Liebe Leserinnen und Leser,

Das Geld liegt auf der Straße. Und natürlich findet sich einer, der es aufhebt – ein alter Bekannter sogar. Michael Robertson heißt der Mann. Wenn's da bei Ihnen noch nicht gleich klingelt: Mr. Robertson ist der CEO eines bekannten amerikanischen Linux-Distributors. Seitdem Microsoft dem Unternehmen die ursprüngliche Marke weggeklagt hat, firmiert es unter dem Namen Linspire.

Nomen est omen – an der Inspiration hat es Michael Robertson noch nie gemangelt. Das beweist schon die Idee, seine Debian-basierende Distribution um ein so genanntes Warehouse zu bereichern. Von dieser sinnigen Einrichtung dürfen Abonnenten gegen Zahlung von 49,99 US-Dollar per annum oder ersatzweise 4,95 Dollar monatlich Update-Pakete herunterladen.

Man sollte glauben, ein derartiges Geschäftsmodell sei schlankweg nicht mehr zu toppen. Debian-Anwendern den Download von Debian-Paketen zu verkaufen, liegt immerhin schon recht nahe am sprichwörtlichen Veräußern von Kühlschränken an Eskimos. Doch offenbar gebricht es Mr. Robertson auch über diese clevere Idee hinaus nicht an Inspiration.

Das beweist eine Website, die kürzlich im Netz der Netze aufgetaucht ist und auf den schönen Namen OOoFf.com hört. Dort wird ein atemberaubendes neues Produkt beworben, das – Sie raten es – den Namen OOoFf (sprich: "Uff") trägt. OOoFf setzt sich zusammen aus der Bürosuite OpenOffice.org 1.1.3 (OOo) sowie dem Browser Firefox 1.0, die in OOoFf "erstmals zusammengeführt werden", so Linspire.

In einer bunten Packschachtel finden sich zwei CD-ROMs, deren eine die Programme in Versionen für Linux, MacOS X und Windows trägt. Auf der anderen finden sich der OpenOffice-User-Guide sowie eine Flash-Demo. Das ganze ist derzeit frei Haus zum Einführungspreis von "nur 29,95 US-Dollar" zu haben, später soll das "Produkt" 49,95 Dollar kosten. Hersteller von OOoFf – sie raten es wohl wieder – ist natürlich niemand anderes als Linspire, der wohlbekannte Mr. Robertson also.

Ich gönne gerne Linspire die tolle "Produktidee" und Mr. Robertson das damit verdiente CEO-Gehalt. Immerhin bekommt der Käufer für sein Geld ja zwei CDs mit bewährten und erfolgreichen Anwendungen der Open Source. Auch dass man OpenOffice und Firefox anderswo günstiger bis (fast) kostenfrei bekommen könnte, wollen wir einmal dahin gestellt lassen.

Was mich aber wirklich wurmt, ist die dahinter stehende Attitüde, das Unwissen weniger sattelfester PC-Anwender in klingende Münze umzusetzen – und das auch noch mit Hilfe freier Software. Hinter der Open-Source-Community steht der Stallman'sche Gedanke der Fünf Freiheiten – die letztlich bedeuten, dem Mitmenschen auch ohne finanzielle Anreize zum allgemeinen Nutzen und auf Basis des Kategorischen Imperativs unter die Arme zu greifen.

Diese Idee dadurch zu pervertieren, indem man mit ihren Ergebnissen weniger bedarfte Zeitgenossen über den Löffel barbiert, macht hoffentlich keine Schule. Ein wenig beruhigt mich immerhin die Tatsache, dass OOoFf nur in den "Continental United States" verkauft wird. Offenbar weiß Mr. Robertson sehr wohl, welches Echo er mit seinem Produkt im Open-Source-offeneren Europa ernten würde.

Falls Sie sich jetzt fragen, ob wir just jenes OpenOffice 1.1.3 und eben den Firefox 1.0, aus denen sich OOoFf zusammensetzt, aus widerständlerischen Gründen auf unsere Heft-CD gepackt haben: Nein, den CD-Inhalt haben wir schon geraume Zeit vor Herrn Robertsons Geistesblitz entschieden. Dazu haben wir gleich noch die Preview-Version (1.9.m62) für das anstehende OpenOffice 2.0 gepackt. Den Test dazu finden Sie übrigens auf Seite 61 dieses Hefts.

Eine Bitte zum Schluß: Falls Sie unsere Heft-CD nicht benötigen, weil Sie sich die aktuellsten Versionen von OpenOffice und Firefox lieber via DSL aus dem Netz holen – geben Sie die Heft-CD doch an jemand weiter, der keinen so opulenten Internet-Anschluß sein eigen nennt. So spricht sich herum, dass man kein OOoFf kaufen muss, um an gute Büro- und Internet-Software zu kommen, und wir nicht noch mehr solche "Produkte" sehen müssen.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

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