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Xandros Desktop 3.0

Xandros 3.0 [1] basiert wie sein Vorgänger auf einer aktuellen Version von Debian Sarge. Als vor über einem Jahr Ausgabe 2.0 [2] erschien, dachten die Hersteller wohl nicht daran, dass sich bei ihrem nächsten Majorrelease das zugrundeliegende Debian immer noch im testing-Stadium befinden könnte. So unterscheidet sich die neue Version vor allem durch eine neue KDE-Version, einen aktuellen Kernel, X.org an Stelle von XFree86 sowie einige Software-Updates vom Vorgänger.

Version 3.0 des Xandros Desktop gibt es in zwei Varianten: Die Deluxe-Edition kostet etwa 80 Euro, das Standard-Paket mit rund 40 Euro die Hälfte. Beide enthalten eine gedruckte Kurzübersicht, den zehn Seiten starken Getting Started Guide, Deluxe darüberhinaus ein umfangreiches Anwenderhandbuch. Benutzer der Standard-Variante können es im PDF-Format nachträglich erwerben.

Die Installations-CD ist in beiden Paketen identisch. Deluxe enthält aber eine zusätzliche Application Disc, auf der neben einiger freier Software Crossover Office für den Einsatz von Windows-Programmen wie Microsoft Office wartet. Auch in der Support-Leistung unterscheiden sich beide Pakete: Nach der Registrierung erhalten Käufer von Xandros Deluxe 60 Tage Unterstützung, Besitzer der Standard-Variante nur 30 Tage lang.

Produktinfo Xandros Desktop 3.0

Kernel 2.6.9
Oberfläche KDE 3.3.0
X-Server X.org 6.7
Mozilla 1.7
Firefox 1.0
OpenOffice 1.1
GLibc 2.3.2
GCC 3.3.4
Crossover Office 4.1 (nur Deluxe)
Preis Deluxe 79 Euro, Standard 39 Euro
Bezugsquelle LinuxLand (http://www.linuxland.de)

Debian-Klon

Xandros basiert zwar auf der freien Distribution Debian, passt diese jedoch an vielen Stellen an. So installiert eine eigens entwickelte Routine Xandros auf die Festplatte (Abbildung 1). Die Option Express Install fragt den Benutzer lediglich nach dem Notwendigsten: Root-Passwort und Name des ersten Benutzer-Accounts. Sie eignet sich jedoch nicht, wenn noch weitere Linux-Installationen auf derselben Festplatte existieren. Abgesehen von Windows-Partitionen nimmt Express Install nach einem Warnhinweis die gesamte Platte für Xandros in Beschlag.

Abbildung 1

Abbildung 1: Die Xandros-Installationsroutine nimmt dem Benutzer die meisten Entscheidungen ab.

Mehr Auswahl bietet Custom Install. Hier legt der Anwender mit einem Partitionsmanager die Zielpartition fest und bestimmt die zu installierende Software selbst. Die vorgegebenen Profile Minimal, Standard und Complete erleichtern die Entscheidung, es lassen sich aber auch einzelne Programmpakete an- oder abwählen.

Nach dem Neustart zum Abschluss der Installation erwartet den Anwender ein grafischer Boot-Screen. Er bietet neben Xandros nicht nur automatisch ein installiertes Windows zum Start an, auch andere Linux-Distributionen stehen automatisch zur Wahl. Als eine von wenigen Distributionen verwendet Xandros als Boot-Loader Lilo statt Grub.

Aufgrund der unterschiedlichen Herangehensweisen von Lilo und Grub erlaubt nur Lilo, Gerätedateien für die Festplatten – beispielsweise /dev/hda1 – mittels Udev [3] erst während des Systemstarts dynamisch anzulegen. Grub dagegen benötigt schon zum Laden des Kernels die entsprechende Gerätedatei – da es sie nicht findet, lässt sich Xandros mit Grub nicht laden. Zum Problem wird das beim Versuch, mittels einer anderen installierten Distribution unter Verwendung von Grub Xandros als alternative Boot-Option anzubieten. Um den Xandros-Boot-Loader führt also zumindest kein einfacher Weg herum.

KDE-Oberfläche

Als grafische Oberfläche setzt Xandros gänzlich auf KDE. Zwar bietet der Xandros-Server auch andere Desktop-Umgebungen wie Gnome oder XFCE zum nachträglichen Download an, doch eine Abweichung vom Standard empfiehlt sich nicht: Die distributionseigenen Werkzeuge hat Xandros größtenteils nicht als eigenständige Programme realisiert, sondern als zusätzliche Module für vorhandene KDE-Anwendungen.

So lassen sich im Xandros-Kontrollzentrum neben den KDE-Optionen auch die Internet-Verbindung sowie der Boot-Manager konfigurieren (Abbildung 2) und auch die Benutzerverwaltung findet hier statt. Für verschiedene Netzwerkdienste, etwa den SSH- oder den Samba-Server, legt der Benutzer im Kontrollzentrum fest, ob sie beim Boot-Prozess automatisch oder erst auf manuelle Anforderung gestartet werden.

