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GEBALLTES WISSEN

Brockhaus und Wikipedia im Vergleich

01.04.2005
Alteingesessener Lexikonverlag gegen das geballte Wissen Millionen Freiwilliger – wo Konkurrenz das Geschäft belebt, sollten am Ende Anwenderinnen und Nutzer profitieren. Ob dem so ist, zeigt dieser Vergleichstest deutschsprachiger Lexika.

Hersteller von Lern- und Edutainment-Software lassen Linux als Plattform immer noch weitgehend links liegen, und auch die Open-Source-Szene steht in diesem Anwendungsgebiet erst am Anfang. Dennoch gibt es einen Teilbereich, in dem wissbegierige Linux-User dank eines sehr erfolgreichen offenen Dokumentationsprojekts und eines rührigen kommerziellen Anbieters gut versorgt sind: die Lexika.

Selbst die noch deutlich spürbare Zurückhaltung, was Linux als Multimedia-Plattform betrifft, scheint hier überwunden: Der Verlag "Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG Mannheim", der sich bereits durch die Veröffentlichung des Dudens für Linux als betriebssystemübergreifender Hersteller für Wissenssoftware profilierte [1], gibt mit dem "Brockhaus multimedial Premium" 2005 erstmals ein Lexikon für das freie Betriebssystem heraus, das sich nicht auf Text, Links und Abbildungen beschränkt.

Der Spaß hat mit 99,95 Euro zwar seinen Preis, doch dafür erhält man neben einer DVD und einer gedruckten Bedienungsanleitung auch ein 352 Seiten starkes Paperback, das die Herzen von Ratefreunden höher schlagen lässt: Vorgefertigte Quizfragen aus den Themenbereichen "Geschichte", "Politik, Wirtschaft, Recht", "Kunst", "Musik", "Sprache und Literatur", "Fremdwörter, Redensarten, Zitate", "Religion, Philosophie, Mythologie", "Erde und Weltraum", "Physik und Chemie", "Mathematik und Technik", "Flora und Fauna", "Mensch und Medizin", "Essen und Trinken", "Sport und Spiel" sowie "Medien und Film" sorgen für abendfüllende Unterhaltung ohne großartige Vorbereitung.

Zusätzlich bietet der Verlag mit dem "Brockhaus in Text und Bild 2005" eine Text- und Bildversion auf einer CD für 79,95 EUR (Preisempfehlung für Deutschland) an [1]. Anders als beim Multimedia-Brockhaus, der mit einem eigenen Anzeigeprogramm kommt, sind die Daten des kleinen Bruders zur Verwendung mit dem Programm officebib [2] gedacht.

Abbildung 1: Der "Brockhaus in Text und Bild" verfügt – abgesehen vom Zugriffsmedium – über wenig, was ihn von einem Lexikon in Papierform abheben würde.

Das dritte Lexikon im Bunde heißt "Wikipedia" und ist eines der erfolgreichsten Beispiele dafür, dass sich das Open-Source-Konzept auch auf Nicht-Software übertragen lässt. Zur Nutzung reicht ein beliebiger Webbrowser. Anders als bei den Brockhaus-Produkten ist der Internetzugang nur in einem Fall optional: Wenn man sich auf den am 1. September 2004 eingefrorenen Datenbestand der Wikipedia-CD [3] beschränkt. Damit beraubt man sich aber auch eines der größten Vorteile des freien Lexikon-Projekts, das in der Online-Version ständig am Puls der Zeit ist.

Bleiwüste oder Multimedia-Overkill?

Sowohl Wikipedia als auch der Text-Brockhaus begnügen sich mit sparsamer Bebilderung. Artikel mit einer Abbildung sind eher die Ausnahme als die Regel, mehrere Bilder eine Seltenheit. Neben dem Text selbst gibt es – allerdings nicht überall – Weiterführendes in Form von Literaturhinweisen. Bei Wikipedia kommen oft auch Angaben zu Filmen und Musik hinzu, die das Thema behandeln sowie Verweise auf andere Stichworte im selben Lexikon und manchmal Aussprachehinweise. Die Anlehnung ans klassische Lexikon in Buchform brechen beide Werke nur in einem Aspekt: bei der Angabe externer URLs zu einem Thema.

Während Wikipedia-Artikel die Möglichkeit, auf andere Stichworte zu verlinken, oft so extensiv nutzen, dass viele Verweise zu noch nicht geschriebenen Artikeln führen, gibt sich der Text-Brockhaus in entgegengesetzter Richtung sparsam: Hier fehlen Verweise sehr oft, obwohl das Lexikon entsprechende Artikel enthält.

