aufmacher.jpg

Lost in Space

Wie benutzerfreundlich ist Nautilus 2.6?

01.07.2004
,
Mit der neuen Version 2.6 hat Gnome sein Konzept des Dateimanagers grundlegend überarbeitet. Der stellt nun das räumliche Vorstellungsvermögen der Nutzer auf die Probe.

Usability im LinuxUser

Am Thema "Usability", also: Benutzerfreundlichkeit, dürfte sich das Schicksal von Linux auf dem Desktop auf lange Sicht entscheiden. Grund genug, ihm eine monatliche Kolumne zu widmen, in der wir Open-Source-Projekte mit Blick auf ihre Benutzbarkeit diskutieren.

Nicht weniger als eine neue Ära der Desktop-Navigation unter Linux soll er einleiten – der Datei-Browser Nautilus in der neuen Gnome-Version 2.6. Hinter diesem hochgesteckten Ziel des Entwicklungsteams steckt ein Paradigmenwechsel, der den Gnome-Desktop leichter erlernbar und intuitiver bedienbar machen und ihn besser an die Denk- und Nutzungsweise der User anpassen soll [1].

Das Gnome-Team bezeichnet die neue Herangehensweise als "Spatial Way" oder "Spatial Interface" ("spatial" – "räumlich"). Während die meisten anderen Dateimanager (darunter der Konqueror, der Windows Explorer und der Mac OS X Finder) sich mehr oder weniger stark an der Pfad-Metapher orientieren und eine Navigation innerhalb von oder zwischen hierarchisch gegliederten Verzeichnissen ermöglichen, versucht Gnomes Dateimanager Nautilus, stattdessen ein visuelles Modell von Objekten zu vermitteln [2].

Objekte, Orte und viele, viele Fenster

In der Praxis zeigt sich das am deutlichsten daran, dass sich Ordner immer in neuen Fenster öffnen und Dateien (im Idealfall) nicht im gleichen Fenster oder in einer Vorschau, sondern von der zuständigen Applikation dargestellt werden. Dadurch muss der Benutzer sich nicht mehr mit einem komplizierten Dateisystem vertraut machen, um an für ihn interessante "Objekte" (Dateien, Ordner, Programme, …) zu gelangen. Statt der bekannten hierarchischen Verschachtelung, die sich an Dateipfaden am deutlichsten zeigt, gibt es ein Nebeneinander von "Objekten" an "Orten".

Da diese neue Art, wie wir uns auf dem Computer zurechtfinden sollen, bei vielen zunächst Verwirrung oder Ablehnung hervorruft, versucht Nautilus, den Nutzer am "Zurückfallen" in die Welt der Pfade zu hindern. Entsprechend ist der aktuelle Pfad nicht sichtbar, auch gibt es standardmäßig keine zusätzliche "Baum"-Ansicht (Abbildung 1a). Als Zugeständnis an die unwilligen Nutzer können beide jedoch angezeigt werden (Abbildung 1b).

Abbildung 1a: Nautilus 2.6 verbirgt Verzeichnispfade.
Abbildung 1b: Für die Unverbesserlichen gibt es den "alten" Modus.

Am Nutzer vorbei entwickelt?

Das Gnome-Projekt verspricht sich von diesem Modell, dass Anfänger die Computer-Bedienung schneller und intuitiver erlernen, während fortgeschrittene Nutzer nach kurzer Zeit einen "Produktivitätszuwachs" erfahren. Zahlreiche Diskussionsforen-Einträge zeigen allerdings, dass dies nicht für jeden gilt.

Gerade die Eigenschaft, immer neue Fenster zu produzieren, sobald ein neuer "Ort" besucht wird, empfinden viele Nutzer als inakzeptabel. So ist es nur eine Frage der Zeit (vermutlich schon beim nächsten Release), dass sich diese "Pop-Up"-Funktion einfach abschalten lässt [3]. Gleichwohl verwundert, dass das Gnome-Projekt den Nutzer (obwohl technisch möglich) zuvor nicht an der Entscheidung teilhaben ließ, sondern ihn zum Besseren "erziehen" wollte. In der Linux-Welt ist dieser Weg sicherlich neu.

Tatsächlich haben die Fenster-Kaskaden ihre Grenzen und werden schnell unübersichtlich, wenn man tief in die Hierarchien geht. In der Praxis zeigt sich, dass man je nach Anwendungsfall schnell zwischen verschiedenen Ansichten wechseln können muss;, etwa, weil man ein soeben abgespeichertes Dokument in einem sehr vollen Ordner über die Sortierung nach Datum finden will. Die Standard-Ansicht von Nautilus 2.6 sieht dafür weder ein Tastatur-Kürzel noch ein Icon vor, lediglich einen Kontextmenüeintrag.

