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Viren jagen oder nicht?

01.05.2004

Liebe Leserinnen und Leser,

ich habe Virenwarnsysteme ja immer für ziemlich überflüssig und (soweit kommerziell) auch für Beutelschneiderei gehalten. Aber letztens kam ich doch ins Grübeln.

Das Ganze nahm seinen Anfang, als ich meiner Freundin Maren Windows auf meinem alten Laptop installierte (ein neuer wurde fällig, weil OpenOffice drei Minuten zum Starten brauchte). Noch vor dem ersten Einloggen poppte ein Fenster auf, in dem mich ein Herr Norton informierte, dass ich doch jetzt seine Anti-Virus-Software 30 Tage lang kostenlos testen könne. Ich hab's erstmal weggeklickt.

Seitdem surft Maren nun am Wohnzimmertisch, bearbeitet Word-Dokumente und erzählt mir ab und an einen Schwank aus dem europäischen Behördenleben: "Neulich hat die Soundso-Behörde wieder eine Datei geschickt, da war so ein Word-Makro-Virus drin …" Woraufhin ich dann etwas unruhig werde. Ob ich nicht vielleicht doch das Angebot von Herrn Norton …?

Als echter Security-Profi habe ich aber erstmal alle Updates eingespielt. Doch die Zweifel bleiben: Sind jetzt wirklich alle Lücken beseitigt? Unter Linux meine ich mich auszukennen und weiß, dass der PDF-Viewer nicht irgendwelche Unartigkeiten anstellt. Aber wer weiß schon, was Windows so alles im Namen der Benutzerfreundlichkeit anstellt?

Benutzerfreundlichkeit: Wer mit Sicherheit zu tun hat, für den hat das oft etwas Anrüchiges. Benutzerfreundlich, das sind diese ganzen Hacks, mit denen einem die Desktop-Leute das Sicherheitskonzept ruinieren. Aber je länger ich nachdenke, desto mehr frage ich mich, ob das so ganz stimmt. Klar, wer nicht küsst, kriegt auch keinen Herpes. Aber deshalb nie mehr küssen? Oder im übertragenen Sinne: nie wieder ein von Sourceforge heruntergeladenes Paket installieren und testen?

Eben. Und deshalb wird es wohl immer Viren, Trojaner und sonstige Bösewichte geben – und Bedarf an Virenscannern (bitte glaube keiner, dass Trusted Computing in irgendeiner Form die Ausbreitung von Viren verhindern wird).

Dass Linux bisher nur in sehr geringem Umfang von dem Problem betroffen ist, liegt sicher mit an der Entwicklungsphilosophie. Aber wie im echten Leben braucht auch ein digitaler Virus eine genügend große Population, um überhaupt von uns als solcher wahrgenommen zu werden. In wahrscheinlich nicht allzu ferner Zukunft wird Linux die kritische Masse erreicht haben.

Das wird interessant werden. Aber noch fühle ich mich deutlich wohler, wenn Maren Outlook vorerst links liegen lässt und ihre Mail weiterhin mit KMail liest. (pju)

Der Autor

Olaf Kirch benutzt Linux seit Kernel-Version 0.97 und hat viele Jahre damit verbracht, Linux sicherer zu machen. Er arbeitet zur Zeit in den Suse Labs an NFS, IPv6 und Security.

Anmerkung der Redaktion: Dem Spannungsfeld Sicherheit und Benutzerfreundlichkeit widmet sich ein ganzer Artikel ab Seite 78.

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