Abbildung 2

Abbildung 2: Xandros integriert die Systemkonfiguration ins KDE-Kontrollzentrum.

Beim Xandros File Manager handelt es sich um eine Erweiterung des Konqueror-Dateimanagers (Abbildung 3). Hier haben die Xandros-Entwickler einen Netzwerk-Browser hinzugefügt, der direkten Zugriff auf NFS-Shares und Windows-Freigaben erlaubt. Das gilt sowohl für Verzeichnisse als auch für Drucker. Des Weiteren bietet ein integriertes Brennerprogramm an, Dateien per Drag & Drop direkt aus dem Dateisystem auf eine CD oder DVD zu kopieren.

Abbildung 3

Abbildung 3: Der Xandros File Manager erweitert den KDE-Dateimanager Konqueror um Netzwerk-Browser und ein Brennerprogramm.

Für Windows-Umsteiger verhält sich der Dateimanager in der Standardeinstellung wie gewohnt: Der Anwender sieht nichts vom Dateisystem. Ohne diese Beschränkung manuell aufzuheben erreicht er nur sein Home-Verzeichnis und Netzwerkfreigaben. Auch USB-Speichergeräte erscheinen nach dem Einstecken hier.

Paket-Management

Ein eigenständiges Programm liefert Xandros zur Installation neuer Software-Pakete mit. Xandros Networks (Abbildung 4) bietet mehr als nur ein grafisches Frontend für das Debian-Paketverwaltungswerkzeug APT. In regelmäßigen Abständen durchsucht das Programm die eingestellten Paketquellen nach Updates und neuer Software. Bietet der Server Neuigkeiten, signalisiert dies ein KDE-Panel-Applet.

Abbildung 4

Abbildung 4: Xandros Networks übernimmt die Paketverwaltung.

Neben den mitgelieferten CDs kennt Xandros Networks in der Voreinstellung als Paketquelle das offizielle Xandros-Repository. Wer mehr Auswahl möchte, aktiviert zusätzlich den Eintrag Debian unsupported site. Hier findet man einige Pakete, die Xandros aus Debian übernommen und an die eigene Distribution angepasst hat; für diese bietet Xandros jedoch keinen Support.

Doch auch hier reicht die Programmvielfalt bei Weitem nicht an die des originalen Debian heran. Wer diese genießen möchte, trägt auf Wunsch zusätzliche Debian-Repositories ein. Davon rät Xandros allerdings explizit ab, denn ein reibungsloses Zusammenspiel mit den für Xandros optimierten Paketen ist nicht gewährleistet.

Auch kommerzielle Zusatzpakete lassen sich direkt über Xandros Networks beziehen. Per Kreditkartenzahlung kaufen Benutzer der Standard-Variante hier Crossover Office oder das Anwenderhandbuch im PDF-Format nach. Dazu gibt es weitere Programme wie StarOffice. Unverständlicherweise steht hier auch freie Software wie Tuxracer oder GnuCash ausschließlich für registrierte Benutzer zum Download zur Verfügung.

Die eingeschränkte Software-Auswahl der Xandros-Repositories wirkt sich besonders negativ auf die Lokalisierung aus. Für einige Programme wie Mozilla und KOffice bietet der Xandros-Server zwar die internationalen Sprachpakete, aber bei der KDE-Oberfläche als Ganzes fehlt jede Übersetzung. Benutzer ohne oder mit geringen Englischkenntnissen stehen deshalb nicht nur bei der Installation vor einem Problem, sondern auch im laufenden Betrieb. Zwar lassen sich die deutschen KDE-Pakete vom Debian-Server installieren, sie helfen jedoch nur begrenzt. Weil Xandros KDE-Anwendungen um eigene Module ergänzt, fehlen in den originalen KDE-Lokalisierungen diese Teile.

Privatsphäre

Nichtsdestotrotz bringen die genannten Erweiterungen Xandros Vorteile im Vergleich zum darunterliegenden Debian und auch zu vielen kommerziellen Distributionen. So ermöglicht die Benutzerverwaltung, per Mausklick das gesamte Home-Verzeichnis zu verschlüsseln, sowohl beim Anlegen neuer Benutzer als auch nachträglich – allerdings ausschließlich in der Deluxe-Variante. Alle Daten im Home-Verzeichnis landen dann in einer verschlüsselten Container-Datei und werden beim Login als Loop-Devices eingebunden.