Die Möglichkeiten des Computers nutzt der Multimedia-Brockhaus sehr viel besser aus: Ausgewählte Artikel bringen Ton- und Video-Beispiele mit, auch die Aussprache eines Worts kann man sich als Audio-File anhören. So genannte Aktivfotos vermitteln Informationen zu einzelnen Bildausschnitten (Abbildung 2), Bildessays bestehen aus einer Abfolge von Bildern mit erklärendem Text, den man selbst lesen kann und vorgelesen bekommt (Abbildung 3). Geografische Stätten sucht man im interaktiven Atlas und viele – unverständlicher Weise aber nicht alle – Personen lassen sich über eine Zeitleiste in den historischen Kontext einordnen (Abbildung 4).

Abbildung 2: Verweilt die Maus über einem der eingezeichneten Rechtecke, erscheint eine Notiz mit Informationen zum Bildausschnitt.
Abbildung 3: Kleine Präsentationen machen den Wissenserwerb vielseitiger.
Abbildung 4: Unverständlicherweise bringt Brockhaus nicht alle im Lexikon erwähnten Personen und Ereignisse in der Zeitleiste unter.

Für jedes Stichwort generiert das Programm zudem ein sogenanntes Wissensnetz (Abbildung 5), das zu auch entfernt verwandten, teils ähnlich klingenden Stichwörtern führt – das ideale Werkzeug für alle, die in Lexika gern schmökern. Eine Kontextleiste listet außer den externen URLs und Literaturverweisen auch Artikel aus dem engeren und weiteren Umfeld auf (Abbildung 3) und verweist gelegentlich auf "Hätten Sie's gewusst?"-Essays (die zumeist Informationen der nebensächlicheren Art präsentieren) sowie den entsprechenden Artikel aus dem "Kleinen Konversationslexikon" von 1906.

Abbildung 5: Nicht immer haben die Stichworte im generierten Wissensnetz wirklich etwas mit dem Suchbegriff (in der Mitte) zu tun, aber sie regen in jedem Fall zum Stöbern an.

Zusätzliche Abbildungen verspricht der stets vorhandene Link auf die DPA-Datenbank. Oft enttäuscht er aber, weil DPA doch kein passendes Bild findet oder weil man ohnehin nur auf Thumbnails, nicht aber auf die hochaufgelösten Bilder zugreifen darf.

Mehr, kürzer oder länger

Trotz dieser Materialfülle leidet der Multimedia-Brockhaus darunter, dass er auf dem Datenbestand seiner Textvariante aufbaut und die zusätzlichen Medien nur aufsetzt: Fehlt im Artikeltext des Textbrockhaus ein interner Verweis auf ein anderes Lexikonstichwort, fehlt dieser auch im Artikel des Multimedia-Nachschlagewerks. In der Kontextleiste taucht er allerdings möglicherweise als zusätzlicher Artikel auf – eine kritikwürdige Inkonsistenz in der Benutzerführung. Dass der Multimedia-Brockhaus eigenständige Artikeltexte präsentiert, kommt äußerst selten vor (im Testfeld ein einziges Mal).

Besteht der Mehrwert des Multimedia-Brockhaus gegenüber dem Textbruder also darin, durch zusätzliche Medien das Wissen vielfältiger und visuellen und auditiven Lerntypen gerechter zu präsentieren, punktet Wikipedia gegenüber den "Brockhäusern" dreifach: durch aktuellere und ausführlichere Inhalte und durch extensivere Verweise sowohl auf lexikoninterne als auch externe Quellen. Allerdings wohnt insbesondere dem zweiten Punkt auch ein Nachteil inne: Leute, die schnell einfach nur wissen wollen, wie sie einen Begriff einzuordnen haben, dürften die kürzeren Brockhaus-Texte den Wikipedia-Elegien vorziehen.

Einzig bei Personeneinträgen bietet Wikipedia mit den "Personendaten" (Abbildung 6) eine handliche Kurzzusammenfassung. Doch die ist gut versteckt: Sie erscheint nur, wenn man dem Browser verbietet, das Wikipedia-Stylesheet zu verwenden.

Abbildung 6: Nur wenn man die Nutzung des Stylesheets wie links ausschaltet, bekommt man bei Wikipedia-Artikeln zwischen den "Weblinks" und der "Einordnung" die "Personendaten" zu Gesicht.

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