Gnome-Dateimanager im neuen Gewand

Neue Natürlichkeit

Die Versionsnummer 2.6 scheint ein Garant für Änderungen zu sein. Besonders viel Neues wartet auf Anwender von Nautilus, bei dem sich nicht nur im Hintergrund, sondern auch optisch viel getan hat.

Wer viel Arbeit in ein Projekt investiert, ist zu Recht stolz darauf. So verwundert es nicht, dass sich die "Werbeversprechen" freier Software kaum von denen kommerzieller Anwendungen unterscheiden. Schöner, schneller und funktionaler ist die neue Version, und in Sachen Benutzerfreundlichkeit hat sich einiges getan. Das alles soll auch auf Nautilus 2.6, das Herzstück des Gnome-Desktops zutreffen. Wir haben getestet, wie sich der nach einem Kopffüßler benannte Dateimanager im Alltagseinsatz schlägt.

Radikal abgespeckt

Das Versprechen, Nautilus sei schneller geworden, hält der Dateimanager gleich beim ersten Doppelklick auf das Icon Persönliches Verzeichnis. Die kurze Bedenkzeit, die Nautilus sich früher gönnte, gehört der Vergangenheit an: Auch gut gefüllte Ordner öffnet die neue Version im Handumdrehen. Die prompte Reaktion sorgt bei erfahrenen Gnome-Nutzern gleich für einen Kulturschock: Das soll Nautilus sein, dieses, je nach Füllstand des Home-Verzeichnisses, mehr oder weniger kahle Fenster? Die linksbündige Navigationsansicht ist verschwunden, nach einer Browser-ähnlichen Adresszeile sucht man vergebens, und auch eine Werkzeugleiste hat der radikal überarbeitete Dateiverwalter nicht im Angebot (Abbildung 1).

Abbildung 1: In der neuen Standardeinstellung bietet Nautilus weder eine Baumansicht noch eine Adressleiste.

Was so ungewohnt erscheint, ist der neue Spatial-Modus (spatial=räumlich), der dazu gedacht ist, unerfahrenen Benutzern die Navigation und die Arbeit mit Dateien zu erleichtern. Die Anwender sollen sich nicht mehr mit Dateisysteminterna wie Pfaden herumplagen, sondern das Nautilus-Fenster selbst als Ordner wahrnehmen. Welche Überlegungen im Einzelnen hinter dieser Design-Entscheidung stehen und inwieweit das neue Konzept die Usability verbessert, beleuchtet der Artikel Lost in Space ab Seite 75.

Die Rückkehr zur klassischen Dateimanager-Ansicht ist bei Nautilus 2.6 leicht möglich, doch selbst wer am liebsten seine gewohnte Arbeitsumgebung auf der Stelle zurück haben will, sollte dem neuen Spatial-Modus eine Chance geben. Für jeden Ordner öffnet Nautilus ein neues Fenster, so dass man auch ohne Dateibaum Dateien bequem per Drag & Drop verschiebt. Will man erst am Ende der Aktion entscheiden, ob man verschieben, umbenennen oder eine Verknüpfung erzeugen möchte, hält man statt der linken die mittlere Maustaste gedrückt. Sobald man eine Datei am Ziel fallen lässt, öffnet sich ein Auswahldialog (Abbildung 2), in dem man zwischen den drei Möglichkeiten wählt oder die Aktion abbricht. Handelt es sich bei der Datei um eine Grafik, kommt der Menüpunkt Als Hintergrund verwenden hinzu, mit dem man das Bild dem Zielverzeichnis als Hintergrund zuweist.

Abbildung 2: Nutzt man die mittlere Maustaste für Drag & Drop, öffnet Nautilus dieses Auswahlmenü.

Die mittlere Maustaste ist auch das passende Werkzeug, um die neue Fensterflut einzudämmen: Ein Doppelklick damit schließt das aktuelle Nautilus-Fenster und öffnet ein neues für den angeklickten Ordner. Wer sich das nicht merken kann, da in den meisten Browsern ein Klick mit der mittleren Maustaste ein neues Fenster öffnet, betritt seine Verzeichnisse stattdessen mit dem gewohnten Doppelklick bei gedrückt gehaltener [Umschalt]-Taste.

Bevölkern schon unzählige Fenster den Desktop, räumen Ordnungsfanatiker mit [Umschalt-Strg-W] auf: Die Tastenkombination schließt alle Eltern-Fenster. Wer lieber den Weg über das Menü geht, ist unter DateiEltern-Ordner schließen an der richtigen Stelle. Um später wieder eine Verzeichnisebene nach oben zu wechseln, muss man nicht die gesamte Hirarchie erneut durchwandern: [Alt-Pfeil hoch] transportiert den Anwender einen Ordner höher. Mehrere Ebenen im Verzeichnisbaum klettert man am einfachsten mit dem Button links in der Statusleiste nach oben: Er zeigt den aktuellen Verzeichnisnamen an und öffnet bei einem Klick ein Ausklappmenü, das alle Ordner bis hoch zum Wurzelverzeichnis auflistet (Abbildung 3).

Abbildung 3: Über den Button in der Statusleiste hat man übergeordnete Verzeichnisse im Schnellzugriff.

Um Ordner doch über ihren Namen anzusteuern, bietet sich die über [Strg-L] erreichbare Dialogbox an, die den Pfadnamen aufnimmt. Tippfaulen Anwendern kommt die im Hintergrund arbeitende Auto-Vervollständigung entgegen: Sobald man einen eindeutigen Teil des Namens eingegeben hat, vervollständigt Nautilus ihn. Ein Druck auf [Tab] übernimmt den Vorschlag, und ein abschließendes [Enter] öffnet den gewünschten Ordner.

Nautilus verliert glücklicherweise niemals den Überblick über die vielen Fenster, die sich auf dem Desktop tummeln. Öffnet man ein Verzeichnis, dessen Fenster schon irgendwo hinter den anderen versteckt liegt, erzeugt der Dateimanager nicht etwa ein weiteres, sondern bringt das bereits vorhandene in den Vordergrund. Ordner, die bereits offen sind, stellt Nautilus neuerdings mit anderen Icons dar, so dass man mit einem Blick feststellt, welche Fenster bereits auf dem Desktop liegen (Abbildung 4).

Abbildung 4: Nautilus zeigt durch ein spezielles Icon an, wenn ein Verzeichnis schon offen ist.

Elefanten-Gedächtnis

Eine weitere Neuerung ist, dass Nautilus sich den Status und die Position jedes Fensters auf dem Desktop merkt. Ist man beispielsweise in einem Ordner mit vielen Unterordnern bis ans Ende gescrollt, öffnet Nautilus das Fenster wieder im unteren Bereich, stellt also sozusagen den vorherigen "Scroll-Status" wieder her. Zusätzlich speichert er die Position jedes Fensters, das der Benutzer schließt, und platziert es beim nächsten Öffnen exakt an derselben Stelle.

Die Informationen zur Position und Scroll-Status speichert Nautilus in Dateien im XML-Format im Verzeichnis ~/nautilus/metafiles. Deren Name beginnt mit dem Speicherort, beispielsweise file: für lokale oder ftp: für Ordner auf einem FTP-Server.

Praktisch ist das gute Nautilus-Gedächtnis für Anwender, die hauptsächlich in einigen wenigen Verzeichnissen zugange sind und diese ordentlich auf der Arbeitsfläche arrangieren. Für alle anderen ist es irritierend, wenn neue Fenster nicht in der Nähe des Cursors aufgehen, sondern unvermittelt in der gegenüberliegenden Bildschirmecke auftauchen.

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