Lost in Space
Wie benutzerfreundlich ist Nautilus 2.6?
Mangelnde Konsistenz
Nicht nur des ausdrücklichen Anwenderwunsches wegen lässt sich das Spatial-Prinzip nicht immer durchhalten. Sobald sich die Nutzerin aus einer Anwendung heraus per Datei-Dialog im Dateisystem bewegt (z. B. ein gerade geschriebenes Dokument abspeichert), ist sie wieder zurück in der Welt der Pfade und Ordner-Hierarchien. Nicht nur bringen Programme wie OpenOffice oder Ximian Evolution ihre eigenen "klassischen" Dialoge mit, auch Gnome selbst greift in solchen Fällen auf Pfadnavigation zurück (Abbildung 3). Damit stehen sich zwei Navigationsprinzipien gegenüber. Dass das der schnellen Erlernbarkeit dient, ist zu bezweifeln.
Trotz seines Widerspruchs zum Spatial-Paradigma wurde mit GTK 2.4 auch der Datei-Dialog, der von den meisten Gnome-Applikationen benutzt wird, komplett überarbeitet. Eine ausgezeichnete, von vielen Websites (etwa von den online einsehbaren LinuxUser-Artikeln unter http://www.LinuxUser.de/) bekannte Neuerung ist dabei, den aktuellen Pfad als Reihe von Knöpfen/Klick-Feldern über der Datei-Liste abzubilden. Klickt man darin auf ein übergeordnetes Verzeichnis, so springt man einerseits dorthin, andererseits bleibt das ursprüngliche (tiefere) Verzeichnis im Pfad sicht- und klickbar (Abbildung 3). Dadurch lässt sich sehr schnell zwischen zwei Ordnern im gleichen Pfad hin- und herspringen.
Datei-Operationen, etwa Drag&Drop auf ein anderes Verzeichnis, oder Kontextmenüs sind in GTK 2.4 allerdings (noch) nicht möglich. Zudem fehlt ein visuelles Feedback während des Ladens einer Dateiliste (z. B. ein Cursor in Form einer Sanduhr).
Entscheidungsgrundlage
Insgesamt beschneidet Gnome in der Version 2.6 die Navigationsmöglichkeiten und -freiheiten des Nutzers sehr stark. Dies vereinfacht die Arbeit mit dem Rechner jedoch nur zum Teil, da sich das Spatial-Modell nicht konsequent durchhalten lässt, wie der Datei-Dialog zeigt. Da es nicht für jeden Anwender und für jeden Anwendungsfall die beste und effektivste Möglichkeit ist, wirkt es in vielen Situationen unflexibel und dogmatisch. Es ist anzunehmen, dass gerade Windows-Umsteiger diese Beschränkungen als Rückschritt betrachten werden. Ob dies einen Vorteil auf dem Unternehmensdesktop darstellt, auf den Gnome durchaus zielt, darf ebenfalls bezweifelt werden.
Ob das "räumliche" Modell von Desktop-Objekten oder die hierarchische, pfadbasierte Navigation das bessere Prinzip ist, entscheiden letztlich die Nutzer. Um so mehr erstaunt aus Usability-Sicht, dass diese offensichtlich vorher nicht gefragt wurden. Nichts wäre einfacher, als beide Modelle in Nutzertests zu überprüfen und dann eine Entscheidung zu treffen. Wären solche Tests durchgeführt worden, so könnten die Gnome-Entwickler die Ergebnisse nun mit den Kritikern diskutieren. Stattdessen werden Theorien über Wahrnehmungen und Psyche auf die Computer-Nutzung übertragen und als allgemeingültig postuliert.
Nichtsdestotrotz ist es eine Bereicherung und ein sinnvoller Ansatz, wenn nicht alle großen Desktop-Projekte versuchen, Windows nachzuahmen oder allgemein auf den sicheren, ausgetretenen Pfaden zu bleiben. Mit dem "neuen" Navigationsprinzip könnte Gnome eine eigene Nutzergruppe ansprechen, die einen einfachen, unkomplizierten Desktop bevorzugt. Damit diese Möglichkeit nicht reine Vermutung bleibt, müssen jedoch professionelle Nutzer-Tests ein integraler Bestandteil der Open-Source-Softwareentwicklung werden (pju).
Autor und Autorin
Jan Mühlig ist Vorstand der relevantive AG, die sich auf Usability im Software- und Web-Bereich spezialisiert hat. Jutta Horstmann ist Informatikerin und arbeitet als selbständige IT-Beraterin im Bereich Entwicklung und Projektmanagement.
Infos
[1] Informationen zum Gnome-2.6-Release: http://www.gnome.org/start/2.6/notes/
[2] Der "Spatial Way" für Nautilus: http://www.bytebot.net/geekdocs/spatial-nautilus.html
[3] Abschaltmöglichkeit für den Pop-Up-Modus in Sicht: http://lists.gnome.org/archives/nautilus-list/2004-May/msg00101.html



