In dubio pro reo

01.05.2005

Liebe Leserinnen und Leser,

als Server-Betriebssystem sitzt Linux bereits seit Jahren fest im Sattel. Mittlerweile erobert es auch immer zügiger die Desktops in den Unternehmen wie zu Hause. Die Marktforscher warten mit beeindruckenden Zahlen für die künftige Verbreitung des quellfreien Betriebssystems auf dem Arbeitsplatzrechner auf. So prognostiziert die Yankee Group, dass Ende diesen Jahres bereits jedes dritte Unternehmen auch Linux-Desktops einsetzen wird. Eine Gartner-Studie weist gar aus, dass Linux bis 2008 jeden dritten PC erobert haben könnte.

Mit der steigenden Verbreitung ergeben sich aber auch zunehmend Probleme. Zum einen kommen immer mehr Windows-Anwender mit der für sie unbekannten Größe Linux in Berührung. Zum anderen wird das Betriebssystem auf zahlreichen Rechner neu installiert, mit deren teilweise eher exotischer, aber auch völlig gängiger Hardware es gern zu Problemen kommt. Dieser Trend lässt sich auch ganz gut in den Zuschriften hilfesuchender oder bereits völlig entnervter Leser an LinuxUser nachverfolgen. Oft sprechen die problemgeplagten Anwender Linux als Desktop-System pauschal die Existenzberechtigung ab.

Bis zu einem gewissen Grad lässt sich die dahinter stehende Verärgerung gewiß nachvollziehen. So ist es beispielsweise kaum einzusehen, dass bei jedem Update auf eine neue Minor-Version der Lieblingsdistribution das ein oder andere Stück Hardware die Arbeit einstellt, das zuvor noch problemlos seinen Dienst versah. Auch in Sachen Usability bleibt Linux stellenweise noch deutlich hinter seinem Widersacher aus Redmond zurück – wie jeder bestätigen kann, der aus dem ein oder anderen Grund auch gelegentlich Windows-Desktop benutzen muss.

Sicher lassen sich manche Kanten und Ecken an den aktuellen Linux-Desktops den Distributoren und den Entwicklern – nicht zuletzt denen der gängigen GUIs KDE und Gnome – anlasten. Die einen versuchen aus Marketinggründen krampfhaft, möglichst noch kurz vor Release-Termin die allerneuesten Software-Versionen mit auf die Distributionsmedien zu packen - ungeachtet dessen, ob sie bereits hinreichend stabil laufen. Die anderen kümmern sich nach dem Lustprinzip lieber um die Implementation immer neuer, "interessanter" Features, als darum, die bereits bestehenden Funktionen zu stabilisieren und dem Anwender einfach zugänglich zu machen.

Beide Fraktionen haben aber bereits aus ihren Erfahrungen gelernt. Die Distributoren beginnen sich zumindest im Bereich ihrer kommerziellen Produkte bereits von allzu kurzen Veröffentlichungszyklen zu lösen, im Retail-Bereich wird dieser Trend sicher früher oder später auch Einzug halten. Die Entwickler der großen Desktop-systeme wie KDE und Gnome bemühen sich, eine einheitliche Schnittstellenbasis für ihre Software zu schaffen, und räumen der besseren Benutzbarkeit gegenüber wilder Feature-Jagd zunehmend den Vorzug ein. Dies beweisen nicht zuletzt die aktuellsten Releases beider GUIs.

Nicht alles jedoch, was an Linux-Desktops noch kaputt ist, können Entwickler und Distributoren reparieren. Die Dritten im Desktop-Bund – die Hardware-Anbieter – weigern sich nach wie vor zu großen Teilen standhaft, die Existenz von Linux als Desktop-System und Betriebs-Software für ihre Produkte zur Kenntnis zu nehmen. Auch Schnittstellenbeschreibungen für die Hardware fordern die Enwickler allzu oft vergeblich ein. Davon zeugen eine Vielzahl von Online-Petitionen an Hersteller, doch bitte endlich eine Basis zur Treiberentwicklung für ihre Produkte zu schaffen. Suchen Sie einmal in Google nach den Schlagworten Linux, Petition und Hardware: Sie werden über 90000 Treffer erhalten.

Verdammen Sie also Linux nicht in Bausch und Bogen, wenn einmal ein Stück Hardware partout nicht zur Arbeit zu bewegen ist. Für Produkte, die für Windows "optimiert" wurden und deren Spezifikationen und Schnittstellen der Hersteller nicht herausrücken mag, kann selbst der pfiffigste Linux-Entwickler nur schwer vernüftigen Treiber-Support implementieren.

Geben Sie also nicht vorschnell Linux die Schuld an Problemen, sondern lassen sie die Devise gelten, dass im Zweifelsfall der Angeklagte als unschuldig zu betrachten ist. Wenden Sie sich stattdessen bei Hardware-Problemen direkt an der Hersteller, auch wenn der Sie daraufhin damit abwimmelt, dass er für Linux schließlich keine Unterstützung biete. Nur wenn genügend Anwender denn entsprechenden Bedarf anmelden, sehen sich die Hersteller schließlich auch im Zugzwang, sich um Linux auf dem Desktop endlich Gedanken zu machen.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

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