Dieses Verfahren, das zwar theoretisch bei allen Linux-Distributionen funktioniert, aber meist viel Handarbeit erfordert, bringt jedoch einige Nachteile mit sich. So schützt es nur vor den neugierigen Augen des Systemadministrators, wenn der Benutzer nicht eingeloggt ist. Sinn ergibt diese Maßnahme eher beim Laptop, im Falle von Verlust oder Diebstahl bleiben wenigstens die persönlichen Daten privat. Des Weiteren setzt das Verschlüsselungsverfahren voraus, dass man die Größe der Container-Datei beim ersten Anlegen festlegt. Sie nimmt von diesem Moment an den eingestellen Platz auf der Festplatte ein, unabhängig von der Größe der darin enthaltenen Daten. So empfiehlt sich hier bei Platzmangel eine sparsame Einstellung – jedoch mit Bedacht: Nachträglich lässt sich die Größe nicht mehr ändern. Bei später wachsendem Platzbedarf muss man das Home-Verzeichnis zunächst entschlüsseln und anschließend mit neuer Größe wieder verschlüsseln.

Auch wer sein Benutzerpasswort über die Kommandozeile mittels passwd ändert, wird beim nächsten Login-Versuch staunen. Xandros versucht stets, auf die verschlüsselte Container-Datei mit dem Benutzerkennwort zuzugreifen. Da es sich aber mit passwd unabhängig vom Passwort der Container-Datei ändert, scheitert die Entschlüsselung und damit der KDE-Login. Als Ausweg bleibt dann nur noch ein Login per Konsole, um mittels passwd zum alten Kennwort zurückzukehren. Deshalb sollten Benutzer stets auf das Modul Change Password im Kontrollzentrum zurückgreifen.

Für Benutzer, die sich gelegentlich per SSH auf dem Rechner einloggen, fällt die Xandros-Methode zur Verschlüsselung des Home-Verzeichnisses ohnehin flach: Das Entschlüsseln geschieht nur beim lokalen Login. Wer sich per SSH anmeldet, landet in einem leeren Ordner. Wer sich als Workaround lokal anmeldet, um anschließend per SSH arbeiten zu können, steht wiederum beim Abmelden vor einem Hindernis: Der KDE-Logout hängt so lange in einer Schleife fest, bis sich der User auch per SSH wieder abgemeldet hat.

Sicherheitsmaßnahmen

Wie die verschlüsselten Home-Verzeichnisse bleibt auch bleibt der grafische VPN-Client [4] (Abbildung 5) Deluxe-Käufern vorbehalten. Damit verbinden sich auch Laien über einen sicheren Kanal via Internet beispielsweise mit ihrem Büro-Intranet – allerdings unterstützt der grafische Client nur das Microsoft-eigene Protokoll PPTP. Wer andere VPN-Standards benötigt, installiert die entsprechende Software über Xandros Networks nach.

Abbildung 5

Abbildung 5: Xandros bietet einen grafischen VPN-Client für alle gängigen Protokolle.

In beiden Xandros-Varianten führt Version 3.0 ein grafisches Firewall-Konfigurationsprogramm ein (Abbildung 6). Über den Firewall Wizard legt der Benutzer die Ports fest, auf denen ein- und ausgehende Verbindungen erlaubt sein sollen – auf anderen Ports herrscht Stille.

Abbildung 6

Abbildung 6: Der Firewall-Wizard lässt eingehende Netzwerkverbindung nur selektiv zu.

Ein Feature, das besonders europäische Desktop-Nutzer in alten Xandros-Versionen schmerzhaft vermissten, bindet die neue Version elegant ins Kontrollzentrum ein: Internet-Einwahl per ISDN. Unterstützung für diese fast nur in Europa verbreitete Technik fehlte bei Xandros 2 vollständig. Beim Einrichten wählt der Benutzer lediglich die verwendete ISDN-Hardware und gibt Telefonnummer, Benutzername und Passwort eines oder mehrerer Provider an. Von da an genügt ein Klick auf Connect.

Bei Xandros nichts neues

Dass Xandros seine neue Version 3.0 nennt, verschulden wohl weniger bedeutsame Neuerungen als die Marketing-Strategie. Zwar bringen die neuen Features und Programmversionen die Distribution auf den aktuellen Stand, aber der Desktop als Ganzes unterscheidet sich kaum von Xandros 2. Der Eindruck drängt sich auf, dass der Release-Plan in der Hoffnung auf größere Fortschritte in der Debian-Entwicklung erstellt wurde; diese lassen aber nach wie vor auf sich warten.

Xandros 3.0 bietet zwar einige Neuigkeiten, doch für Besitzer der letzten Ausgabe lohnt sich ein Update kaum. Lediglich Nutzer der neuen Features wie ISDN- und VPN-Unterstützung ziehen daraus wirkliche Vorteile. Insgesamt bleibt der Xandros Desktop eine robuste Distribution mit guter Hardware-Erkennung und durchdachter Oberfläche. Wer des Englischen nicht mächtig ist, muss allerdings auf die deutsche Version warten – diese war auch für Version 2 angekündigt, erschien jedoch nie.

Infos

[1] Xandros: http://www.xandros.com

[2] Distributionstest, Xandros 2.0: LinuxUser 01/2004, S. 32

[3] Udev: M. Hilzinger et al., "Mit heißer Nadel", LinuxUser 03/2005, S. 91

[4] VPN: Achim Leitner, "Funkgeheimnis", LinuxUser 12/2004, S. 35

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