Hinzu kommt, dass die Fenster ihren Namen allein durch den aktuellen Ort erhalten. Besitzt man nun aber zwei verschiedene Ordner namens divers (z. B. einen lokal und einen auf einer Daten-CD), so erscheinen diese auf dem Desktop als zwei identisch benannte Fenster (Abbildung 2). Um herauszufinden, welcher nun welcher ist, muss man umständlich nach den Überresten der Pfadnavigation suchen.

Abbildung 2: Das Spatial-Konzept sorgt für Verwirrung bei gleichnamigen Fenstern. Erst ein Klick auf den Button in der linken unteren Fensterecke ermöglicht die Unterscheidung.

LinuxCommunity kaufen

Einzelne Ausgabe
 
Abonnements
 

Ähnliche Artikel

  • Gnome-Dateimanager im neuen Gewand
    Die Versionsnummer 2.6 scheint ein Garant für Änderungen zu sein. Besonders viel Neues wartet auf Anwender von Nautilus, bei dem sich nicht nur im Hintergrund, sondern auch optisch viel getan hat.
  • Schwerpunktthema: Gnome 2.6
  • Teile und herrsche
    Peter Norton schuf vor über 20 Jahren einen einfach zu bedienenden Dateimanager mit Zweifenster-Modus. Der Gnome Commander tritt an, um den Veteran zu beerben.
  • Schlanker Datei-Jongleur
    Komfortables Dateimanagement jenseits von Nautilus und Konqueror ist kein Ding der Unmöglichkeit. Das Programm Pcmanfm lockt mit schlanker Architektur und neuen Möglichkeiten.
  • Riesiger Zwerg
    Ab Ende April erscheinen unter anderem von Ubuntu, Mandriva und Fedora neue Distributionen, die in der Gnome-Variante auf das aktuelle Gnome 2.30 setzen. Dieser Artikel zeigt, welche Neuerungen in dieser Gnome-Version stecken.
Kommentare

Infos zur Publikation

LU 12/2014: ANONYM & SICHER

Digitale Ausgabe: Preis € 4,95
(inkl. 19% MwSt.)

Mit der Zeitschrift LinuxUser sind Sie als Power-User, Shell-Guru oder Administrator im kleinen Unternehmen monatlich auf dem aktuelle Stand in Sachen Linux und Open Source.

Sie sind sich nicht sicher, ob die Themen Ihnen liegen? Im Probeabo erhalten Sie drei Ausgaben zum reduzierten Preis. Einzelhefte, Abonnements sowie digitale Ausgaben erwerben Sie ganz einfach in unserem Online-Shop.

NEU: DIGITALE AUSGABEN FÜR TABLET & SMARTPHONE

HINWEIS ZU PAYPAL: Die Zahlung ist auch ohne eigenes Paypal-Konto ganz einfach per Kreditkarte oder Lastschrift möglich!       

Tipp der Woche

Ubuntu 14.10 und VirtualBox
Ubuntu 14.10 und VirtualBox
Tim Schürmann, 08.11.2014 18:45, 0 Kommentare

Wer Ubuntu 14.10 in einer virtuellen Maschine unter VirtualBox startet, der landet unter Umständen in einem Fenster mit Grafikmüll. Zu einem korrekt ...

Aktuelle Fragen

Nach Ubdates alles weg ...
Maria Hänel, 15.11.2014 17:23, 4 Antworten
Ich brauche dringen eure Hilfe . Ich habe am wochenende ein paar Ubdates durch mein Notebook von...
Brother Drucker MFC-7420
helmut berger, 11.11.2014 12:40, 1 Antworten
Hallo, ich habe einen Drucker, brother MFC-7420. Bin erst seit einigen Tagen ubuntu 14.04-Nutzer...
Treiber für Drucker brother MFC-7420
helmut berger, 10.11.2014 16:05, 2 Antworten
Hallo, ich habe einen Drucker, brother MFC-7420. Bin erst seit einigen Tagen ubuntu12.14-Nutzer u...
Can't find X includes.
Roland Welcker, 05.11.2014 14:39, 1 Antworten
Diese Meldung erhalte ich beim Versuch, kdar zu installieren. OpenSuse 12.3. Gruß an alle Linuxf...
DVDs über einen geeigneten DLNA-Server schauen
GoaSkin , 03.11.2014 17:19, 0 Antworten
Mein DVD-Player wird fast nie genutzt. Darum möchte ich ihn eigentlich gerne abbauen. Dennoch wür...