gesandten Nachrichten auf. All diese Funktionen benötigen ebenfalls ein Telefon, das die jeweiligen Speichertypen unterstützt.

Das Dateisystem des Telefon durchsuchen Sie mit dem Befehl gammu --getfilesystem; er liefert alle auf dem Telefon gespeicherten Dateien, sortiert nach Verzeichnissen. Eine Datei übertragen Sie dann anhand der am Anfang der Zeile ausgegebenen Nummer auf die Festplatte:

gammu --getfiles 63

Über gammu --help nokia und gammu --help siemens erhalten Sie einen Überblick über die internen Funktionen der Geräte dieser beiden Firmen. Auch hierbei unterstützen nicht alle Handys jedes Kommando. Beispielsweise liefert der Versucht, den Sicherheitscode mit gammu --nokiasecuritycode auszulesen oft nur 12345 zurück.

Wer Klingeltöne auf sein Telefon hoch- oder davon herunterladen möchte, findet mit gammu --help ringtone die zuständigen Gammu-Parameter. Geben Sie gammu --getringtoneslist ein, um eine vollständige List der gespeicherten Klingeltöne zu erhalten. Mit Hilfe von gammu --getringtone 51 klingelton beispielsweise übertragen Sie den an Position 51 gespeicherten Klingelton auf die Festplatte in eine Datei namens klingelton. Ihr Format hängt dabei vom Handy ab.

Eingangskontrolle

Gammu sieht die Möglichkeit vor, das Telefon auf eingehende Anrufe und SMS-Nachrichten zu überwachen. Der Befehl gammu --monitor gibt regelmäßig die wichtigsten Informationen aus (Listing 1).

Listing 1

Gammu im Überwachungsmodus

$ gammu --monitor
Press Ctrl+C to break…
Entering monitor mode…
Aktiviere Infos über eingehende SMS : Aktiviere Infos über eingehende SMS : %s
Enabling info about incoming CB  : Enabling info about incoming CB  : %s\n
Enabling info about calls        : Enabling info about calls        : %s\n
Enabling info about USSD         : Enabling info about USSD         : %s\n\n
SIM phonebook     : Used 017, Free 233
Dialled numbers   : Used 020, Free -08
Received numbers  : Used 010, Free 002
Missed numbers    : Used 266, Free -254
Own numbers       : Used 000, Free 005
Phone phonebook   : Used 109, Free 191
ToDos             : Used 2
Calendar          : Used 47
Batteriestatus    : 100 percent
Network level     : 100 percent
SIM SMS Staus    : 8 genutzt, 0 ungelesen, 40 Plätze
Phone SMS status  : 15 used, 0 unread, 150 locations, 20 Vorlagen
Netz Empfang     : Eigenes Netz
Netz           : 262 07 (Netz           : %s (%s", Germany), LAC C75F, CID 7563
Name in phone     : "o2 - de"

Sobald eine SMS oder ein Anruf eingeht, informiert die monitor-Ausgabe über die Nummer des Anrufers. Mit einigen Programmierkenntnissen lässt sie sich durch ein Bash-Skript automatisch auswerten, beispielsweise in eine Log-Datei umleiten und auswerten. Diese Möglichkeit könnten die Entwickler von Wammu oder einer neuen Oberfläche künftig nutzen und in grafische Programme integrieren.

Gammu bietet abhängig vom verwendeten Telefon und seinen Zusatzgeräten zahlreiche weitere Funktionen. Der Befehl nokia --nokiamakecamerashoot löst, wenn vorhanden, bei Nokia-Handys die eingebaute Digitalkamera aus; gammu --nokiatuneradio startet das Radio.

Am besten unterstützt das Programm Nokia-Telefone. Das liegt an der vom Vorgängerprojekt Gnokii, das sich auf die Geräte dieses Herstellers spezialisiert, übernommenen Basis. Im aktuellen Status mangelt es dem mit zahlreichen Funktionen ausgestatteten Kommandozeilenwerkzeug vor allem an einer komfortablen Bedienoberfläche, seine Bedienung setzt an vielen Stellen technisches Wissen voraus. Wammu deckt zwar bereits die gebräuchlichsten Funktionen ab, einige aber nur unzureichend oder überhaupt nicht. Trotzdem lohnt es sich, das Duo auszuprobieren: Mit etwas Geduld gelangen Sie mit Hilfe von Gammu an praktisch alle im Handy gespeicherten Informationen.

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