Usability im LinuxUser
Am Thema "Usability", also: Benutzerfreundlichkeit, dürfte sich das Schicksal von Linux auf dem Desktop auf lange Sicht entscheiden. Grund genug, ihm eine monatliche Kolumne zu widmen, in der wir Open-Source-Projekte mit Blick auf ihre Benutzbarkeit diskutieren.
Erleichtert aufgeatmet haben viele, als die Entwickler der Bildverarbeitungssoftware Gimp Änderungen an der Benutzungsoberfläche der neuen 2.0er Version als wesentliche Verbesserung nannten. Allerdings bedeuten Korrekturen an der Oberfläche nicht zwingend leichtere Bedienbarkeit – ob es sich tatsächlich um die ersehnte Verbesserung zum Positiven handelt, wollten wir wissen und nahmen deshalb die Gebrauchstauglichkeit der deutschen Version in kleineren Nutzungstests genauer unter die Lupe.
Bei so komplexen Programmen wie Gimp lassen sich Aussagen über die Nutzungsfreundlichkeit jedoch nicht ohne weiteres verallgemeinern: Wie jemand damit klarkommt, hängt unter anderem vom Verständnis für Konzepte der Grafikbearbeitung und vom Erfahrungsniveau bei der Bedienung ähnlicher Anwendungen ab. Deshalb konfrontierten wir zwei absolute Neulinge und zwei Photoshop-Nutzer mit Gimp 2.0 und baten sie, einige Standardaufgaben zu lösen.
Die neue Gimp-Version 2.0 wartet mit einer verbesserten Verwaltung der zahlreichen Dialoge und Optionsfenster auf. Sie können nun in speziellen Containerfenstern, den sogenannten "Docks", gesammelt werden. Der Vorteil liegt auf der Hand: Statt die Arbeitsfläche mit einer Vielzahl einzelner Fenster zu überfluten, die das Bildfenster unter Umständen überdeckt, ordnen die Docks mehrere Dialoge nach dem Prinzip von Karteikarten in einem einzigen an (Abbildung 1a).
Vor allem Bildbearbeitungsneulinge sollen so schnell einen Überblick darüber erhalten, welche der angezeigten Dialoge für die momentane Aufgabe von Nutzen sind. Gimp 1.2 versteckt wichtige Optionsfenster oft vor dem Benutzer und öffnet an anderen Stellen zu viele Dialoge (Abbildung 1b). Vor allem unter Windows ist dies sehr unangenehm, da die Verwaltung einer Unmenge an Fenstern nicht zu den Stärken dieses Betriebssystems zählt.
Das Andocken von Dialogen
Um Dialoge in Form von Karteikarten in einem Dock zu sammeln, verschiebt die Benutzerin diese via Drag & Drop oder verwendet dafür vorgesehene Schaltflächen am rechten oberen Rand der Karteikarten.
Weder die Bildbearbeitungsneulinge noch die Photoshop-Umsteiger hatten Probleme im Umgang mit den Docks. Trotzdem zeigte sich ein interessanter Unterschied: Sowohl Gestaltung als auch Positionierung der Schaltfläche, die das Menü zum Andocken von Dialogen öffnet (Abbildung 2a), ähnelt sehr dem Menü für Werkzeugeinstellungen in Photoshop (Abbildung 2b). Die Photoshop-Nutzer vermuteten darum hinter der Schaltfläche ein Werkzeugmenü und kamen nicht auf die Idee, dieses Menü zum Verschieben von Dialogen zu öffnen. Stattdessen nutzten sie Drag & Drop. Die unvoreingenommenen Grafik-Neulinge dagegen erkannten die Funktion des Menüs auf Anhieb.
Auch an anderer Stelle stellt Gimp 2.0 seinen Benutzern mehrere, alternative Wege zum Erreichen eines Ziels zur Verfügung. Bei einer Anwendung, die von Nutzern mit unterschiedlichem Erfahrungshintergrund auf einer Vielzahl von Plattformen eingesetzt wird, ist dies von entscheidender Bedeutung für die Benutzbarkeit.
Einen Bildbereich auswählen
Beim Bearbeiten eines Bilds wählt man zunächst den zu ändernden Bereich aus. Gimp stellt hierzu mehrere Werkzeuge zur Verfügung: Neben der rechteckigen und elliptischen Auswahl gibt es den "Zauberstab", der einen zusammenhängenden Bereich markiert, und die Auswahl nach Farbe.
Alle Auswahl-Werkzeuge lassen sich in den Modi Ersetzen, Hinzufügen, Subtraktion und Schnitt verwenden. Mit deren Hilfe ist es möglich, aus einer primitiven Markierung in Rechteckform eine komplexe Auswahl zu erstellen. Statt nur über Tastaturkürzel wie in der Vorgängerversion erreicht man die Modi in Gimp 2 auch komfortabel über Schaltflächen in den Werkzeugoptionen, die mit verständlichen Icons und aussagekräftigen Tooltipp-Texten versehen sind (Abbildung 3).
Einzig die Bedienung der Modi bereitet so manchem Nutzer Schwierigkeiten: So tut die Subtraktion genau das, was der Tooltipp-Text Von Auswahl abziehen beschreibt, nämlich einen Ausschnitt von einer bestehenden Auswahl wegzunehmen. Gibt es diese nicht, so lässt sich nichts abziehen, und es passiert – eigentlich folgerichtig – nichts. Trotzdem haben vor allem unerfahrene Nutzer mit diesem Verhalten Probleme.
Dies liegt zum einen an mangelnder Konsistenz bei der Nutzung der Modi: Im Hinzufügen-Modus ist es – anders als bei der Subtraktion – jederzeit möglich, eine neue Auswahl zu erstellen. Zum anderen merkt sich Gimp die Werkzeugeinstellungen auch über Sitzungen hinweg. Steht der Modus aus einer früheren Sitzung auf Subtraktion, versteht ein Neuling unter Umständen nicht, warum er keine Auswahl erstellen kann.
Natürlich ist es durchaus sinnvoll, Werkzeug-Einstellungen wie Pinselart oder Farbauswahl zu speichern, um sie dem Benutzer über verschiedene Sitzungen hinweg zur Verfügung zu stellen. Allerdings waren die Gimp-Entwickler hier etwas zu großzügig, denn wer kann sich schon daran erinnern, ob er in der vorigen Sitzung im letzten Arbeitsschritt eine Auswahl abgezogen oder hinzugefügt hat?
Gewöhnungsbedürftig ist auch das Einstellen einer Auswahl mit bestimmtem Seitenverhältnis, also zum Beispiel eines Quadrats. Statt die gängigen Werte 1:1, 1:2 und 2:1 als Standardoptionen anzugeben und zusätzlich die freie Eingabe zu erlauben, kommt die Eingabemaske zur Angabe einer festen Größe zum Einsatz. Was dabei am meisten verwirrt ist, dass eine Maßeinheit bestimmt werden kann, die zum Festlegen eines Verhältnisses eigentlich unnötig ist (Abbildung 4).



