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Eine haarsträubende Geschichte

Gastkommentar

01.07.2004

Liebe Leserinnen und Leser,

mit dem Spruch: "Das kannst du vielleicht deinem Frisör erzählen!" verdeutlicht man seinem Gegenüber, eine Geschichte nicht zu glauben. Vor ein paar Tagen saß ich nun beim Frisör, um meine Haar auf bürotauglich entfransen zu lassen. Mein "Top-Stylist", so die Bezeichnung auf seiner Karte, versteht nicht nur das Handwerk mit Kamm und Schere, er ist zudem ein Kommunikationsprofi: Er redet gewandt, weder zu viel, noch zu wenig, kaum Belangloses und seine Themen sind verbindlich, aber nicht zu persönliche. Angenehm eben.

Umso mehr durchzuckte es mich, als er nun plötzlich anhob: "Du hast doch was mit Programmierung zutun, oder!?" In der Gewissheit, dass Gespräche, die so beginnen, gewöhnlich in einer Sackgasse enden, zeufzte ich kurz und beteuerte, dass ich eigentlich kein Programmierer sei, sondern meine Frisörbesuche als IT-Journalist finanziere muss. Doch so einfach ließ er mich aus der Nummer nicht raus: In den nächsten zehn Minuten gab er mir bekannt, dass sein Windows-PC seit Monaten unter diversen Viren, Würmern und Trojanern leidet – und mit ihm er.

Mein Leiden dagegen fiel geringer als befürchtet aus, denn ich musste meinem Haarkünstler nicht erklären, dass und wafür es Virenscanner und Personal Firewalls gibt. Auf seinem Rechner hatte er diese Dinge nämlich schon im Einsatz. Aber ein Freund habe ihm geraten auf Linux umzusteigen, was ich denn davon hielte – klar, viel natürlich.

Auf meine Frage, welche Anwendungen er denn so benutze, kamen neben dem Opera-Browser (ideal mit Linux zu kombinieren) Photoshop und andere Grafikprogramme aus der Profi-Liga ins Gespräch. Während die Schere in bedrohlicher Nähe meines linken Ohres klimperte, versuchte ich eine Lanze für Gimp zu brechen – ehrlicherweise hinzufügend, dass die Bedienung ein wenig archaisch und die Unterstützung des CMYK-Farbraums noch (vorsichtig ausgedrückt) sehr neu ist.

Zu meiner Überraschung kannte mein Coiffeur die Windows-Version von Gimp und versicherte, lieber bei seinen Adobe-Programmen bleiben zu wollen. Mein Hinweis, dass sich Gimp super skripten lässt, brachte nicht die argumentative Wende. Jetzt sah ich trotz neuer Frisur ein bisschen alt aus. Da noch kein Spiegel in der Nähe meines Hinterkopfs geschwenkt worden war, konnte ich mich nicht durch Flucht aus der Affäre ziehen.

Mein Rat: "Kauf dir einen Mac", stellte ihn denn auch zufrieden. Ich lobte noch kurz Apples Gehäusedesign, machte auf den Hardwarepreis aufmerksam und fügte hinzu, dass man auch prima Linux darauf installieren könne. Während ein Fön unsere Konversation verebben ließ, dachte ich mir, dass irgendwann ein guter Teil der MacOS-X-Anwender dem Unix-Charme des Systems erliegen werden und über diesen Verschiebebahnhof bei Linux ankommen. Als ich den Salon verließ, hatte ich zwei Dinge gelernt. Erstens, (potenzielle) Linux-Anwender überall. Zweitens, ich verwende nie mehr im übertragenem Sinne: "Das kannst du vielleicht deinem Frisör erzählen!"

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